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Die Welt · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Article
Wien
Date
1898-10-28
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Str. 48 Jpie&WdC bemittelten und armen Classen wird aber auch in Rücksicht ans den Cultus selbst mehr, viel mehr gesorgt werden müssen als bisher. Es müssen jedermann zugängliche, unentgeltlich zugängliche, würdige Cultusstätten geschaffen werden, damit auch der arme Jude, namentlich an den hohen Feiertageli, seinen religiösen Pflichten Nachkommen könne, ohne Chikanen und Demüthigungen erleiden zu müssen. Vor allem muss aber entsprechend dem Wiedererwachen des jüdischen Denkens und Fühlens der Religionsunterricht und die Erziehung in jüdisch-nationalem Geiste kräftig und rückhaltlos gefördert werden. Gerade anf diesem Gebiete ist viel gesündigt und viel auch aus Unkenntnis und leider auch aus Schwäche und verwerflicher Rücksichtnahme gefehlt worden. Am meisten Wohl beim hebräischen und geschichtlichen Unterrichte, der eine gründliche Reform dringend erheischt. Nicht minder wichtig ist aber auch eine energische Förderung der Organisation der österreichischen Judenschaft. Keiner wird hoffentlich verkennen, wie viel gerade auf diesem Gebiete von einer zielbewussten Gemeindevertretung geleistet werden könnte. Wir wollen kein Programm entwerfen. Wir wollen nur ganz kurz auf ein paar der wichtigsten Punkte hingewiesen haben, deren Besprechung und Begründung ja in ausführlichster Weise erfolgen wird: aber heute wollen wir schon darauf aufmerksam machen, wie wichtig gerade in den jetzigen traurigen Verhältnissen die Cultusgemeinden für uns Juden geworden find, und welch hohes Interesse alle Juden Wiens daran haben müssen, dass nur Männer, die Herz und Verständnis für die Aufgaben des modernen Jndenthums haben, die Leitung dieser Gemeinde in die Hand bekommen. Deutschland. Berlin, 1 l. Oktober. Die Berliner z i v II i st i s ch e Vereinigung, die man als die größte in ganz Deutschland bezeichnen darf, veranstaltete heute eine Versammlung ihrer Mitglieder und Schekelzahler, in welcher der Vicevvrsitzeude Herr Dr. Katz über den Congress referierte. Der Referent hob die Bedeutung dieses zweiten Congresses gebürend hervor, welcher praktische Arbeiten und praktische Fragen zu lösen unternahm und zum Theil auch gelöst hat. Natürlich hätten sich dabei mancherlei Meinungsverschiedenheiten ergeben mit gelegentlichen temperamentvollen Zwischenrufen, die aber den harmonischen Gesammteindruck durchaus nicht störten. Diese Ausführungen fanden reichlichen Beifall bei allen Anwesenden mit Ausnahme eines Herrn Davidsohn, der in der zu begründenden Bank ein unheilvolles Instrument erblickte, vermittelst dessen ruchlose Millionäre unglückselige jüdische Bauern zu ihren Leibeigenen machen würden. Weil die Berliner Delegierten diesen schwarzen Teufel, den Herr Davidsohn so intensiv an die Wand malte, gar nicht vorausgesehen haben — - sie glauben auch jetzt noch nicht daran, diese Vertrauensseligen'. so schleuderte ihnen der temperamentvolle Herr mit zerschmetternder Wucht den Vorwurf der Volksfeindlichkeit entgegen. Außerdem beklagte er, dass auf dem Congress zu häufig der Apparat der Schlussanträge aufgeboten wurde. Herr Davidsohn setzte sich, und es gab ein paar, welche applaudierten. Der Vorsitzende aber ertheilte das Wort Herrn S. L u b l i n s k i. Dieser gicng dem schwarzen Teufel des Herrn Davidsohn energisch zu Leibe und wies das Leibeigenschaftsgespenst als einen Spuk nach, der im Zeitalter der Geldwirtschaft unmöglich wäre. Die jüdischen Mafien des Ostens hätten es im Uebrigen ganz in ihrer Hand, die Bank zu demokratisieren — sie brauchten nur die Mehrzahl der Actien an sich zu bringen, und das würden sie auch thun, wenn der Zionismus eine volksthümliche Bewegung ist. Gibt es aber noch keine zionistischen Volksmassen, dann wäre eine Bankgründung überhaupt nicht möglich. Lublinski gab zu, dass auf dem Congress die Debatten durch Schlussanträge manchmal abgeschnitten wurden. Aber man musste auf die exceptionelle Lage der russischen Delegierten Rücksicht nehmen. Alsdann ergriff das Wort Herr Leo M o z k i n zu einer interessanten Auseinandersetzung. Man wird sich noch erinnern, dass das