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Die Welt · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Article
Der Kaiser und der Sultan
Date
1898-10-21
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42 Seite 2 dänische Welt in den Bereich der motzUpen Cultur zu ziehen. Der Pariser Kongress sprach vor zweiundvierzig Jahren als Grundsatz aus, dass das osmanische Reich in die Zahl der europäischen Mächte ausgenommen sei; aber der Grundsatz hinderte nicht, dass das Verhältnis ^Europas zur Türkei das nämliche blieb und nach wie vor "/der Kamps zwischen dem englischen und dem russischen , Einflüsse in Constantinopel sein einziges Merkmal bildete. 7 Auf so mechanischem Wege kann das große Problem dem thatkräftigen und genialen Geiste Wilhelms II. selbstverständlich nicht als lösbar erscheinen. Wenn Deutschland der Türkei civilisatorische Unterstützung leihen will, so bedarf es dazu einer wirksamen Autorität im Orient und zwar einer Autorität, welcher das Vertrauen der muhammedanischen Welt zum Fundamente dient. Den Sinn dieser Wechselseiligkeit hat Abdul Hamid zweifellos begriffen. Dieser Sultan hat in seiner stillen und nachdenklichen, fast scheuen Art die schwersten Erfahrungen überdauert, bis er vor neun Jahren unter dem Zauber der hinreißenden Persönlichkeit Wilhelms II. sich zu der Erkenntnis des wahren Rettungsmittels für sein Reich erhob. Zulass friedlicher Arbeitskraft von außen her, Hebung der materiellen Wohlfahrt mit uneigennützig dargebotener Hilfe, Bestellung von Acker und Wald, Begünstigung von Handel. Gewerbe und Industrie — das sind die Rettungsmittel, deren die Türkei zu ihrem Fortbestände bedarf. Vorurtheilslos, wie Wilhelm II. seine civilisatorischen Ideen auf das islamitische Reich überträgt, muss auch Abdul Hamid die nichtislamitischen Kräfte nutzbar machen wollen, die zu friedlicher Colonisation ihre Intelligenz und ihre Arbeitsfreudigkeit ihm zur Verfügung zu stellen bereit sind. Und nirgends in den Provinzen des osmanischen Reiches ist die Probe auf die Segnungen der Civilisation mit besserer Aussicht auf Erfolg zu machen, als in Palästina. Dorthin strebt unendliche Sehnsucht, von heißem Heimatsverlangen beflügelt, ans der Seele von Hunderttausenden, die danach lechzen, Arbeitslust, Intelligenz und friedlichen Sinn an der Erneuerung der Blüte ihres Wiegenlandes zu erproben. Nie war in gleicher Weise zu einem großen Gedanken die Möglichkeit sofortiger Ausführung gestellt. Uns, die wir mit verhaltenem Athen! dem Verlaufe der Jerusalemfahrt Wilhelms II. folgen, will es scheinen, dass diese Fahrt den Zionismus auch bei denen legitimieren muss, die jüngst noch mit Feindseligkeit oder gleich giltigem Achselzucken ihm widerstrebten. Er birgt in sich einen verwandten civilisatorischen Gedanken, denn auch er ist aus dem modernen Zusammenklang von Cultur und Humanität, von Rechrsnothwendigkeit und nationalem Selbstbestimmungsbedürfnis geboren. Wenn der Sultan den Kaiser versteht» kann er den Zionismus nicht missverstehen. Polizeijrrdenthmu. Von Dr. S. Werner. Wir Juden sind es gewohnt, dass die hohe Regierung und ihre Behörden unser in zärtlicher Liebe gedenken. Geht ja ihre wirklich ergreifende Zuneigung so weit, dass sie einem Juden nicht-einmal ein staatliches Amt übergeben wollen, wahrscheinlich, weil sie wissen, dass Würde auch Bürde mit sich bringt, und weil sie dem Juden diese Belastungsprobe nicht auferlegen wollen. Es ist zwar auch möglich, dass ein noch höherer Grad von — fast hätten wir gesagt — väterlicher Fürsorge da ins Spiel kommt. Mit dem Amt soll auch der Verstand kommen. Nun weiß man gerade in den so judenfreundlichen amtlichen Kreisen, dass ein Sprichwort leider nicht immer ein Wahrwort sei, und so will man durch Fernhaltung der Juden ihnen vielleicht nur die Enttäuschung ersparen, den VeMgnd Vergehens zn erwarten, nachdem