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Die Welt · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Article
Posen / R. J.
Date
1898-10-28
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 Nr. 43 wenigsten haben die Juden Veranlassung, sür Herrn Lewinski einzutreten; im Privatleben schon längst völlig „assimiliert", hat dieser Herr vor einigen Jahren ein Schriftchen erscheinen lassen, worin er die Regierung aufforderte, die Assimilation der Juden in allen wesentlichen Punkten zu erzwingen, die Kinder zur Uebertretung des Sabbaths zu nöthigen u. s. w. In der That haben die Posener Juden in ihrer großen Mehrzahl soviel gesunden Sinn gezeigt, dass sie die Candidatur Lewinski's heftig bekämpfen. Nur einige gesinnungstüchtige Geldjuden und eimge orthodoxe Streber agitieren für die Wahl von Lewinski. Nur in einem Punkte bin ich mit Ihrem Berichterstatter vom 8. October einig. Die Juden können aus dieser Wahl manches lernen: 1. Das gewerbsmäßige Assimilantenthum lässt keine Gelegenheit unbenutzt, um sich den Regierungsleuten, auch den antisemitischen, gefällig zu zeigen und einen widerwärtigen Chauvinismus zu heucheln. 2. Bielen Juden ist die „Bescheidenheit" soweit eingebläut, dass sie schon stolz und ehrgeizig sind, wenn sie überhaupt einen Juden zu Ehren und Würden gelangen sehen; sie empfinden nicht mehr, wie sie sich herabwürdigen durch das Eintreten für einen Stammes- oder Glaubens „genoffen", der nichts so sehnlichst gewünscht, so consequent erstrebt hat, als diese „Genosienschaft" von sich abzuschütteln. R. J. Schweiz. Basel, den 24 Oktober. Aus Alexandrien kommt die Trauerbotschaft, dass am Samstag dem 22. Oktober an Bord der „Midnightsun" der manchen Congressbesuchern durch seine liebenswürdige Gastfreundschaft und sein warmes Jnteresie sür den Zionismus bekannte Verlagsbüchhändler Kober aus Basel, der nach Palästina reiste, um der Einweihungsseier der Erlöserkirche beizuwohnen, auf der Rhede von Alexandrien von einer Herzlähmung betroffen wurde, der er noch vor der Landung erlag. Kober, aus Württemberg gebürtig, widmete sich dem Kausmannsstande und übte diesen Berus anfangs der Sechzigerjahre in Jerusalem aus, wo er seine Gattin, die Tochter des Bischofs Gobat, kennen lernte. Seit 1867 war er Mitbesitzer der christlichen Buchhandlung seines Oheims Spittler. Unter seiner Leitung hatte das Geschäft einen großen Aufschwung genommen, so dass es heute unter den Berlagshandlnngen mit wesentlich religiöser Tendenz in ganz Deutschland eine der ersten Stellen einnahm. An allen religiösen Unternehmungen betheiligte er sich mit großem Jntereffe, besonders aber erfteuten sich alle Bestrebungen, die mit dem Heiligen Lande irgendwie zusammenhiengen, seiner regen Theilnahme und thätige» Unterstützung. Auch der Zionismus fand sofort seine Sympathien, weil er davon nicht nur einen Aufschwung der Culturverhältnisse des heiligen Landes, sondern auch des jüdischen Volkes selbst erwartete. Tenn die nationale und religiöse Wiedergeburt des jüdischen Volkes war für ihn ein Glaubensartikel. Er war christlicher Zionist und als solcher hatte er lebendiges Interesse sür das jüdische Volk. Dies bewies er auch praktisch, indem er das Zustandekommen der beiden Zionistencongreffe in Basel nach Kräften mit Rath und That unterstützte. So dürfte ihm auch in zionistischen Kreisen ein freundliches Gedenken gewidmet sein. Frankreich. Paris. Seit Wochen beherrschte ungeheure Aufregung das ganze Land und unsere Stadt insbesondere. Bon revisionsfreundlicher und von antisemitisch-klerikaler Seite wurden die lebhaftesten Anstrengungen in Versammlungen, ans Parteitagen und in der Presse gemacht, um die Mafien sür den Standpunkt der Redenden oder Schreibenden zu gewinnen. Man kämpfte ans beiden Seiten mit der Erbitterung, welche sich bewusst ist, dass es sich entweder um einen vollen Sieg oder um eine vernichtende Niederlage handle. Die ungeheuerlichsten Jntrignen wurden ersonnen, die verbrecherischesten Complote geschmiedet, alle Ränke lies; man spielen, um zum Ziele zu gelangen, um den Gegner