Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- Mit einem blauen Auge
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 42 Nach der Judenvertilgung, und um die Mordbanden vor den Christengütern fern zu halten, denn Vappetit vient en mangeant, — oder wie Shakespeare sagt: Die Fertigkeit in Greueln erwürgtdas Mitleid — wäre die Armee dazwischen gekommen, hätte den widerstrebenden Juden vielleicht den Garaus gemacht, die Minister eingesperrt und den Belagerungszustand erklärt, worauf ein Prätendent oder Felix F a u r e oder gar P e l l i e u x als König oder Dictator ernannt worden wäre. Brisson bekam von alledem durch unsere Freunde Kenntnis. Die von ihm auf Auskunft ausgefandten Polizisten brachten die Bestätigung dieser Nachrichten. Sofort wurde Pellieux seines Commandos entsetzt. Die Auflösung der Mord- und Raubligen und die Verhaftung des Führers Guerin wurde beschlossen, andere strenge, obwohl provisorische Maßregeln ergriffen und unseren Freunden bedeutet dass sie getrost zu Hause schlafen dürften. Von hoher Seite wird jedoch berichtet, dass die Gefahr noch nicht ganz vorüber ist. Allein solche Angelegenheiten, wie Staatsstreiche, sind so heikler Natur, dass, sobald die Lunte nur im mindesten benetzt ist, der ganze Plan überhaupt zu Waffer wird. Denn die Hauptsache ist dabei das Selbstvertrauen. Die nunmehr bekannte Gegenwart von Berräthern im eigenen Lager erstickt ja vorläufig jede Action. Die Folge davon muss unbedingt entweder die Verhaftung der Miffethäter, ihre Versetzung in Anklagezustand wegen Hochverraths sein, oder es müffen Brisson und die anderen sich schmählich zurückziehen, denn die öffentliche Meinung verlangt Aufklärung und würde sonst das Ministerium des Humbugs bezichtigen. Was halten die Juden davon? so wird man fragen. Nun, die Juden glauben kein Wort davon. Sie denken nämlich, dass man nur ermordet wird, wenn man es verdient. Da sie es nicht verdient haben, so halten sie sich für mord- und raubsicher. Das ist, wie man sieht, sehr bequem. Fragt man sie, ob es die Algerianer oder Galizier verdient haben, dann antworten sie naiv: Na! Das sind ganz andere Qualitäten von Juden! P Der zweite Zioniktencongrels und die französische Dresse. Von Seott Papcrin. Es lag im meiner Absicht, über die französischen Zeitungsstimmen, welche über den zweiten Baseler Congress Berichte gebracht haben, eine genaue Uebersicht zu geben und ihre Stellung oder vielmehr die Principien, welche sie dazu veranlassten, den Zionisten auseinanderzusetzen. Bis jetzt habe ich gewartet, um eine möglichst große Anzahl von Zeitungen durchlesen und ihre Berichte achtsam prüfen zu können. Nun, da ich das Material gesichtet habe, bin ich von meiner ursprünglichen Absicht etwas abgekommen. Nicht, dass sich vielleicht zu wenig französische Blätter mit den Verhandlungen des zweiten Congreffes beschäftigt hätten. Es ist eine ganz bedeutende Anzahl von Journalen, sowohl in Paris als in der Provinz, welche dem Cvngresse ihre Aufmerksamkeit schenkten, aber meist sind es nur trockene Depeschen und kurze Resumes, eventuell noch ein paar Stimmungseindrücke, welche den ganzen Inhalt dieser Berichterstattung bilden. Ich glaube auch sagen zu können, woher das kommt. Bor allem zeichnet sich die französische Presse, mit wenigen Ausnahmen, nicht gerade aus durch ihre Universalität, oder durch ein besonderes Jntereffe für allgemeine Fragen von Wichtigkeit. Die Ereignisse des französischen Lebens genügen ihr meist, um ihre Spalten mit dessen Besprechung zu füllen. Nur wenn einmal eine Ruhepause im öffentlichen Leben Frankreichs eintritt oder wenn irgend ein großer oder kleiner Scandal noch nicht soweit gediehen ist, um den Stoff für pikante Betrachtungen oder Commentare abzugeben, nur dann klammern sich die Pariser Journale an ein beliebiges Sujet, durch das sie die Neugierde ihrer Leser