sie das Amt erhalten haben. DeW dass die Juden an Verstand die Nichtjuden so gewaltig überragen, das ist nur eine der Liebenswürdigkeiten, dje man uns auftischt, wenn man uns wieder einmal irgend eine Wohlthat erweist, die uns das Hungern, das physische oder geistige, erleichtern soll. Die bisherigen Führer der Juden haben wenigstens von diesem Ueberverstande, man verzeihe uns das harte Wort, bisher nicht viel merken taffen. Sie haben uns mit ihrer Politik glücklich so weit gehracht, dass sie selber unser spotten, und wissen nicht wie. Ihre Thatigkeit hat sich in der besten Zeit, als sie sich energisch zeigen wollten, weil sie endlich mussten, hauptsächlich^ in zwei nicht genug hochzuschätzenden Richtungen bewegt: Sie haben interpelliert und haben protestiert. Gewöhnlich zwischen 7 und 10 Uhr abends, nach dem Geschäfte und vor der Thorsperre. Natürlich nur an solchen Tagen, an denen nicht etwa eine interessante Theatervorstellung oder sonst ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis ihre Anwesenheit an anderen Orten dringend nothig gemacht hat. Diese Zeit zwischen 7 und 10 Uhr abends, welche sie geneigt sind, nicht allzu oft und unter gewissen von ihnen selbst festgesetzten Bedingungen ihren geschätzten Glaubensgenossen zu widmen, darf aber ja nicht überschritten werden; denn erstens muss doch ein anständiger Mensch auch Nachtmahl effen, damit er nicht in der schweren Arbeit für das Judenthum körperlich leide. Und das Nachtmahl darf doch nicht zu spät eingenommen werden, das könnte der Gesundheit schaden. Gute Braten und schwere Weine soll man nicht zu spät in der Nacht genießen, das stört den ruhigen Schlaf. Zweitens aber ist doch eine Zeit von fast drei Stunden genügend, damit die Herren Führer und ihre Freunde der misera plebs zu wissen thun, was sie wollen, und was daher natürlich auch die „Angeführten" wollen müssen. Dass auch jemand von diesen Leuten seine Ansicht vortrage, ist ganz über- .flüssig. Will er etwas haben, so kann er ja bei einem der Herren Führer eine Privataudienz nehmen. Dort wird er über alles Wiffenswerte belehrt, oder, wenn er begriffsstützig sein sollte, einfach hinausgeworfen werden. Das ist nämlich der neueste Fortschritt, bei dem die Wiener Juden glücklich angelangt sind. Wenn diese Canaillen von Juden, die alles besser wissen wollen als ihre sich selbst wählende Leitung, nicht parieren, dann gibt es ja, Gott sei Dank, in unserem theueren Vaterlande noch die Polizei, den Hort und die ultima ratio aller wirklich ordentlichen und friedliebenden Bürger, für welche Nachtmahl und Sperrsechserl zwei wichtige staatliche Institutionen darstellen. Ist es da nicht zu loben, wenn die politische Weisheit der A n n i n g e r und Conforten den ihrer völlig würdigen Schritt vom Proteste zur Pickelhaube macht? Wir haben einen Namen genannt. Nicht weil er etwa der nennenswerteste ist, oder weil wir das Geringste gegen die Person einzuwenden haben. Sie hat nur in ihrer jämmerlichen Hilf- und Haltlosigkeit ganz offen gesagt und gethan, was andere lieber nicht sagen, ja nicht einmal öffentlich hören wollen. „Man darf vor keuschen Ohren das nicht nennen, was keusche Herzen nicht entbehren können". Es soll diesem Manne auch kein Vorwurf aus seinem Verhalten gemacht werden. Wenn einmal Abrechnung gehalten wird, dann läuft er ja nur so nebenbei her, ein kleiner Handlanger kleinlicher Befehlshaber. Nur festgelegt soll dieses Vorgehen werden, ganz öffentlich beim Namen muss man es nennen: Die von Cliquen und einer verfchwindend kleinen Anzahl von Juden zu Führern und Leitern gemachten Männer haben einen verhängnisvollen Schritt gethan. Sie sind v o m P r o t e stjudenthum zum Polizeijudenthum übergegangen. Wir lieben Convertiten nicht gar sehr, aber diese Conversion wollen wir besonders notieren.

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