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Die Welt · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Article
Polizeijudenthum
Date
1898-10-21
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42 JP&OIWC Seite 3 Vielleicht werden sich die Betreffenden ihrer einstens weniger gern erinnern als anderer Conversionen, bei denen sie wohl auch „Handelnde" aber nicht Veranlasser waren. Als in der Versammlung, welche einen Protest der Judenschaft Wiens gegen die consessionellen Claffen berathen sollte, die Polizei erschien, die der Vorsitzende und seine Anhänger so innig ersehnt und freudig begrüßt haben, da wurde es allen klar, bis zu welchem Grad von Verwilderung , aller parlamentarischen Sitten auch die jüdischen Wahlmacher bereits gelangt seien. Es war dies die Folge ganz muthwilliger Provocationen, denen die Zionisten ausgesetzt waren, aber auch die Consequenz des Verhaltens dieses ganz unsähigenPräsidiums. Der Mann, das war vom Anfang an klar, war in keiner Weise geeignet, die Ruhe und Ordnung in einer öffentlichen Versammlung, zu wahren. Einflüsterer rechts, Einflüsterer links und in der Mitte dieses Prototyp der Hilflosigkeit. Unwillkürlich dachten wir an die bekannte Anekdote, nach der selbst zwei Heubündel nicht vor dem Verhungern schützen. Rechts und links Berather, und als Effect eine regellose, ungesetzlich vorgehende Versammlung, welche mit Hilfe von Polizei auseinandergetrieben werden muss. Wir sind es hier in Wien gewohnt, dass die jüdischen Angelegenheiten von unseren jüdischen Großen und Einflussreichen in der zeffahrenften und oft kleinlichsten Weise geleitet werden. Dieser Fortschritt aber, dieses unter Polizeischutz gestellte officielle Judenthum werden wir uns wenigstens von gewählten Vertretern der Juden nicht gefallen lassen. Wir wollen es den Juden Wiens klar machen, dass der jetzige Wahlmodus fallen muss, damit es besser werde. Nichtder Geld sack und die Cliquenwirtschaft darf die Wahlfähigkeit bestimmen. Weg mit dem Census bei den Cultuswahlen! Und wenn die Herren Angst haben, dass Unberufene in den Cultusvorstand kommen, so sollen sie arbeiten, sollen sie sich mit den Juden auseinandersetzen in großen, öffentlichen Versammlungen — aber ohne Polizei. Es könnten einmal schlimme Sceneu sich ereignen, und die Verantwortung würde dann mit Recht, diesen Führern auferlegt werden. Im österreichischen Parlamentwarein Abrahamowicz möglich, der die unbequemen Gegner einfach durch die Polizei fortschaffen ließ. Im Wiener Cultusrath wollen wir solche Leute oder deren Protectoren nicht finden. Man hat in der Protestversammlung vom Schulkinderstrike gesprochen. Es könnte geschehen, dass die Eltern der Kinder, welche durch die geniale Politik unserer Führer so schimpflich leiden müssen, einen Steuerzahlerstrike veranstalten, bis sie die Männer aus dem Cultusrath heraushaben, die nichts thun, und bis sie den Juden Wiens die Rechte in der Cultusgemeinde erwirkt haben, die allen gebüren. Vielleicht wird man dann wieder die Polizei holen und den Executor. Vielleicht wird man den einen oder den anderen molestieren. Helfen wird das nichts; denn dann wird man erst in den jüdischen Massen recht begreifen lernen, mit welcher Staatskunst ihre Führer ausgerüster sind. In der Protestoersammlung gegen die consessionellen Claffen, welche zur Hälfte von Zionisten besucht war, sollte ein Protest angenonimen werden. Der Protest war gut begründet, wir waren bereit, ihn zu unterstützen und haben ihn unterstützt. Wir waren, wie der Referent, von vorneherein überzeugt, dass es sich dabei mehr um eine Demonstration handle, als um eine aussichtsreiche Action. Die Versammelten sollten sich klar werden, was zu thun sei, wenn der Protest wirkungslos bleibe. Diese ganz einfache selbstverständliche Sache hat man Hintertrieben. Mit kleinlichen Versammlungskunststücken hat man unsere Redner bis auf einen am Sprechen verhindert. Wir