Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- Berlin / L. K.
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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«Seile 14 de Str 42 Anstatt, welcher die verschiedensten Elemente angehören. Unsere Schulen haben stch die Erfüllung dieser Aufgabe besonders angelegen sein lassen, und wie wir glaube», nicht ohne Erfolg." Vielleicht wird das auch den Deutschen mosaischer Consesston in Wien einleuchten. Darm werden wir wenigstens nicht die lächerlichen Phrasen hören, mit denen sie jetzt gegen eine Gefahr ankämpsen zu rnüffen glauben. L. K. Posen, 8. Oktober 1898. Die so ruhigen preußischen Landtagswahlen geben unseren Juden Gelegenheit zu denken. Mögen sie es thun, wenn sie wollen. Von den Nationalliberalcn und der Freisinnigen Vereinigung wurde Justizrath Lewinski als Candidat für Posen aufgestellt, der auch die Unterstützung der Conservativen hat. Jetzt hat die „Freisinnige Volkspartei" einen Gegenkandidaten aufgestellt in der Person des Herrrr Kindler, für den Engen Richter persönlich auftritt. Begründet wird diese freisinnige Gegencandidatur — auch LewinSki ist freisinnig — damit, dass Lewinski als „Israelit" nicht die nationalen Interessen den Polen gegenüber vertreten könnte. Das ist um so wunderlicher, als bisher niemals weniger der deutsche Standpunkt vertreten wurde, als von der „Freisinnigen Volkspartei" nnd ihrem Jaeckel, der geradezu als Pole auftrat. Aber es ist ja wohl bekannt, dass Richter sogar nationaldeutsch zu empfinden vorgeben kann, wenn es sich darum handelt, die Fraction judenrein zu erhalten. Die Posener Juden können dabei nur lernen. — England. London. Ich habe wenig Freude von dem, worüber ich heute Bericht zu erstatten habe. Jedoch die Symptome des allmählichen Anwachsens der antisemitischen Bewegung in London mehren . sich in zu ausfälliger Weise, als dass man sie übersehen oder verschweigen könnte. Bor ungefähr einem Monat fand die Gründung eines grob chauvinistischen Blattes statt — den Namen nenne ich' nicht, denn es verdient keine Namensnennung — das jede Woche erscheinen soll und vorläufig bis zur zweiten Nummer gekommen ist. Es ist voll der bittersten und rüdesten Angriffe' auf die Juden. Freilich ignorieren alle anständigen Zeitungen das Sudelblatt oder nehmen von ihm nur Kenntnis, um es anzugreifen. Aber schon die Thatsache, dass ein Mensch auf den Gedanken kommen konnte, mit einem Blatte dieser Art jourllalistischen oder commerciellen Erfolg zu erzielen, ist sehr bezeichnend. Ein weiterer Wink mit dem antisemitischen Zauupfahl: Ein East-End-Blatt spricht diese Woche von der „Fremdeninvasion und sagt: Wir fangen an zu zweifeln, ob es nach 4 oder 5 Jahren in Spitalsfields, Whitechapel nnd St. Gcvrgs- East noch einen christlichen Einwohner geben werde." Ter, auf desien Geldunterstützung dieses nette Organ der öffentlichen Meinung hauptsächlich angewieseu ist, ist ein reicher jüdischer Financier, der sich eines bedeutenden Ansehens erfreut. Ein financielles Blatt, dessen Eigenthümer er ist, war das erste und einzige englische Organ, das seitens des Herausgebers die jüdische Colonialbank angriff. London. Das große öffentliche Meetinghat genau den Erfolg gehabt, den ich erwartete. Es hat die gesammte englische Jndeuheit gezwungen, zu hören — und zu sprechen. Die heute (14.) Morgen zur Ausgabe gelangte Nummer des .Jewisli Chronicle“ beginnt mit einem bitter-stirpiden Angriff auf Dr. Herzl aus der Feder Mr. Joseph Prags. Es ist gut zu wiffen. was solche Leute, die ssch als Führer der Bewegung aufspielen, denken. Was hat Herr Prag gethan? Er hat der Chowewi Zion Association neuerlich einen Schlag versetzt! Er oder ein Freund von ihui richtet in deaiselben Journal einen giftigen Angriff auf die politische Bewegung. Am meisten Beachtung verdient aber die Attaque, die von seiten der Redaction des Jewish Chronicle ans die Bank unternommen wird. Der „J. dir.