Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Article
- Wie treiben wir Propaganda?
- Date
- 1898-10-28
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 Jude, der noch immer aus den Träumen der Assimilation sich nicht aufstören lasiert mag und deshalb den Zionismus einfach übersieht, der wird nachdenklich fcftstellen müsien, dass der Zionismus doch nicht ein lebensunfähiger Keim sei, über den man noch hinwegsehen kann, sondern bereits als entwicklungsfähiger Stamm sich frei in den Aether des Geistes emporstreckt und leuchtende Blüten trägt, die jedem ins Auge fallen müsien. Hierher gehört auch die Gründung von jüdischen Lesehallen. Die Schaffung solcher Einrichtungen in ausreichend großem und würdigem Rahmen ist allerdings ziemlich kostspielig und die localen Bereinigungen werden daher kaum imstande sein, allein derartiges ins Leben zu rufen. So sollten sie wenigstens dafür agitieren, nnd in größeren Gemeinden werden sie es sehr bald erreichen, dass die Gemeindebhörden, aus Furcht, die Zionisten könnten ihnen zuvorkommen, selbst die Sache in die Hand nehmen. So hat sich in Breslau, infolge reger Agitation von zionistischer Seite, der Gemeindevorstand zu eiligen Schritten veranlasst gefunden, welche die Gründung einer Lesehalle bezwecken. Der moralische Erfolg ist dennoch unser; und ich gebe noch folgendes zu bedenken: Kaum eine andere Institution ist wie eine jüdische Lesehalle geeignet, auch den Gleichgilligsten für die jüdische Gegenwart zu interessieren, namentlich junge Leute in dem bestimmten Alter, wo sie der Zeitungswuth anheimsallen, wo sie nichts so sehr fesselt, wie das Studium der Journalliteratur. Man gebe den jungen Leuten in einer Lebenszeit, in der sie überdies für neue Eindrücke und neuartige Ideen am meisten disponiert sind, Gelegenheit, eine jüdische Lesehalle zu besuchen, und mit einem Schlage wird die Macht unseres ärgsten Feindes, des Jndiffereutismus, gebrochen sein. Haben wir die Jugend erst so weit, so kann es nicht fehlen, dass sie, die bisher in jüdischen Fragen urtheilslos und darum auch vorurtheilslos war, bei Beschäftigung mit den Presserzeugnisien zionistischer wie antizionistischer Provenienz ganz von selbst zu den Schlüssen kommt, welche heutzutage sich jedem objectiven Beobachter mit zwingender Logik ausdrängen. Endlich sei mir noch gestattet, auf ein jüngst von Herrn Dr. Friedemann aufs Tapet gebrachtes Propagandamittel näher einzugehen. Sein Vorschlag wird sicherlich in weiten Kreisen des Zionismus lebhaften Anklang finden, und ich wünschte, dass schon im nächsten Jahre vor Roseh hasclionoh eifrig für „Freigottesdienste" agitiert würde. Man denke, welches Aufsehen bloß die Aufrvllung dieser Frage in der Oeffentlichkeit machen würde! Wie wird der kleine Mann uns zujubeln, dass er nun die Sehnsucht noch Gott nicht mehr thener zu bezahlen habe, wie eindringlich wird den Großen der Gemeinde unsere moralische Macht zu Bewusstsein kommen! Dann, unabhängig von den Protestrabbinern und frei von dem alten Schlendrian der Cultusvorstände, wäre auch der Weg offen für wirkliche Reformen, nicht sprachliche und musikalische, sondern sociale Reformen im Cultus und im Gemeindeleben. Ueberall, in den kleinsten Judengemeinden wie in den großen und größten, ist mit der Zeit der Missstand eingerisseu, dass der Gemeindevorstand fast nur aus Geldjuden besteht. Trotz allgemein-gleichen Wahlrechtes wird bei der Aufstellung der Candidaten nicht mehr darauf gesehen, wie ihr allgemeines Wissen und Können, ihr jüdisches Streben und Wollen beschaffen sei, sondern mehr und mehr hat sich die Vorherrschaft des Geldsackes herausgebildet. Fast jede Gemeinde, Wien allen voran, hat mit solchen Cultusvorständen bittere Erfahrungen genug gemacht. Dieser Geld-„adel", -esien höchstentwickelte Typen Nordau in seiner denkwürdigen Rede auf dem I. Congress so lebenswahr gezeichnet und so hart gegeißelt hat, dieser Geldadel war es, der zuerst durch die unselige „Reform" unseren Cultus verunstaltet, durch ungestümes Drängen aus Assimilation alles Selbstbewusstsein in weiten Kreisen des Judenthums. ausgetilgt hat. Dieser Geldadel ist