Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Article
- Zionistenfresser
- Date
- 1898-10-28
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 Seite 7 die volle Wahrheit darüber zu hören, was der jüdische Lbergen eralstab aus dem Gewissen hat. Was sie am Zionismus hassen, das ist nicht der eventuelle Auszug ihrer Milchkuh nach Palästina, denn sie verlassen sich viel zu sehr aus ihre namen- und zahllosen Jntriguen. um die Bewegung zu vereiteln. NeinWas ihr Entsetzen verursacht und die Klappen ihrer Gallengänge öffnet, das ist die Umwandlung der von ihnen systematisch verchristlichteu, nunmehr aber verwahrlosten Heerden in echte Juden. Nein! Judenblut wird vielleicht der Zionismus dereinst auf sich laden müssen, aber auch dann mit Stolz, denn Heldenblut wird es sein; allein die seit 30 Jahren an den Knopflöchern unserer jüdischen Häirptlinge prangenden rothen Bändchen der Ehrenlegion — das ist das Blut anderer, das ist jüdisches Märtyrerblut! Dass es einmal zu dieser Polemik kommen mußte, wussten wir schon lange und wir haben uns vor jeder Herausforderung gehütet, weil wir die Angriffe schon kommen sahen. Allein mit gleißnerischen Gegnern ist kein Friede zu hoffen — und auch nicht zu wünschen. Die muß man energisch in das von ihnen ersehnte Christeuthum hineinjagen, sonst haben sie Gewalt und Tücke genug, alle Unwissenden aus uns zu Hetzen, und lassen wir sie walten, so werden sie — wie sie es jetzt schon prvüiren, die B l n t b c s ch u l d i g u n g tausendmal geschickter und ersolgreicher handhaben, als es die Antisemiten seit Jahrhunderten gethan haben. Ter Rest von Judenthnm, der in ihnen schlummerte, ist schon erstorben, aber was sie aus ihrer Kreuzung mit Bollblntjesniten erworben haben, das lodert und flackert in ihrer Brust auf, und damit hoffen sie uns zu versengen. Aber wir haben für uns das Wort der Wahrheit und des brüderlichen Judenthums, und so werden wir ihnen zum Trotz den französischen und algerischen Juden — die nnerhofste Rettung bringen. Lazarus' Ethik des Iudenthums. Von B. Jacobs. Tie jüdische Ethik hat von Haus aus ein theologisches Gepräge. Wie die gesanunte jüdische Weltanschauung nicht ohne Gott gedacht werden kann, so gibt der jüdische Geist der Sittlichkeit eine theistische Begründung. Sittlich gut und gottgefällig, sittliches Gesetz und göttliche Verordnung sind untrennbare Begriffe, sie sind jedoch keineswegs identisch. Nicht durch den göttlichen Befehl wird das Sittliche zum Gesetz, sondern weil es auch ohne Befehl zum Gesetz werden müsste, weil es, um mit Kant zu sprechen, autonom ist, wurde es von Gott befohlen. Tas Princip der jüdischen Sittenlehre ist Gott als der Urquell und das Vorbild der Idee des Guten, als die personificierte und realisierte oder vielmehr die reale Idee der Sittlichkeit selbst. Mir anderen Worten, das Sittengesetz ist auf das Wesen der Sittlichkeit, mithin auf den kategorischen I m p e r a l i v gegründet. Tass dein so ist, erhellt auch aus dem in der rabbinischen Literatur häufig wiederkehrenden 'Aussprüche, jedes Gesetz solle lisclunoh, d. h. in seinem Namen, im Namen also des Gesetzes, um der Würde, Majestät und der unbedingt verpflichtenden Kraft des Gesetzes willen erfüllt werden. Und mit den leisesten Zweifel daran, dass die Sittlichkeit im Judenthnm als Selbstzweck erstrahlt, zu bannen, fügt Lazarus hinzu: „Ter ohnehin zweifellose Sinn dieses Begriffes von lisclvmoh wird noch dadurch bestätigt, dass es die Rabbinen für viele Fälle als pädagogisches Mittel und darum als erlaubt ansehcn, das Gute um eines-anderen Zweckes willen zu üben, z. B. das Studium der Wissenschaft aus Ehrgeiz zu betreiben, weil man dabei das Studium liebgewinnen und cs dann um seiner selbst willen betreiben werde." Als das letzte und das höchste Motiv aller Bethätigung ineistert die Moral alle anderen Zwecke, welche der Mensch erstrebt, sie nimmt sie in ihr Schlepptau, sie umfcffst und umfängt sie, gibt ihnen das richtende Maß und mit der Schranke auch die Stütze, Belebung und Erhebung. Tie sittliche Natur des Menschen ist die Vollendung alles Naturdaseins, und die Krone allergeistigen Thätigkeit ist die Schöpfung der Sittlichkeit; alle geistige Wirksamkeit, alles Forschen und Erkennen, alle Naturbcherrschung, alle Culturschöpfung und freie Kunstgestaltung mündet in dem Geiste der Sittlichkeit, welche die vollkommenste Idee ist. So bemerken die Rabbinen aus der Schule des Rabbi Janai zu der Behauptung des Koheleth, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt: „Unter der Sonne nicht, aber über derselben". Lazarus gibt diesen lapidaren Worten die zweifellos richtige Deutung, dass man im Weltlaufe der 'Natur eine Erscheinung, auch wenn sie in früherer Erfahrung nicht gegeben war, niemals als eine eigentlich neue ansehen könne, da jede Naturerscheinung in den Stoffen der Natur und in ihren Gestaltungs- und Bewegungsgesetzen begründet sei. Nur die