zu vernichten. Die fieberhafteste Thätigkeit aber wurde auf die Zeit unmittelbar vor der Kammereröffnung verwendet. Die Anhänger der Revision, welche in der Schwäche B r i s s o n s gegen den Generalstab und die Militär- Partei den Erfolg dieser letzteren gegeben sahen, thaten alles Mögliche, um ihn von allen Unternehmungen der vereinigten Umstürzler und Antirevisionisten in Kenntnis zu setzten. Wiederholt wurde er auch vor Chanoine, seinem Kriegsminister, gewarnt. Aber Briffon hörte nicht oder wollte nicht hören. Man hatte öfter den Eindruck, als ob er der rüden Angriffe müde, auf die Gelegenheit warte, um in Ehren aus der Unpopularität zu flüchten, in welche man ihn konsequent zu bringen suchte. Nicht wenig mögen zu diesem Schwanken und zu dieser Unentschloffenheit gerade in der wichtigsten Zeit seine Ministercollegen beigetragen haben, welche alle, um ihre politische Zukunft besorgt, dos Möglichste thaten, um sich nicht alle Brücken zu einem Rückzuge auf die Gegenseite zu verrammeln. Das Verhalten Faures, der seit dem Jnslebentreten des Cabinets Briffon eine geradezu unconstitutionelle Position einnahm, mag zu dieser Entmuthigung des Ministerpräsidenten das' Ihrige beigetragen haben. So kam der Tag der Eröffnung der Kammer heran. Der. Sturm aus das Ministerium, den man vorausgesehen, ja planmäßig vorbereitet und. öffentlich angekündigt hatte, war wohl insceniert. Zwar hatte man dafür gesorgt, dass Massenkundgebungen vor der Kammer nicht stattfinden konnten, aber gegen den Berrath im eigenen Lager war man trotz aller Warnungen nicht gerüstet. Als der Kammerpräsident Deschanel die Interpellationen betreffs der Dreyfusaffaire und der Demission Cavaignacs zur Verlesung brachte, und Briffon erklärte, man müffe diese Affaire als reine Rechtsftage, nicht als politische behandeln, brach der Sturm los. Deroulode wendete sich in heftiger Weise gegen die Regierung und verlangte den Rücktritt des Cabinets, welches nach der Demiffion Cavaignacs und Zurlindens, das Votum der Revisionscommiffion missachtend, gegen den Willen des Landes die Revision eingeleitet habe. Man.müffe diese Politik des Cabinets sofort brandmarken, wenn auch dadurch der Kriegsminister Chanoine, ein General, mitbetroffen Nach Döroulede eilte der Kriegsmiuister auf die Tribüne. Unter gespannter Ansmerksamkeit der Kammer erklärte er, dass er wohl die Entscheidung der Civilgewalt achte, in der Dreyfusaffaire aber vollständig der Meinung seiner Vorgänger sei. Er lege deshalb in die Hände der B-rtreter des Landes, das Depot wieder zurück, das ihm anvertraut worden sei. Er vertraue der Kammer die Ehre der Armee an und gebe hiemit seine Demiffion als Kriegsminister. Unter lebhaftem Beifall der Clericalen und Nationalisten verließ hierauf CH an o in e die Kammer, ohne zu seinen Ministercollegen zurückzukehren. Diese schienen von der Erklärung Chanoines vollständig überrascht worden zu sein. In der Kammer erhebt sich ein wilder Lärm. Es kommt zu Raufereien, namentlich zwischen Socialisten und Antisemiten. Da besteigt Briffon die Tribüne und erklärt: „Ich habe der Kammer nur ein Wort zu sagen. Als dem General Chanoine das Portefeuille des Krieges angeboten worden ist, war die Entscheidung bereits gefasst, das Revisions- Verfahren einzuleiten und die Frage der Revisions-Commission zu unterbreiten. General Chanoine war davon unterrichtet. Später wurde in seiner Gegenwart die Entscheidung getroffen, den Revisions-Antrag dem Cassationshofe zu überweisen. Noch heute morgens in der Sitzung des Ministerrath es hätte General Chanoine mir seine Demission übergeben können. Nichts konnte die Regierung vermnthen lassen, dassGeneral Chanoine diese De Mission in einer so allen Gebräuchen widersprechenden Form geben würde. Angesichts dieser Sachlage hat die Regierung die Pflicht, sich zur Berathung zurückzuzicheu. Inzwischen darf die Regierung die Hoffnung hegen, dass die Kammer sie in dem Bestreben unterstützen werde, das Uebergewicht der bürgerlichen Gewalt zur Geltung zu bringen."

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