Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- Eine Demonstration für Dreyfus
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315785--08633-3363701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.'tr. 42 Wkttchrmik. Eine Demonstration für Dreyfus. Aus Budapest wird gemeldet: In Debrecziu kam cs gelegentlich der Aufführung eines Schauspieles „Capitän Dreyfus" zu ziemlich erregten Demonstrationen. Die Darsteller des Capitäns Dreyfus und seiner Gemahlin wurden vom Publicum lebhaft acclamiert, während der Darsteller du Puch de Clams kaum zu Worte gelangen konnte und öffentlich beschimpft wurde. Der Letztere wurde nach der Vorstellung von einer großen Menschenmenge vor dem Theater erwartet, welche ihn insultieren wollte. Er musste unter polizeilicher Begleitung in seine Wohnung gebracht werden. „N. Fr. Pr." Bei Frau Zola. In der ^Iliäopenäenee Beige“ berichtet Maurice de Valeffe über einen Besuch bei der Gattin Zolas am Tage nach der in der rücksichtslosesten Weise vvrgenommenen Pfändung in ihrem Hause. Frau Zola behauptet, dass allein die Kunstgegenstäude im Trcppeuraume mehr als genügt hätten, um die lumpigen 30.000 Francs zu decken. Aber die Gerichtsvollzieher seien ohne Sinn und Verstand gewesen und hätten z. B. ein Gemälde von Claude Monet auf — 25 Francs (!) taxiert. Ans Einwendungen hätten sie mit Grobheiten geantwortet, und nur durch Herbeirufeu der Polizei habe mau sie verhindern können, in die Schlafzimmer einzudringeu. Im Verfolge des Gespräches sagte Frau Zola, dass gerade durch die Sympathien des Auslandes, die ihnen so reichlich zutheil würden, die in Frankreich selbst eingebüßten Freundschaften ihnen umso deutlicher zum Bewusstsein kämen. Wie discret sei doch das Ausland in dieser Frage: „l'ur oxemple vog'e/. Guillaumc!“ — Coppee, dem sich Scheurer-Kestner zuerst anvertraute, habe ihn nicht nur zurückgewiesen, sondern sei jetzt ein Gegner des Hauses Zola geworden, und - Bourget, gegen den Zola bei dem Process mit Lemerre so gütig gewesen sei. verhalte sich direct gehäffig. Bor dem Tage der Versteigerung, dem I I. Octobcr, habe sie weiter keine Furcht. Sie hatte dnrchgesetzt, dass man unten an der Treppe beginne, und Octavr Mirbeau würde sofort für den ersten Kunstgegenstand die volle Summe von 30.000 Francs bieten.* Den gegenwärtigen Aufenthaltsort ihres Gatten weiß Frau Zola nicht und will ihn nicht wiffeu. Die Briefe erhält sie durch dritte Personen. Ihr Gatte würde erst nach der Revision znrückkehrcn. Er plane jetzt nach Vollendung der „Trois villes“ von Neuem einen Cyclus von vier Romanen, welcher .Les quatre evaugiles** heißen soll. Dies sei aber eigentlich noch ein Geheimnis. Ein Buch über den Fall Dreyfus würde Zola erst schreiben, wenn Alles vorbei wäre. Er würde dort Sachen erzählen, die man für völlig unglaublich halten könnte. Die Mnxrchl der Juden in den Vereinigien stauten. Nach der Zeitschrift der amerikanischen Gesellschaft für jüdische Geschichte muss die Bevölkerung in der amerikanischen Union in einer schnellen Zunahme begriffen sein. 1880 zählte man in den Bereinigten Staaten bei einer Gesammtbevölkerung von über 50 Millionen 230.257 Inden. Seit 1880 sind etwas mehr als 485.000 Inden eiugewandert. Rechnet man dazu die Zunahme durch Ueberschnss an Geburrcn. so lässt sich die heutige Zahl der Inden in den Vereinigten Staaten auf 938000 schätzen, während sich die Gefammtbevölkerung auf etwa 75 Millionen beläuft. Während letztere also in den vergangenen 18 Jahren um die Hälfte zugenommen hat, ist die jüdische Bevölkerung auf das Vierfache gewachsen. In den Ackerbaustaaten sind sie nicht zahlreich, sie haben vielmehr ihren Sitz hauptsächlich in den Staaten, wo die größten Städte liegen. Die Stadt New-Pork zählt 350.000 Inden, die Staaten Pennsylvanien, Illinois und Californien je 85.000, Ohio 50.000, Maryland 35.000, Missouri und New-Zerfetz je 25.000, Louisiana und Massachusetts je 20.000. Die praktische Indophobie in Russland. In der vornehmsten ärztlichen Wochenschrift Russlands , Wratsdr* *) Bekanntlich wurde um diese 30000 Francs der Tisch des Gerichtsvollziehers erstanden. wurde der Brief eines russischen Arztes, Dr. Zbankoff, veröffentlicht. „Erlauben Sie mir ein paar Worte über die