Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- Der zweite Zionistencongress und die französische Presse
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315785-3363589--08622-3363697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Seite 7 Wdr ihnen Besitz ergriffen, er ist ihr Glaube geworden und durch den Glauben wird er über alle Hinderniste triumphieren, welche dem kalten Verstände unübersteigbar scheinen. Wann? Wie? Der gegenwärtige Stand der Frage erlaubt nicht, das vorauszusehen, sie ist in der Periode des arbeitsreichen Beginnes und niemand vermag den Tag der Befreiung vorauszusagen." Können wir vielleicht von den Töchtern unseres Volkes mehr feurige Begeisterung für unsere Sache verlangen als von dieser Frau? Vielleicht wird Mme. Delay mit noch größerem Erfolge als wir anderen den Gedanken des Zionismus unter den Juden propagieren, welche ihre Artikel lesen. Als überzeugte Borkämpserin für die Gleiberechtigung der Frauen constatiert Mme. Delay auch mit Genugthuung die ehrenvolle Stellung, welche der zweite Congress den jüdischen Frauen eingeräumt hat. „Es ist eine erwiesene Thatsache", sagt sie, „dass die zionistische Bewegung dem Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen eminent günstig ist. — Es ist das erstemal, dass in Europa ein Parlanient die Frau mit dem Manne vollkommen gleichstellt. Ich finde es beschämend für das alte Europa, dass es diese Lection vom Orient bekommen muss". Alles in allem sind die Artikel der Mine. Delay für uns außerordentlich erfreuliche, denn sie bilden einen Beweis mehr dafür (wenn es deffen noch bedürfte), dass unsere Sache imstande ist, uns die Sympathien ausrichtiger und loyaler Menschen zu gewinnen. Mit einem gewiffen dögout wollen wir jetzt auf die „Libre parole“ zu sprechen kommen. Welch ein Unterschied zwischen der „Fronde“ und dieser Zeitung! In der ersten Loyalität, Aufrichtigkeit und Sympathie, in dem Organe Drnmonts Lüge, Jesuitismus und Hass. Man sagt oft, dass die Zionisten den Antisemiten sehr erwünscht gekommen seien. Es ist selbstverständlich, dass es unsere jüdischen Gegner sind, von denen diese ebenso dumme wie niedrige Verleumdung ausgeht. Ich erinnere mich sehr gut, dass gelegentlich eines Interviews Nord aus, das im vorigen Jahre in der „Libro parole“ veröffentlicht wurde, ein „israelitisches" Organ mit derselben Insinuation debütierte. Aber es genügt, die sogenannten Berichte über den zweiten Congress im Blatte Trnmonts zu lesen, um sich von der Lächerlichkeit dieser Unterschiebung zu überzeugen. Ich halte es nicht für nöthig, alle die beabsichtigten oder unfreiwilligen Jrrthümer zu berichtigen, welche sich in den Artikeln der „Libre parole“ über den zweiten Congress finden. Tie Zivilisten aber werden vielleicht mit Jntereffe die Stelle lesen, welche über das Referat des Dr. Bodenheimer betreffs der Colonialbank in der „Libro parole" enthalten ist. „Finden Sie nicht", schreibt der Berichterstatter des antisemitischen Organes, „dass dieser Bericht (Bodenheimers) ein blendendes Licht auf den tiefften Grund der zionistischen Bewegung wirft? In Wirklichkeit wird das Reich Zion nichts anderes sein, als die jüdisch-englische Bank in Zion. Während die unter den arischen Völkern zerstreuten Inden, dem Anscheine nach affimiliert, wahrscheinlich als nationalisierte Engländer, durch Wucher und Diebstahl das arische Capital, die Frucht der Arbeit, an sich ziehen und den Zionisten senden werden, werden diese wieder mit Hilfe dieser Capitalien ihren Einfluss über die ganze Welt verbreiten, die hinfort ihnen tributpflichtig sein wird. Alle die productiven Mächte, alle die Arbeitskraft, die ganze Geistessumme der in Palästina concentrierten Juden und der Engländer, dieser anderen Juden, werden von diesem einzigen Centrum mit entsetz elter Kraft ausgehen, und es wird dann wahrhaftig im Königreich Zion die endgiltige Knechtung des Ariers, die Verwirklichung der talmudifchen Prophezeihungeu eintreten; denn der Zionismus ist nichts anderes als ein Trugbild, welches das größte Project verbergen soll, das jemals gefasst wurde, um der Plutokratie, dem Reich des goldenen Kalbes, zur Herrschaft zu verhelfen." Ich glaube es