Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Article
- Die Kaisertage in Jerusalem
- Date
- 1898-10-28
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4S Seite 2 weinend an sie lehnen, sieht der Sohn des edlen Vaters, der den Antisemitismus als eine Schmach unseres Jahrhunderts gebrandmarkt hat, denn er begreift das tiefinnerste Geheimnis unserer Zeit. Es ist die Zeit, welche mit der Wiederaufrichtung des deutschen Volksthums begonnen hat, die der Dichter ahnte, als er den Vergleich vom ehemaligen Palästina mit dem Deutschland seiner Tage formte. Der geschichtliche Sinn, der über Jahrtausende hinfliegt, erschrickt vor dem Gedanken nicht, auch Jahrtausende altes Unrecht und Missgeschick an einem ganzen Volksthum zu sühnen, das seine untilgbare Lebenskraft bewiesen hat. Und der geschichtliche Sinn, der so realistisch ist und so pietätvoll sein kann, ist mehr als alles Andere ein Merkmal der Gegenwart, deren erstes, unvergleichliches Wahrzeichen die nationale Wiedergeburt des deutschen Volkes war. Und wieder hören wir die Stimme des Dichters, Wie oft ach, als unser Volks- und Heimatsgefühl noch verschüttet lag unter der lockeren Decke der Assimilation, gedachten wir der ergreifenden Klage: „Das Vaterland wird nicht verderben, jedoch die alte Frau kann sterben." Die alte Frau war die Mutter, zu welcher der Dichter sich hinsehnte, als sie siech daniederlag. Das war die Zeit, in welcher, auf Moses Mendelssohns Spuren einhergehend, die Zunz und Friedländer und Sachs noch mit der Inbrunst einer edlen Illusion vermeinten, dass Palästina nicht mehr das Vaterland der Juden sei. Die Liebe zur Mutter war doch geblieben, die Liebe zu Jerusalem, und Zunz und Sachs hiengen begeistert an den Zionsliedern, die sie mit unübertroffener Meisterschaft verdeutschten. Da ist die Regenbogenbrücke, die hinüberführt von dem ehemaligen Palästina zu dem fast orientalischen Deutschland. O, wir wisien, dass unsere Hoffnungen, durch neuen Wind gebläht, wie schimmernde Segel, der gemächlichen Wirklichkeit vorauseilen; aber wir wissen auch, dass die Sehnsucht nach Jerusalem wieder angezündet ist und nicht mehr verflackern wird. Denn soviel ist uns gewiss, wenn Palästina im Zeichen der Civilisation wieder erblühen soll, so sind mir die Berufenen, um sie zu erneuern, und unser Anspruch ist angemeldet im Namen der Geschichte, der Humanität und der Gerechtigkeit. Der mächtige Kaiser, den Jerusalem in diesen Tagen beherbergt, ist kein Kreuzfahrer. In seiner lebensvollen Gestalt verkörpert sich, was den lichten Tag der Gegenwart erregt und bewegt. Ruhmreiche Geschichte des menschlichen Geistes liegt verschüttet an den heiligen Stätten, die sein Fuß betritt, und harrt verlangend der Wiederauferstehung im Zeichen der modernen Welt. Die moderne Welt ist Arbeit, Entwicklung, Wohlfahrt, sie ist trotz allem auch Gerechtigkeit. Von alledem wird der Kaiser nichts gewahren, denn verfallen und trauriger Oede überantwortet war Jerusalem durch die Jahrhunderte. Bevor Gottfried von Bouillon ausritt zum ersten Kreuzzug nach dem Heiligen Lande, trat er zu Raschi in das kümmerliche Stübchen, um sich sein Schicksal weissagen zu lassen, und Raschi verkündete Unheil dem stolzen Ritter. Sticht mit dem Schwerte darf kommen, wer Jerusalem zu neuem Leben erwecken will, sondern mit Pflug und Kelle. Nicht kriegerischen Eroberern, sondern friedlichen Siedlern, denen gerechter Schutz gesichert, ist es Vorbehalten, wieder aufzurichten das Land, aus dem die Welt vorJahrtausenden empfieng, was heute noch das Köstlichste ihrer Cultur und Gesittung ausmacht. Orientalisches Deutschland, von dem Volksthum des ehemaligen Palästina zu neuer Blüthe erhoben — der Dichter hat es geahnt, und wie lichter Schein beginnender Wirklichkeit gleitet ein Strahl von dem Glanze der palästinensischen Kaisertage über unsere Hoffnungen und unser Sehnen. W Wie treiben