erregen zu können hoffen. So war es im Vorjahre, als der erste Congress stattfand. Alle die Männer des öffentlichen Lebens hatten sich — es war ja August — glücklich der Neugierde der herumspürenden Journalisten entzogen und genoffen den mehr oder weniger verdienten Frieden ihres Landaufenthaltes. Da kam der Congress. Im Vorjahre war der Zionismus für die Pariser etwas Neues, Unerwartetes und eine Sache, die in recht pikanter Weise den Lesern vorgetragen werden konnte. Natürlich beschäftigte sich also die französische Preffe mit ihm. Heuer waren die Berhältniffe ganz andere. Das Ende des Monates August brachte eine entscheidende Wendung in der Dreyfussache, und die Journale waren geradezu fieberhaft thätig, um alle die Entwicklungsphasen dieser so nervenreizenden Affaire bis ins Detail zu notieren und zu gloffieren. Wie hätte man da erwarten sollen, dass der französische Journalist, der sich um Fragen, die Frankreich nicht direct augeheu, so wenig kümmert, dem Zionistencongreffe seine Aufmerksamkeit schenke? Und dazu kam noch, dass der Zionismus ja den französischen Lesern nicht mehr unbekannt war. Trotz alledem mögen drei bedeutende Journale hervorgehoben werden, welche den Berichten über den Congress einen größeren Raum gewährten, nämlich der „Temps“, die „Libre Parole“ und die „Fronde“. Glücklicherweise ist die Stellung dieser drei Journale zum Zionismus eine so verschiedene, dass diese Zeitungen drei charakteristische Strömungen der öffentlichen Meinung Frankreichs in ihrer Stellungsnahme zum Zionismus präcisieren. Der „Temps“, das Organ der ftanzösischen Bourgeosie, bekannt durch seine maßvolle Haltung und seine opportunistische Gesinnung, hat über den zweiten Baseler Congress in kurzer, trockener Weise berichtet, ohne auf eine Würdigung des Zionismus einzugehcn. Er hat ihn nicht getadelt, er hat ihn anch nicht gelobt. Offenbar interessierte diese Bewegung seine Leser, denn er hatte einen Specialcorrespondenten nach Basel gesendet. Das Journal aber nahm weder eine freundliche noch eine feindliche Stellung zu dieser Erscheinung — der Zionismus ist ihm eine Angelegenheit, über welche es ruhig und kühl referiert. Gleichwohl ist es mir aus vollständig zuverlässiger Quelle bekannt, dass die politische Leitung des „Temps“ — Herr Hubbard, — sich für den Zionisuurs sehr intereffiert, und dass Mr. Hubbard über diese Frage eingehend mit einem unserer Freunde conferierte. Ueber die im „Temps“ publicierten Artikel ist nichts Besonderes zu bemerken. Es ist darin nur eine Aufzählung der Bvrkommniffe des Congreffes enthalten. Anders die „Fronde“. Dieses prächtige Frauenjournal ist das Echo aller edlen und menschenfreundlichen Bestrebungen geworden. Mit ihrem echt weiblichen, tiefen Empfinden schenken die Redactricen dieses Organes ihre Aufmerksamkeit jeder Art des Leidens und des Elends. So hat auch die Mitarbeiterin der „Fronde-, Mme. ClaraDelay, bald die lebhaftesten Sympathien für den Zionismus gefühlt. In sechs Artikeln, die sich durch ihren Reichthum an documentarischem Material und eine eingehende Schilderung auszeichnen, hat sie alles dessen Erwähnung gethan, was sie in Basel gesehen und gehört. Die elegant geschriebenen Artikel sind voll Aufrichtigkeit und Herzenswärme. Sie erklärt schließlich, dass die zionistische Sache in ihr eine glühende Bewunderung erweckt habe. Unter den zahlreichen Cougressberichten, die mir Vorlagen, schien mir ihr Bericht der anschaulichste und eiudrucksreichste zu sein. Die Leser der „Welt" werden gewiss mit Vergnügen einige, aufs Gerachewohl herausgegriffene Citate vernehmen. „Um den Haupteindruck des zweiten Baseler Congreffes zu resümieren", schreibt Mme. Delay, „muss ich sagen, dass unzweifelhaft ein unwiderstehlicher Drang die Juden aus allen Tbeileu der Welt nach Palästina zieht. — Der Gedanke einer Reconstitution ihrer Nationalität hat von