Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 Nr. 42 jüdische Volk mit Vertrauen in die Zukunft blicken dürfe. — Dr. Herzl entwarf kein imaginäres Bild dieser Zukunft. Wir werden in kein Land kommen, „das fließt von Milch und Honig". Die heute nach Palästina gehen, können nur Pionniere fein für ihre Kinder und Kindeskinder. Aber alle Mittel des modernsten Fortschrittes werden zu ihrer Verfügung stehen. — Dr. Herzl's Besuch und Rede werden uns noch lange in Erinnerung bleiben. Sie haben die Position der englischen Zionisten gewaltig gestärkt. Die Zeitungskritiken brauchen uns von heut' ab nicht mehr zu kümmern, wir lauen sie ruhig links liegen. Was sonst an Opposition vorhanden war, ist zum Schweigen gebracht oder tritt auf unsere Seite. Wir glauben, diese Opposition lag mehr in den Federn und auf den Zungen, als im Herzen der Antizionisten. Heute erkennen wir, dass unsere Bewegung eine wahrhaft nationale und nicht die Sache einzelner, noch so hervorragender Personen ist. l.e petit Macchabi, Organ du Judaisme renaissant, betitelt sich ein neues in Antwerpen erscheinendes Journal, das von I. Marcou-Baruch als Chefredacteur geleitet wird. Das Blatt hat zionistische Tendenz und wird wöchentlich erscheinen. Die erste Nummer ist sehr gut redigiert und lässt auch für die Folge reichen Lesestoff erwarten. BücherweU. Die jüdische Geschichte. Von S. Dt. D u b n o w. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von I. F. Berlin, S. Calvary & Comp., 1898. 8°. Dubnow nimmt, wie wir von dem Uebersetzer erfahren, in der russisch-jüdischen Literatur als Historiker sowohl, wie auch als geistreicher und feinsinniger Kritiker eine fast dominierende Stellung ein und er hat besonders durch seine Untersuchungen über die Geschichte der polnisch-russischen Juden, speciell durch seine Arbeiten über die Geschichte des Chassidismus, auf diesem Gebiete geradezu grundlegend gewirkt. Dass er sich der Ausgaben des Geschichtsschreibers ganz und voll bewusst ist, erhellt aus seiner, in der Einleitung zu seinen „Historischen Mittheilungen, Vorarbeiten zu einer Geschichte der polnisch-russischen Juden" befindlichen Aeußerung: „Die Popularisation der Geschichte soll der streng wissenschaftlichen Bearbeitung derselben keinerlei Abbruch thun. Stur muss man nicht mit dem Gedanken an ein wipenschaftliches Verfahren die Vorstellung von etwas Langweiligem verbinden. Ich war immer der Ueberzeugung und bin es auch jetzt, dass die Langweile, die gewöhnlich als das Privilegium gelehrter Untersuchungen betrachtet wird, keineswegs ein unerlässliches Attribut derselben ist, vielmehr in den meisten Fällen nicht vom Gegenstand der Untersuchung, sondern vom Temperament des Forschers bedingt ist. Ja, oft wird diese Langweile einer gelehrten Untersuchung mit Absicht angehängt, weil sie zum guten Ton der akademischen Zunft gehört und von vielen mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und tieffinniger Gelehrsamkeit identificiert wird — Wenn die geisttödtende Zunftgelehrsamkeit, unter der sich nicht selten nur Gedankenarmut!) und Talentlosigkeit verbirgt, überhaupt verwerflich ist, so ist sie doppelt verwerflich in der Geschichte. Die Geschichte eines Volkes ist keine Schulwiffenschast, wie Botanik oder Mathematik, sondern eine lebendige Wissenschaft, eine inagistra vitae, die das Volk unmittelbar zur Selbsterkenntnis führt und in einem gewissen Grade auch aus den Nationalcharakter wirkt. Die Geschichte ist eine Wissenschaft von dem Volke für das Volk und darum gehört sie nicht in die dumpfe Gelehrtenstube, sondern aus das Forum. Wir erzählen dem ganzen Volke seine Vergangenheit und nicht bloß einem Dutzend Archäologen oder Numismatikern; wir arbeiten für das Ziel einer nationalen Selb st erkenntnis und nicht zu unserem eigenen geistigen Sport." Und in der That vereinigen sich in dem vorliegenden geschichtsphilosophischen Versuche streng wissenschaftliche Objektivität, feuriges und befeuerndes Temperament und packende, mitunter künstlerische Gestaltungskraft zu schöner Harmonie, um ein anschauliches und farbenprächtiges Bild von der Seele der schauerlich-schönen Geschichte des in der Menschheitsfamilie einzig dastehenden jüdischen Volkes zu entwerfen. Schon in der Periode seiner politischen Selbständigkeit war es vornehmlich ein Volk des Geistes, und die es vor allen anderen Völkern auszeichnende ganz besondere Continuität des Geistes und Gemüthes brachte es mit sich, dass es auch nach dem Verluste seiner Unabhängigkeit, in der Diaspora, als es von dem tragischen Geschicke des Königs Lear betroffen wurde, seine Einheit bewahrte und noch in der Gegenwart, welche dem Hervortreten des Individuellen und Ursprünglichen so sehr ungünstig ist, als ein scharf ausgeprägtes, selbständiges geistiges Individuum lebt. Es ist der Veteran der Geschichte, es verdient füglich den Namen des „geschichtlichsten" Volkes. Sehr sinnig sagt der Verfasser: „Wenn man sich die Weltgeschichte in Form eines Kreises denkt, so wird die