ist unnöthig, diese Ausführungen zu commentieren. Wir sind überzeugt, dass, wenn diese fabelhaften Dummheiten und vom wüthendsten Hasse dictierten Gemeinheiten unseren jüdischen Antiziouistcn vor Augen kommen werden, selbst unsere lieben Freunde, die Protestrabbiner und die zionsfeindlichen Publicisten, die von ihnen ersonnene zionistisch-antisemitische Alliance nur noch mit dem Aufgebot eines ganz besonderen Maßes von bewusster Fälschung und Niedertracht in Zukunft ihren Gläubigen werden vorsetzen können. Um unsere Uebersicht zu vervollständigen, wollen wir noch des „Univers Israelite“ Erwähnung thun, um zu erfahren, was gewisse französische Juden über den Zionismus denken. Die Berichte dieses Blattes waren dem „Temps“ entlehnt, obwohl die Ausführungen der „Fronde“ einem jüdischen Blatte eher zum Nachdruck geziemt hätten. Aber wir finden auch in der Jinmmer vom 16. September einen Artikel von Louis L e v y, welcher seine persönliche Ansicht über den Zionismus auseinandersetzt. Wir wollen sofort bemerken, dass dieser Artikel eine Antwort an das katholische Journal „L'Univers et le Monde“ darstellt, welches gewünscht hatte, die Meinung feines jüdischen Zunftgenoffen über die zionistische Bewegung kennen zu lernen. Die Neugierde dieses clericalen Organes ist verständlich, wenn man bedenkt, wie sich die Dinge in Frankreich seit einiger Zeit geändert haben. Die lästige Ruhe der Juden wurde derartig erschüttert, dass man auch eine Aenderung ihres Standpunktes in Bezug auf den Zionismus erwarten konnte. In der Thal ist eine leichte Veränderung eingetreten. Unser französischer Glaubensgenosse anerkennt, dass in moralischer Beziehung die jüdisch-nationale Idee für die Gesammtheit des jüdischen Volkes lobenswerte Wirkungen hervorgebracht habe. Nun seien es aber nicht die Juden Frankreichs, welche direct an der Verwirklichung des Judenstaatsprojectes intereffiert seien. Dagegen müsste das ganze östliche Judrnthum im Zimrismus fein theuerstes Ideal finden. Als Jude bringt Herr Levy seine Sympathien für dieses Ideal zum Ausdruck, indem er beiläufig folgendes sagt: „Jawohl, es ist unsere Pflicht als Juden und Menschen, jene unserer Brüder zu unterstützen, welche von barbarischen Völkern in den schrecklichsten Zustand der Erniedrigung gebracht wurden und sich noch darin befinden. . . . Möge man ihnen die Möglichkeit geben, den verpesteten Löchern, wo sie zugrunde gehen, den kleinen Industrien, zu denen man sie zwingt, den Verfolgungen und Plackereien, mit denen man sie peinigt, zu entkommen!" Herr Levy drückt dann die Hoffnung aus, dass eine Befreiung dieser Massen und ihrer Energie und Intelligenz der Welt schon nach wenigen Generationen eine prächtige Blütezeit zeigen könnte. Unsere französischen Glaubensgenossen kommen langsam, aber sie werden kommen. Wir können zusehen und warten, bis sie das schützende Obdach unseres Zeltes aufsuchen werden. Es wird wahrscheinlich nicht mehr allzulange dauern. vt Eine jüdische Protestversammlung. Am Abend des 17. Dctober sollten die Wiener Juden so zahlreich als möglich zu einer Protestversammlung zusammenkommen, um gegen den bekannten Erlass des Bezirksschulrathes, betreffend die Einrichtung confessioneller Elasten au den Volksschulen, zu demonstrieren. Die Einberufer hatten den nicht allzugroßen Saal des Kaufmännischen Vereines zur Abhaltung der Versammlung gewählt. Sie hatten offenbar nicht das rechte Zutrauen zu der Entrüstung der Wiener Juden und hielten es daher für angezeigt, einen Saal zu wählen, der leichter gefüllt werden konnte. Trotzdem wäre es zu keiner starkbesuchten Versammlung gekommen, wenn nicht Zionisten an derselben theilgenommen hätten. Sie bildeten etwa die Hälfte der Anwesenden. Das Präsidium dieser öffentlichen Versammlung übernahm aus eigener Machtvollkommenheit Herr A n n i n g e r, der sich auch seinen Schriftführer erwählte. Die Zionisten ließen es ruhig geschehen, trotzdem sie den präsidialen Fähigkeiten des sich selbst wählenden Vorsitzenden nicht allzusehr trauten. Der Verlauf der Versammlung sollte ihrer Meinung über den Präsidenten vollauf Recht geben. Die protestierende Versammlung, die bei einer halbwegs geschickten Leitung zu einer