Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- Das Judenviertel auf Rhodos
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 42 alten Feiertagsschmuck, der den Jüdinnen von Saloniki einen so eigenartigen Reiz verleiht, sieht man hier nur selten. Den Ruf besonderer Schönheit, dessen sich die Jüdinnen von Rhodos im ganzen Orient erfreuen, habe ich eigentlich nicht gerechtfertigt finden können. Einige junge Mädchen waren freilich sehr hübsch, aber wirklich auffallende Schönheiten habe ich nicht bemerkt. Den eigenartigen Kopfschmuck haben die Jüdinnen von Rhodos mit allen ihrenGlaubensgenossinnen im Orient gemeinsam: das gewöhnlich gestickte Diadem, an das ein schwarzes, meistens aus Seidenstoff gefertigtes, beutelartiges Kopftuch ansetzt. Da hinein stopfen die verheirateten Frauen ihr Haar; denn es ziemt sich nicht, dass eine ehrbare Frau ihren natürlichen Kopfschmuck einem anderen als ihrem Eheherrn zeige. Dagegen verstört es keineswegs gegen Sitte und Anstand, dass sie aus der Gasse und im hellen Sonnenschein gerade so tief ausgeschnitten einherstolzieren, wie es bei uns den Damen der guten Gesellschaft nur im Kerzenschimmer des Ballsaales verstattet ist. Die Sonne stand schon tief, die jungen Mädchen in ihren lichten Kattunkleidern, die das dumpfe Ghetto verlassen und sich an der baumbepflanzten Uferstraße von der Kühle des Meeres hatten anwehen lassen, kehrten in munteren Gruppen heim und stießen zu ihrer Sippe, die im lebhaften Gespräch mit der Nachbarschaft auf der Schwelle des Hauses ihrer wartete. Die ungezogenen Krausköpfe wurden von den älteren Geschwistern willig oder mit Gewalt in die Wohnungen gebracht. Aus einzelnen der Häuser ertönten merkwürdige Gesänge: hier die üblichen Feiertagsgeoete, dort Klagelieder um einen geliebten Toten. Auf dem flachen Dache seines niedrigen Hauses stand ein alter Jude mit langem grauweißem Spitzbart und stimmte, während die Sonne hinter den Gebäuden des Ghetto langsam herabsank und mit ihrem dunkelgoldigen Lichte das eigenartige Bild sonderbar verschönte, eine seltsame Weise an, mit laut erhobener und volltönender Stimme, und mit einem ganz eigenartigen Pathos. Ein anderer alter Mann, der auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse zu ebener Erde an dem Pfosten seiner Hausthüre gelehnt dastand, stimmte ein, und unweit davon ein dritter. Dann ein vierter, ein fünfter. .., es klang und sang aus allen Häusern, deren Fenster und Thüren weit offen standen. Eine feierliche, patriarchalische Stimmung lag über dem Ganzen. (Köln. Ztg.) Deutsche Reservisten. Die „Saazer Nachrichten" bringen das nachstehende, sehr bezeichnende Gngesendet: Deutsche Reservisten und Landwehrmänner! Heuer zum erstenmale sollen die Controlversammlungen in der jüdischen Turnhalle stattfinden. Wir sollen mit unserem Gelde ein Unternehmen unterstützen, das uns feindlich gegenübersteht. Kameraden! Wir müssen in die Turnhalle zur Controlversammlung gehen, aber dazu kann und wird uns Niemand zwingen, dass wir dort auch etwas verzehren. Niemand von uns wird deshalb daselbst ein Bier trinken, noch etwas verzehren! Kameraden! Da die Absicht bestehen soll, wieder Gendarmerie zum Schutze der Turnhalle vor „gewaltthätigen" Beschädigungen nach Saaz zu berufen, so ersuchen wir Euch, bitten wir Euch, Euch jeder Ausschreitung zu enthalten, weil wir dadurch nur Anlass zu höchst willkommenem „Einschreiten" bieten und mir den hiesigen Juden, die schon längst darauf lauern, bis wieder einmal ein paar Scheiben eingeschlagen werden, eine Freude bereiten würden. Saaz, am 16. September 1898. Viele deutsche Reservisten. Ein Antisemit. Im „Matin" richtete ein General Lambert gegen die Anhänger der Revision heftige Angriffe. Lambert war vor Pellieux Platzcommandant von Paris; seit vier Jahren ist er im Ruhestand. Er soll jüdischer Confession sein. Lambert schreibt, sich an Schwarzkoppen wendend: „Fahren Sie nur so fort! Proclamieren Sie die Unschuld Dreyfus', nehmen Sie Picquart unter Ihren Schutz, beschuldigen Sie Esterhazy, schöpfen Sie Urtheile an Stelle unserer Kriegsgerichte, seien Sie der oberste Revisionshof für Frankreich! Sie werden dadurch die Schuld Ihres Clienten nur noch unwiderleglicher beweisen. Ihre Worte, die Worte Ihrer Chefs, Ihre kleiueu Papiere zeigen uns die Wahrheit. Es genügt, das Gegentheil von dem zu glauben, was Sie sagen.'Wenn Sie sagen, Dreyfns ist ein Verräther, dann werde selbst ich der eifrigste Parteigänger der Rehabilitierung des Gefangenen auf der Teufels- Die pomstische Bewegung. Wien. Der