jüdische Geschichte die Stelle des Durchmessers einnehmen, der durch den ganzen historischen Kreis geht, die Geschichte anderer Völker hingegen wird durch Sehnen dargestellt. die nur kleinere Theile des Kreises begrenzen. Die Geschichte des jüdischen Volkes durchläuft gleich einer Centralachse die ganze Geschichte der Menschheit von deren einem Pol bis zum anderen." Einem ununterbrochenen Faden gleich zieht sie sich von den Urcivilisationen Aegyptens und Mesopotamiens bis zu den modernsten Culturen Frankreichs und Deutschlands hin und ist eine der thätigsten Triebkräfte derselben. Ihre Perioden lassen sich mit Jahrtausenden messen. In diesem ungeheuren Zeftraum ist sie überall lebendig, voll gediegenen Inhaltes. Diese zur Bewunderung hinreißende Thalsache berechtigt zu dem Glauben, dass die Judenheit nicht untergehen könne. Der Körper, die Fornr kann zugrunde gehen, der Geist aber ist unsterblich. Die jüdische Nation vesteht und wird auch weiter bestehen, „weil sie ein lebenschaftendes Prineip durchdringt, das die Wurzel ihres Seins ist und tief im Boden der Geschichte ruht". Dieses Prineip ist das geschichtliche Bewusstsein, die Ennnerung an unsere große, bewegte Vergangenheit. Sie ist der Boden, aus welchem die jüdische nationale Idee und das mit ihr verbundene nationale.Gesühl hauptsächlich ihre Nahrung schöpfen. Die Stärke des jüdischen Nationalbewusstseins ist also von der Kenntnis der jüdischen Geschichte abhängig. Die psychologische Charakteristik derselben durch unseren Verfasser sei daher wärmstens empfohlen! S. Dr. S. O. G u s e n b e r g, prakt. Arzt zu St. Petersburg „Die Bedürfnisse der jüdifchen Bevölkerung Russlands."; Denkschrift, gerichtet an die Repräsentanten-Conserenz der Jewish Colonisation Association in Paris im October 1896. Berlin 1898. 8u/o 36 S. Die schon so große Literatur, die der Besserung der jüdischen Verhältniste im Osten gewidmet ist, wird durch die vorliegende kleine Schrift in erfreulicher Weise bereichert, was wir umso lieber hervorheben, als gerade aus diesem Gebiete so viel gesündigt worden ist. Ohne große Sentimentalität zu äußern, weiß der Autor die Lage der russischen Juden in ebenso sachlicher wie scharffinniger Weife zu entwickeln. Es liegt ihm durchaus nicht daran, grau in grau zu malen. Als russischem Patrioten widerstrebt es ihm, dre Nothlage der russischen Juden so grell darzustellen, wie sie wirklich ist. Trotzdem heischt selbst dieses so sorgfältig gesäuberte Bild gebieterisch nach gründlichen AushilsSmapregeln. Diese Denkschrift, die sich an die J. C. A. richtet, will aus Grund dessen, dass es auch liberale Elemente in Russland gibt, eine örtliche Lösung der Judensrage eventuell durch die 9. C. A. veranlassen. Aus dem Gefühl und der Ansicht heraus, dass die russischen Juden die Syinpathien dieser liberalen Kreise, soweit sie solche besitzen, nicht auch noch verlieren sollen, kommt Grusenberg zu einer Reihe von Vorschlägen, die eine Lösung des Judenproblems in Russland selbst ermöglichen sollen. Obwohl wir für die Gesammtheit der Frage die vorgeschlagene Lösung für unausführbar und für Palliative halten, so fteuen wir uns, constatieren zu können, dass hiermit auch einmal von nicht zionistischer Seite nicht bloß protestiert wird, sondern positive Vorfchläge zur Linderung der Judennolh gemacht werden. Wenn auch die Aeußerungen der rusfischen autoritativen Personen eine Thätigkeit wenigstens der J. C. A. in dem Ostreiche für unmöglich erscheinen lassen, so wird doch jedenfalls eine culturelle Arbeit, wie sie in Grusenberg's Vorschlägen zum Ausdrucke kommt, auch neben der fruchtbarsten Arbeit im Lande Israel einhergehen müssen. Wir empfehlen allen denen, die ein Herz für unsere Brüder im Osten haben, die ebenso interessante wie instructire Denkschrift zu ausmerffamer Berücksichtigung. Dr. Heinrich Sachse. Bücherrinlauf. Christenthum und Judeuthum. Von Dr. Gustav D a l m a n, a.-o. Professor der Theologie in Leipzig. Leipzig 1898. I. C. Hinrichs'sche Buchhandlung. Der rothe Bismarck. Berlin 1898. Verlag von W. Pauli's Nachfolger. (H. Jerosch.) Neue Gedanken über die Entstehung der Familie und der Religion. Von Israel Berlin. Bern 1898. Commissionsverlag von Steiger & Co. „Zwischen Scylla und Charybdis". Erzählung von D. L. Mordoweew; aus dem Russischen ins Hebräffche übersetzt von I. L e w i t. Kischinew 1898. „Materialien zum biblische» Religionsunterrichte für die Hand des Lehrers, von Joses P l o h n. Wien 1898. „rpX'nX", VI. Kalender für 5659 mit literarischen Beiträgen (hebr). Verlag „Achiasaf". Warschau 1898. „Hebräische Bibliothek". Heft 7 und 8: „Memoiren Sir M. Montefiorss" v. Dr. Lewi, übersetzt ins Hebräische von I. Ch. T a w j e w. Verlag „Tuschijah". Warschau 1898. Nr. 86 der „Welt" wurde aus Petersburg retourniert. Wir machen davon Mitthcilnng, nm unnöthigeu Reclamationen ei« Ende zn machen. Herausgeber: P. Naphauer. Verantw. Red.: Dr. Siegln. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), Vlll., Schlösselg. 11