“ scheint sich gehörig zusammen genommen nnd alle Hilfstrnppen aufgeboten zu haben, um einen entscheidenden Schlag zu führen. Der Angriff beginnt mit der Constatierung, dass es eine sehr errrste Sache sei, der Bewegung ein finaucielles Instrument an die Seite zu geben. Sodann wendet sich das Blatt gegeli den Ausdruck „Jüdische Colonialbank" und fragt voll Besorgnis, was die Antisemiten dazu sagen werden! Das Publicum wird vor der Bank gewarnt, die Gründung der Bank ein gefährlicher Missgriff genannt und die Hoffnung ausgedrückt, dass alle Leute von Autorität sich von dem Unternehmen fernhalten werden. Ohnmächtige Wuth ist an dem Schreibtische gesessen, von dem aus der politische Zionismus .in dieser bemerkenswerten Manier vernichtet wurde. Als ein Sir Samuel Montagu ein ähnliches Unternehmen befürwortete, war der^-Iewi-h Chronicle“ keineswegs der Führer der Avantgarde Gegner. Uebrigens werden uns diese Angriffe im Ton einer alten, verbitterten Jungfer wenig schaden, wenn anders die verschiedenen Nachrichten, die ich erhalte, sich als richtig Herausstellen. Amerika. New-Aork. (New - Norker Chronik.) Der Zionismus liegt jetzt bei uns in der Luft. Ich hatte die Genugthuung, meinen ziemlich langen und ausführlichen Bericht über den Cvngress, den ich von London aus an eines der ersten New- Aorker Tagesblätter gekabelt hatte, von den meisten profanen und religiösen Zeitschriften reprodnciert zu sehen. Das Publikum beginnt ein großes Interesse zu nehmen au dem, was man heute das Recht hat, zionistische „Bewegung" iin eigentlichen Sinne zu nennen. Denn der Zionismus ist hierzulande in fortwährender Bewegung zu immer neuen Etappen des Erfolges. Die Arbeit unserer Führer während der zwölf Monate, welche vom ersten Baseler Cvngress bis zu seinem Nachfolger verflossen, trägt ihre Früchte. Was uns noch fehlt, das ist eine gute, mannhafte Literatur, und es findet seitens aller zionistischen Vereine unseres großen Landes eine lebhafte Nachfrage nach brauchbaren Büchern statt. Wäre die jüdische Presse unserer Bewegung geneigt, dann könnte s i e dem Volke die nothwendige Belehrung vermitteln. Sonderbarerweise aber ist kein einziges der in englischer Sprache erscheinenden jüdischen Blätter frei und offen für die Sache des nattonalen Jndenthums eingetreten. Das Freundlichste, was unseren Zeitungen nachgesagt werden darf, ist: dass die wenigsten von ihnen wenigstens ehrlich zu sein sich bemühten. Die Meisten befolgten das Beispiel der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums, die sich bekanntlich den zweifelhaften Spass erlaubte, ihren Lesern den Congressbericht unter der Rubrik „Schweizer Nachrichten" — vorzusetzen. Es geht ein merkwürdiges Gerücht in unserer Stad!. Es sott ein Zio nistente mpel gebaut'werden. Dort werden die Lehren des Zionismus gepredigt werden, dort wird der nationale Glauben unseres Volkes seine religiöse Stätte haben. Mit dieser Synagoge wird, eine Religionsschüle verbunden werden, in welcher unsere Kinder die Prinzipien unserer Religion- und die Hoffnungen unseres Volkes kennen lernen sollen. Im vergangenen Monat hatten wir mehrere Synagogen- Einweihnngen, so in Altoona, Peoria, Washington und Chicago. Bei der Grundsteinlegung des Washingtoner Tempels war Präsident Mac Kinley anwesend. Tie unlängst unternommene Gründung eines neuen Tempels in Chicago bezeichnet einen eigenarttgen Versuch amerikanischer Juden, ein sozusagen demokratisches Gotteshaus zu errichten. Ein schon lange empfundenes Nebel machte sich auch Heuer während der Feiertage bemerkbar, nämlich, dass außer in den großen Synagogen auch in einer Unmenge kleiner Betlocale, die sonst ganz anderen Zwecken dienen, Gottesdienste abgehalten werden. Das merkwürdigste Stücklein in dem Fache leisteten sich zweifellos d i e Leute, die ein Theater in einen Tempel für die Feiertage nmwandelten und in ihren Einladungen den Logenverkaus als Hauptattractton des „Programmes" ankündigten! So geschehen in Philadelphia... S t c p h e n S. W i s e. 9