Einzelverein „Wien" des „Z i o n" zeigt hiermit an, dass die üblichen Dienstag-Zusammenkünfte wieder allwöchentich um ll/2 Uhr im Vereinslocale, H., Rembrandtstraße, Nr. 11 stattfinden werden. Am Dienstag den 25. d. M. findet der erste Abend statt, an welchem Herr Dr. Leopold Kahn über den Baseler Congress referieren wird. Alle Mitglieder und Freunde werden herzlichst eingeladen. Bielitz. Der Einladung des hiesigen zionistischen Vereines ..kll aschachar“ sreundlichst folgend, hielt Herr Dr. L. K a h n am Mittwoch den 5. d. M. einen Vortrag über Zionismus und den II. Baseler Congress, der einen tiefen Eindruck unter der jüdischen Bevölkerung hinterließ. Schon die Versammlung allein bewies, dass das zionistische Programm alle religiösen und socialen Parteischattierungen unter den Juden vereinigen kann. Dem Rufe Zions folgt der orthodoxe Chassid, sowie der radicalste Reformer, der Reiche sowie der Arme. Alle kamen sie und lauschten den klaren Ausführungen unseres verehrten Gastes. Ein großer Entusiasmus erwachte in der großen Menge, als Referent das Programm des Zionismus auseinandersetzte und über den großartigen Verlauf der zweiten Baseler Congresses berichtete. Ein nicht endenwollender Beifall lohnte Herrn Dr. Kahn für die über zwei Stunden dauernde Rede. Dem Vortrage folgte eine Diseussion, an der sich die Herren Director Blüh, Prof. Feuerstein, Dr. Klein und Ritte rmann betheiligten. Die trefflichen Erwiderungen des Herrn Dr. Kahn dürste die Gegner eines Besseren belehrt haben. Die Mittheilungen des Herrn Dr. Kahn über die zu gründende Colonialbank war von großer Wirkung, und wir hoffen, hierin praktische Erfolge zu erzielen. Zum Schlüsse wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die heute den 5. O ctob er d. I. i m „K a i s e rh o s" stattfindende jüdische Versammlung erklärt sich mit den Beschlüssen des II. Baseler Congresses einverstanden, drücktdemAcrionscomitöin Wien als officiellem Vertreter der Zionisten ihre v o l l st e S y m p a t h i e aus und wünscht allen seinen Unternehmungen zum Wohle des jüdischen Volkes bestes Gelinge n." Sehr viele Theilnehmer der Versammlnng traten als Mitglieder dem zionistischen Vereine bei. — Wir nahmen wiederholt Gelegenheit, Herrn Dr. Kahn für die uns bereiteten angenehmen Stunden bestens zu danken, und hegen die Hoffnung, ihn bald wieder in unserer Mitte begrüßen zu können. P. B r a f f. Dolina. Dienstag, den 4. October hielt der Verein „Bnei Zion" eineVersammlungim.,B6tll-I1runi'Irn8eIi" ab. Viele hunderte Personen, darunter zahlreiche Orthodoxe, hatten sich eingefunden, und der große Saal war bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Die Delegierten Leo Koffler und Rafael Sofferman sprachen über den Zionismus. Den Vorsitz führte Herr Z. Turteltaub, als Secretär der hebräischen Sprache fungierte Herr I. L. Litwak, als Secretär der deutschen Sprache Herr Aron Turteltaub. Die Ausführungen wurden mit Beifall ausgenommen. Nymauow. Die Zionsidee findet bei uns in den weitesten Kreisen Anklang. Die Gesinnungsgenossen betreiben eine lebhafte, erfolgreiche Agitation in allen Schichten der Bevölkerung. Nur der hiesige Wunderrabbiner verhält sich ablehnend. Dass sich der Herr mit einer vernünftigen Sache nicht befassen will, ist kein Wunder. Gegensätze stoßen sich diesmal ab. Zloczow. Unser Delegierter am zweiten Baseler Congresse Herr I. Schwadron, der schon vor einigen Monaten in vier Versammlungen mir Erfolg über den Schekel und die Colonialbank referierte, hat hier am 2. d. M. in der großen Synagoge, unter dem Beifalle der zahlreich Anwesenden, über den Congress Bericht erstattet. Kiew. Mittwoch, den 12. d. M. erstattete Herr Dr. Mandelftamm einen Bericht über den zweiten Baseler Congress. Das Referat fand großen Beifall bei den zahlreichen Versammelten, in deren Flamen das Comitä der hiesigen Zionisten ihrem ausgezeichneten Vertreter Herrn Dr. M a n d e l st a m m eine goldene Ehrenmedaille, einen „Mögen Tawid" darstellend, überreichte. Eine in der Versammlung eingeleitete Zeichnung von Shares der jüdischen Colonialbank ergab ein sehr erfreuliches Resultat. Ben-Zion. Dwinsk (Russland). Für Dienstag, den 4. October war hier eine zionistische Volksversammlung nach der großen Synagoge ausgeschrieben. Etwa 1000 Personen erschienen zur anberaumten Zeit. Zunächst gab Herr I. Eisen st a d t aus Jaffa eine Schilderung des heutigen Palästina mit seinen jüdischen Colonien. Rach ihm überbrachte Herr o. I. Sachs den Versammelten Grüße vorn Congress. „Seid einig und ihr werdet stark sein" —