eingehende und freimütige Referat Mozkins über Jüdisch-Palästiua seinerzeit wahre Beifallsstürme nnd eine mächtige Bcgcisterung entfesselt hat. Aber ein bekannier pseudozionistischer „Realpolitiker", der einen feinen Instinkt dafür besitzt, wo ctivas zu holen ist, setzte sich hin und schrieb mit Pathos eine Broschüre und stellte fünf angebliche „Lügen" Mozkins fest. Man beschloss, diese Sache in unserer Bereinigung zur Sprache zu bringen und lud hiezu auch den Realpolitiker ein — der aber nicht erschien! Mozkin hatte leichtes Spiel. Er sollte nicht in der Schule von Roschpinah gewesen sein, weil mau ihm dazu die Erlaubnis versagt hätte. Er war aber thatsächlich dort, und man hat ihm nur nicht erlaubt, die Kinder zu prüfen. Dafür aber prüfte der Lehrer, und Mozkin hörte zu und urtheilte. Er hatte auf dem Congress auch anf den schädlichen Einfluss junger Mädchen hingewiesen, die nur ein paar Jahre sich in Paris aufhalten, um dann das große Wort in den Schulangelegenheiten der Colonie zu führen. Dagegen nun machte der Realpolitiker triumphierend geltend, dass einige der palästinensischen Schulen unter der Oberaufsicht von Scannern ständen. 0 sancta simplicitas! Eva hatte freilich nicht die Oberaufsicht über das Paradies, was aber Adam doch nicht hinderte, in den sauren Apfel zu beißen — Einfluss hatte sie also doch! Noch siegreicher wies Mozkin die statistischen Angrisfe des Realpolitikers zurück. Dieser nämlich schrieb nicht nur die Broschüre gegen Mozkin, sondern, kurz vorher noch, eine Art Bädeker für Jüdisch-Palästina, in welchem er Zahlen angibt, die mit den Angaben Mozkins viel mehr übereinstimmeu, als mit den Angaben der Broschüre. Da ist eine Ortschaft, deren Juden Mozkin etwas über 1600 angesetzt hat. Der Realpolitiker in der Broschüre zetert darob entsetzlich und gibt frisch und fröhlich gleich eine siebenfach größere Zahl an. In seinem Touristenbuch aber, gedruckt in diesem Jahr, stellt er die Anzahl der Sephardim sowohl wie der Aschkenasim in jenem Orte fest, und addiert man diese beiden Gruppen, so ergibt sich genau die Zahl Mozkins. Was ist geschehen, dass sich in den letzten Wochen die Bevölkerung versiebenfachte? Vermuthlich hat jede jüdische Mutter Sechslinge bekommen, wie es Raschi für die ägyptische Knechtschaft constatierte. Oder nicht? U. A. w. g. Posen, 28. October 1808. Zur Landtagswahl wird uns von wohlinformierter Seite berichtigend mitgetheilt, dass von Seite der freisinnigen Volkspartei gegen die Candidatur des jüdischen Justizrathes Dr. Lewinski nur deshalb Front ge macht wurde, weil dieser Herr ein politisch sehr unsicherer Kantonist ist. Er wurde zuerst seitens konservativ-antisemitischer Wahlmacher und einiger vrdenslüsterner Gouvernementaler aufgestellt, lediglich um einen Keil in die vorher fest geschlossene freisinnige Partei zu treiben. Engen Richter mag früher der Ausstellung jüdischer Candidaten abgeneigt gewesen sein: dass er es heute nicht mehr ist, sondern im Gcgentheil in mehreren, den Freisinnigen absolut sicheren Kreisen jüdische Candidaturen angeregt hat, ist notorisch. Ob ihn dabei rechtlich-ideale oder vvlitisch-reale Gesichtspunkte geleitet haben, erscheint für die thatsächliche Feststellung nebensächlich. So hat man auch in Posen der Aufstellung des Juden Lewinski nicht einen schön drapierten Antisemitismus entgegengestellt. Vielmehr wurde Herrn Lewinski, der zur Gewinnung der „staatserhaltenden" Parteien sich ein antipolnisches Mäntelchen umgehängt hatte seine Frau ist selbst Polin! — zu Gemüthe geführt, dass cs für einen der jüdischen Minorität angehörenden Mann doch recht bedenklich ist, die rücksichtslose Unterdrückung der polnischen Minorität zu predigen. Demgegenüber billigt die freisinnige Vvlkspartei den Polen vollständige Gleichstellung im Staatsleben zu und protestiert gegen die Beschränkung des polnischen Sprachunterrichtes und anderer polnisch-nationaler Eigenthümlichkeiten, soweit sie mit dem Staatsbürgerthum vereinbar sind. Auch in anderen politischen Fragen steht Herr Lewinski ganz abseits von der freisinnigen Volkspartei, er gehört der auchfreisinnigen Vereinigung an, die sich dem Regierungswerbeu gegenüber schon wiederholt recht schwach gezeigt hat. Am

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