es auch, dessen Kinder sich zuerst als jüdsche Antisemiten geberden, um später christliche Hetzapostel zu werden. Bon eben diesen Juden, die sich in ihrem Mammonsglück bedroht fühlen, geht auch der erbittertste Widerstand Seite 3 gegen die 3iuuii'ten aus. Und trotz alledem, nur weil sie die Geldmacht repräsentieren, beherrschen sie das officielle Leben der Gemeinde, datieren sie den „geistigen Führern" ihre Protesterklärungen. Diese Herren — wie sagt doch unser Nordau so treffend? — „Auch- und Bauchjuden" beehren die Synagoge auch einige wenigemale mit ihrem hohen Besuch, um es mit dem Herrgott doch nicht ganz zu verderben, auch um sich dem Volke gelegentlich zu zeigen, aber ohne alles Herzensbedürfnis, ohne innere Sammlung und Weihe. ° Nichtsdestoweniger halten sich die Cnltusordner für verpflichtet und berechtigt, die „Mizwoth", den Segensspruch bei der Verlesung der Thora, das Oeffnen der heiligen Lade u. s. w. gerade diesen seltenen Gästen zuzutheilen. Ter ehrlich fromme, arme Kleinjude aber, der wenigstens alle Sabbathe nach dem Gotteshause strebt, der den Sinn dieser Ehrenpflichten viel besser versteht und vor allem viel mehr zu würdigen weiß, der bleibt von diesen Ehrungen ausgeschlossen, zumal er nicht imstande ist, etwas für den großen Magen der .Kirche zu „schnodern." So wird selbst in das Gotteshaus die Kasten- und Clasiendifferenz hineingetragen. Alle diese und andere Missstände, welche aus dem plutokratischen System hervorgewachsen sind, werden sich durch die Errichtung von Freigottesdiensten am ehesten ausrotten laffen. An diesen Stätten wird wieder der gntjüdische, demokratische Grundsatz Geltung haben, dass vor ihrem Gotte alle gleich sind, nur unterschieden durch die Höhe ihres Strebeus, durch die Tiefe ihres Wullens, geadelt nur durch Vorzüge des Geistes und Herzens. Hier werden die ersten Bankreihen nicht für die „vorderen" Zehntausend reserviert sein und — leer bleiben, sondern der wird auf den besten Platz Anspruch haben, der zuerst das Bethaus aussucht, um seinem Gotte die Ehre zu geben. Hier wird wieder das starke Band gemeinsamer Bethätigung national-religiöser Bräuche um die versammelten Andächtigen geschlungen werden, das Band, das uns so lange wie Glieder einer großen Familie zusammengehalten hat, das erst durch die „Reform" gesprengt worden ist. Man mag die Idee der Freigottesdienste betrachten und ausmalen wie man will, jedenfalls scheint sie außerordentlich geeignet, uns die Herzen vieler Juden zu gewinnen, uns den von H e r z l vorgezeichneren Weg in die Gemeindestuben zu ebnen. Nimmt man die vorher empfohlenen Mittel der praktischen Propaganda hinzu, so ist damit ein Arbeitsprogramm entwickelt, das für einige Jahre reichen dürste. Es stellt zwar große Anforderungen an das Wollen und Können der localen Organisationen und der einzelnen Gesinnnngsgenosieii, es verheißt aber auch rasche schöne Erfolge und reichen Lohn. „Tie Arbeit ist groß, und die Arbeiter müssen geschäftig sein, aber der Lohn ist groß." (Spr. der Väter II. 20.') Die „Iudenseile". Von B. Topher. Der Erlass des Wiener Bezirksschulrarhes betreffend die Trennung in confessionelle Clasieu hat neben seiner ethisch verderblichen Wirkung doch auch die eine gute gehabt, dass er die Gleichgiltigen, die Indolenten unter den Juden beunruhigte, aufrüttelte. Die jüdische Protestversammlnng vom 17. October bleibt trotz ihres gewaltsamen Abschlusses eine denkwürdige Kundgebung; denkwürdig namentlich für uns Zionisten. Der Verlaus und das Ergebnis derselben — um mit wenigen Worten anzndeuten, - was einer genaueren Charakteristik wohl wert wäre --- war für uns gleichsam ein Abbild dessen, was uns Zionisten stets begegnen wird beim Zusammenstoß mit jüdischen Gegnern. Wahrhaftig, nichts Schlimmes. Gegner von außen, weil sie uns misskennen, stimmen sie mit uns überein, sobald sie uns nur angehört haben. Unsere Ueberzeugung im Vereine mit kluger Taktik werden uns gleichwie jetzt, auch in der Folge, auch in anderen, bedeutenden Situationen zum Sieg verhelfen. Dem Wiener Bezirksschulrath aber wollen wir es Dank wisien, dass er den Boden bereitet hat, auf dem wir