haben die Versammlung in unserer Hand gehabt und haben sie trotz der ungehörigen Leitung vor sich gehen lassen. Wir wollten uns eben mit unseren jüdischen Mitbürgern auseinandersetzen. Man hat unsere Nachgiebigkeit missbraucht. Das werden wir uns merken. Man" hat Polizei geholt, das wollen wir zur allgemeinen Kenntnis bringen. Wir werden uns gewiss nicht zu unüberlegten Worten oder Handlungen provocieren lassen; aber den Leuten, welche nur mehr mit Hilfe der Polizei ihre das Judenthum beglückende Thätigkeit ausüben wollen oder können, den Leuten soll ihr Polizeijudenthum noch abgewöhnt werden. Von der Lächerlichkeit des Protestjudenthums zur Gewaltthätigkeit des Polizeijudenthums ist nur ein Schritt. Bei diesem Schritte dürften aber die jetzigen Gewalthaber unter den Wiener Juden straucheln. Ihren Fall wird allerdings niemand bedauern. P Der Fleischleller Aegyptens. Ein gewisser Herr Karl Kraus, der sich als bedeutender Satiriker nicht nur im Cafe Pucher, sondern auch in mehreren umliegenden Kaffeehäusern eines Weltrnhmes erfreut, hat letzthin den Zionismus angegeifert. Nur ein klein wenig; es ist ein mageres, zartgebautes Speichelflöckchen, das den Lippen des bedeutenden Satirikers entquillt. Gewöhnliche Menschenkinder denken mit dem Gehirn, wenn aber Herr Karl Kraus irgend eine Gelegenheit ergreift, um dem Denken zu huldigen, dann denkt er, — mau verzeihe die schlüpfrige Redensart — mit den Speicheldrüsen. Diesmal, wie gesagt, ist das Product der Denkarbeit etwas schwächlich ausgefallen. Zwar verzieht der bedeutende Satiriker angestrengt die Mundwinkel, (der historische spöttische Zug um die Lippen) um den Fluss seines literarischen Erzeugnisses möglichst voll und kräftig zu gestalten, aber Flöckchen bleibt Flöckchen. Wollte man Herrn Karl Kraus und das Resultat seines Schaffens so behandeln, wie sie es verdienen, dann müsste man einige in der Kinderstube gebräuchliche Methoden anwenden: Das kleine Geifermäulchen mit einem Tüchlein säubern und, weil man ja doch nicht immer rechtzeitig mit dem Tüchlein zur Hand sein kann, für unvorhergesehene Fälle einen niedlichen, hübsch gestickten Brustlatz. Das antizionistische Büchlein betitelt sich „Eine Krone für Zion" und hat nur 31 Seiten. Diese lapidare Kürze ist ein lobenswerter Vorzug des Satirikers Karl Kraus. Es gibt zahllose Schriftsteller, welche mehrere hundert, ja tausend Seiten Platz brauchen, um den freundlichen Leser von der Seichtheit und Albernheit ihres Buches zu überzeugen. Unser Brustlatz-Böb6 entledigt sich dieser Aufgabe auf nur 31 Seiten. Der Knabe Karl, der dem Zionismus durch Unarten, wie sie in der Kinderstube gedeihen, gefährlich werden will, nennt sich in seinem Büchlein einen „Publicisten, der noch im Januar ironische Worte der Abwehr gegen die Assimilationsfeinde und Judenstaatler gefunden har". Mit jener tiefen Beschämung, die der Mensch immer empfindet, wenn er sich auf einer krassen Unkenntnis der wichtigsten Ereigniffe des Jahrhunderts ertappt, gestehen wir, dass uns die denkwürdigen, ironischen Wortfuude, auf die Herr Karl Kraus im Vollgefühle seiner Selbstherrlichkeit hinweist, damals total entgangen sind. Aber trotz dieser gähnenden Lücke in unserer Bildung sind die Geistesblitze, die Herr Karl Kraus in seinem Buche von sich gibt, für uns keine Blitze aus heiterem Himmel. Denn wenn man einerseits das liebliche Menfchenmaterial kennt, aus dem sich die Heerscharen des lärmenden Antizionisums zu recrutieren pflegen und wenn man anderseits das Glück hat, über die Lebensschicksale und die persönlichen Neigungen des großen Zeitgenossen Karl Kraus näher informiert zu fein, so muss man sich nur wundern, warum Herr Karl Kraus mit seinem officiellen Beitritt zum Radau-Antizionismus so lange gezögert hat. Es scheint, dass ihn die klebrigen Eigenschaften feiner Waffengefährten in spe davon

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