wir Propsgsnds? * Von Dr. Carl Jeremias (Breslau). Ueber diese Frage war in dem bisher vorliegenden Bericht über den II. Baseler Congress recht wenig zu lesen, und das ist ganz natürlich. Ein Theil der die Organisation und Agitation betreffenden Dinge eignet sich überhaupt nicht für Verhandlungen in breiterer Oeffentlichkeit, ein großer Theil dieser Fragen kann, als local zu regelnd, generellen Beschlüssen nicht unterworfen werden, und Erfahrungen darüber können in der zionisiischeu Presse ebenso fruchtbringend ansgetauscht werden wie in den Congressverhandlungeu. Freilich erscheint es dringend wünschenswert, dass die zionistische Publicistik mehr als bisher diesen inneren Fragen unserer Bewegung ihre Aufmerksamkeit widme. Ganz allgemein möchte ich auf obige Frage zunächst antworten : Wir muffen dem Judenthum durch Thaten, durch greifbare Erfolge imponieren. Die „Propaganda der That/ zeitigt die schnellsten und nachhaltigsten Wirkungen. Ihr großer Vorzug gegenüber den Resultaten noch so schöner Reden und Schlagworte, gegenüber allen theorethischen und programmatischen Auseinandersetzungen liegt aus der Hand: die Versammlungs- Propaganda und die Kleinagitation kann n priori höchstens bei intelligenten und gebiideten Köpfen Erfolge aufweisen: wo sic solche nicht erzielt, da sind materielle und opportunistische Rücksichten, das Gesetz der Trägheit und die Motive der Feigheit noch zu mächtig. In diesen oberen Zehntausend muss durch Erfolge von unserer Seite Schamgefühl und Ehrgeiz geweckt werden, es muss ihnen begreiflich gemacht werden, dass jeder, der an unseren Bestrebungen theilnimmt, auch an stolzen Erfolgen aus idealem Gebiete vollen Antheil hat. Die große Bolksmasse aber ist durch Reden und Discuffionen aus ihrer phlegmatischen Philisterei, der stumpfen Dulderruhe, nimmerniehr aufzuschenchen. Jeder, der in der zionistischen Propaganda sich bethätigt, wird gleich mir die Erfahrung gemacht haben, dass der kleine Mann zunächst nicht darnach fragt, was wir thun wollen und werden, sondern nur hören will, was wir schon geleistet haben. Die Masse huldigt seit jeher nur dem Erfolge, nur augenfällige Thaten können ihr Beachtung und Respect abringen. Diese Gesichtspunkte müffen für unsere Bewegung im Großen wie für die Propaganda im Kleinen unbedingte Geltung beanspruchen. Solche Erwägungen haben wohl auch aus dem letzten Congress dahin bestimmend gewirkt, einen principiellen Beschluss über die Bankgründung herbeizuführen. Und es bedeutet schon jetzt einen großen praktischen Erfolg, dass dieses recht eigentlich reale Unternehmen dem Bereich der Thatsachen nahegerückt ist. Mit umso größerem Eifer muss überall für die Zeichnung von Shares agitiert werden, einmal um den schönen Plan znr schöneren Wirklichkeit gedeihen zu sehen, dann aber auch, um den Leuten zu zeigen, dass ganz reale Politik in der Alltäglichkeit getrieben wird. Mit aller Energie muss auf die Belebung der hebräischen Sprache hingcarbeitet werden; der Congressbeschluss behufs Gründung eines hebräischen Sprachvereins darf nicht auf dem Papier stehen bleiben. Zwar wird diese große Organisation wohl nicht so bald bedeutungsvoll werden, und es wäre vor allem ganz verkehrt, wollten die einzelnen Ortsgruppen darauf warten, bis dieser internationale Verein actionsfähig wird und mit der Gewährung von Subventionen beginnt. Aus eigener Kraft müssen unsere Anhänger allerorten Sprachcurse ins Leben rufen; das wird uns auch agitatorisch vorzügliche Dienste . leisten. Der strenggläubige Jude wird staunen, dass das missachtete kleine Häuflein der Zionisten etwas zustande bringen könne, was sie immer sehnlichst gewünscht, was ihre Protestrabbiner stets im Munde geführt hatten. Und der liberale *) Anmerkung: Ohne mit diesen Vorschlägen und Ansichten ganz einverstanden zu sein, übermitteln mir sie unseren Gesinnungsgenossen zur Erwägung und Discussion.