Erscheinungen des sittlich-geistigen Daseins, die ethische Gesinnung und Lebensform, treten dem Gesammtbilde des physischen Universums gegenüber: sie bilden mit ihren eigenartigen, von allen anderen verschiedenen, anstatt auf die Naturnothwendigkeit vielmehr auf die innere Freiheit gerichteten Gesetzen ein wahrhaft Neues. Alles, was unter der Sonne lebt und webt, muss sich dem Naturgesetze beugen und fügen: man kann dasselbe durch Erkenntnis und erfinderische Combination in den Ticnst frei gewählter Zwecke stellen; aber das Gesetz selber kann weder verändert, noch vermehrt oder erweitert werden. Aber jenseits aller Natur, auch über ihren erhabensten Taseinsformen, „über der Sonne" erscheint die sittliche Weltordnung mit ihren Gesetzen, deren Ursprung und Ziel in ihnen selbst gegeben ist. Tass dies wirklich der Sinn jener rabbinischen Bemerkung ist, geht daraus hervor, dass die Auffassung der sittlichen Welt als einer schöpferischen Ergänzung der natürlichen bei den Rabbinen in mancherlei Wendungen anzutreffen ist. Unter anderem heißt es: „Wer eine sittliche Thal vollbringt, wie z. B. der Richter, der ein gerechtes Urtheil fällt, wird zum Gesellen Gottes in der Welrschöpfung." Ter Gedanke, welchen Kant mir den Worten ausdrückt: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf der Erde leben", begegnet uns bei den Rabbinen in der Allegorie: „Gott hat den Berg Sinai über die Gemeinde Israels wie eine Schale oder einen Korb gestülpt und gesagt: wenn sie das Gesetz annehmen, dann ist es gut; wenn nicht, dann sollen sie hier ihr Grab finden", oder in der Variante: „Gott hat bei der Weltschöpfung mit den Naturmächten den Pact geschlossen: wenn die Kinder Israels das Gesetz annehmen, dann sollet ihr fortbeftehen: wenn nicht, dann soll das Chaos zurückkehren." Wie alles Hohe und Edle im Mcnschengeiste, so kann die Erfüllung der Pflicht als solcher nur schwer und langsam errungen und erworben werden. Wenn Kant den Fortschritt in der Hochachtung für das Gesetz als „heilige Scheu, welche sich in Liebe verwandelt" bezeichnet, so kennt die rabbinische Literatur eine Fortentwicklung von der Befolgung des Gesetzes aus „Ehrfurcht" zu der aus „Liebe". Tie Liebe zum Sittlich-Guten allein ist die Ethik des Lebens, alles andere ist Nebensache, ist untergeordnet; cs gehört zur Technik des Lebens. Tiefe hohe ideale Anschauung wird nicht im geringsten dadurch beeinträchtigt, dass die Thora die Uebertretung der Gebote mit Strafe bedroht und denen, die sie erfüllen, Belohnung verheißt. Androhung von Strafen und Verheißung von Lohn sind, wie Lazarus sehr richtig unterscheidet, überall nur p s y ch ol o gische Mittel, um die Erfüllung der Gesetze zu sichern, aber nicht die Gründe des Gesetzes. Er äußert sich sehr scharfsinnig: „Wenn heute der Staat den Diebstahl bestraft, hat es wohl einen Sinn zu sagen, die Strafe des Tiebes sei der Grund des Gesetzes'^ Lehrt oder fordert oder verordnet der Staat die Vermeidung der Strafet Und nicht vielmehr das rechtliche Verhalten gegen den Nächsten und sein Eigenthum? Auf vielen der öffentlich angebrachten Tafeln des modernen Staates findet man: Ties und das „ist bei ö Mark --träfe verboten"; es heißt da nicht, der Anstand, die Gerechtsame oder dergleichen anderes verbietet die Sache: kann man deshalb sagen: die Strafe ist das Princip des Gesetzes?" Wohl pafSt sich die biblische Sprache zuweilen dem einfachen, schlichten, kindlichen Volksbewufstsein, welches, der allgemeinen Triebfeder der Natur folgend, nach dem Angenehmen und Gedeihlichen strebt, das Leiden und das Schädliche ineidct, an und gibt der Vergcltungstheorie Raum. „Aber," sagt Lazarus sehr feinsinnig, „nicht bloß der eigentliche Grund des Gesetzes ist in Lohn und Strafe nicht enthalten, sondern auch nicht einmal als der eigentliche Beweggrund des Willens werden sie hingestcllr. „Ehre Vater und Mutter, damit es^Tir wohl gehe und Tu lange lebest" kann nie und nimmer den Sinn haben: Tu sollst lange leben, darum sollst Tu Vater und Mutter ehren, sondern Tu willst «von Natur) lange leben: pa§ wirst Tu erreichen, wenn Tu Vater und Mutter ehrst. Gleichsam als eine Thatsache der Erfahrung, als ein natürlicher Erfolg wird der Lohn gekannt, aber er wird nicht als Beweggrund, am wenigsten als der alleinige oder eigentliche Beweggrund gedacht". Im Rabbinismus werden die Hinweisungen auf Lohn und Strafe vielfach als pädagogische Mittel, um den Menschen allmählich zur Reinheit, Lauterkeit und Freiheit des Willens zu erziehen, verwertet. Daneben sind indcss zahlreiche Aussprüche zu verzeichnen, welche von einem solchen Mittel Gefahren für den wahrhaften, selbstlosen ethischen Standpunkt befürchten und von ihm daher Umgang genomen wissen wollen.Aber nicht nur Utilitarismus, sondern auch der die meisten ethischen Systeme beherrschende E u d a i m o n i s m u s, welcher die Sittlichkeit in der durch sie erzeugten inneren Befriedigung, in dem