schmachvolle Erscheinung unserer Zeit, den Antisemitismus, zu sagen. In früherer Zeit waren die Kundmachungen über freigewordene ärztliche Posten stets einfach ohne nationale oder religiöse Znthaten; in letzteren Jahren pflegen diese Ausschreibungen immer häufiger auch die Worte „nur für Griechisch-orthodoxe" für „christliche Confeffiouen" oder einfach „für Nichtjnden" — zn enthalten. Mir sind Fälle bekannt, wo solche Anfügungen in den Kundmachungen der Landschaften (Scmst\vo?s) Eingang gefunden hoben, an deren Berfaffung auch die landschaftlichen ärztlichen Consnltationen und andere ärztliche Institutionen betheiligt sind. An diese Consultationen und Institutionen richte ich meine Worte. Mögen sie ihre Collegen von den Landschaftsräthcn überzeugen, dass weder Glaube noch Nationalität eine Bedeutung im ärztlichen Berufe haben, dass der Jude gleich dem Christen ein ausgezeichneter Arzt und Menschenfreund sein kann, dass unser Volk einen jeden liebt, der ehrlich und aufrichtig zn seinem Wohle arbeitet. Begreifen denn die Herren Collegen vom ärztlichen Stande nicht, dass derartige Beschränkungen und das Lesen derartiger Kundmachungen deprimierend ans die jüdischen Collegen wirken.... Die landschaftlichen Aerzte genießen den Ruf. die Bekämpfer aller Vorurtheile und des Aberglaubens des Volkes zu sein; die landschaftlichen ärztlichen Institutionen müffen noch weiter gehen, sie müssen die Vorurtheile der Landfchaftsräthe selbst bekämpfen und ausrotten; eines dieser Vorurtheile ist — die Judophvbie." Möge das Schreiben des edelgesinnten Arztes der bcginnnendeu Krankheit innerhalb des bis jetzt vom ^Antisemitismus freien ärztlichen Standes Russlands Einhalt thun. Diese Praktiken sind Nachahmungen des in Oesterreich und Deutschland längst eingebürgerten Modu?. Excmpla. trahunt. Das Wiener ^chnlghetkv. In Angelegenheit des Erlaßes des Wiener Bezirksfchntrathes, durch welchen die Bildung coilfcffioneller Parallclclasscn verfügt wird, liegt bekanntlich die Entscheidung des Landcsschulrathes vor. Der Inhalt derselben lässt sich im Wesentlichen in folgenden Punkten zusammenfaffen: 1. Der Bezirksfchulrath wird anfgefordcrt, die Uebelstände bekanntzngeben, welche ihn zur Hinausgabe des Erlasses veranlassten; 2. der Landesschulrath erklärt, dass der Erlass nicht im Einklänge stehe mit dem § 40 der Ministerialverordnnng vom 20. August 1870, wonach die Vertheilnug der Kinder in den Claffen und Abtheilungen vom Lehrkörper nach den obwaltenden Verhältnissen vorznnehmeu ist, dass sohin die in dem Erlaffe enthaltene Berufung auf diesen Paragraphen als unzutreffend erscheint: 3. der Bezirksfchulrath wird aufgefordcrt, sich in dieser Angelegenheit neuerdings zu äußern, d. h. einen neuen Erlass hcrauszngebcn, welcher sich mit den gesetzlichen Bestinnnnngeu nicht im Widerspruche befindet. Das Judenviertel auf Rhodos. Das Judenviertel unterscheidet sich durchaus von der totenstillen Türkenstadt. Die Gassen find zwar nicht viel weiter und auch nicht viel sauberer, und die Häuser erbärmlich. Aber hier herrscht doch wenigstens Leben und Bewegung. Hier sind alle Thüren und Fenster weit geöffnet, und aus jedem Fenster und von jeder Thür blicken dunkle Augen mit naiver Zudringlichkeit cnrs die Fremden herab. Auf den Schwellen der Hausthüre hocken kleinere und größere Gruppen älterer und jüngerer Weiber und Mädchen, denen der Mund nicht einen Augenblick still steht. Auf den Wegen lärmen und balgen sich schwarzlockigc Kinder, unter denen einige wunderhübsch sind. Wir haben den Sabbath zur genaueren Besichtigung des Judcnviertels gewählt. Der Bazar ist denn auch wie ausgestorben, alle jüdischen Händler heiligen den Feiertag. Die jüngeren Männer tragen heute frischgewaschene helle Linnenjacken mit weißem Untergründe und buntfarbiger Musterung, die älteren den mit Fuchspelz besetzten Kaftan. Den meist gekräuselten Bollbart tragen sie nach unten zngespitzt. Alle haben den Fez der Türken angenommen, wie die breite Schärpe, welche die langen, bauschigen Pluderhosen hält und zugleich als Magazin für alle tragbaren Bedarfsgegenstände dient: für den Geldsack, den Tabakbeutel, das Messer u. s. w. Besonders charakteristisch ist ihre Tracht nicht. Ebensowenig die der Weiber und Mädchen. Den