Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-10-14
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 JÄcOWdC Nr. 41 unerklärlicher politischer Kurzsichtigkeit zu thuu, der Chef der Firma beharrte eigensinnig auf der geschäftlichen Tendenz, die ihn direct an den Rand des Verderbens geführt. Alle seine Unternehmen waren auf einen dauernden Frieden basiert. Mochte am diplomatischen Himmel noch so drohendes Gewölk aufsteigen, in der nie St. Honore sah man mit frischem, fröhlichem Optimismus der Zukunft entgegen. Selbst die Zusammenkunft Napoleons mit dem einflussreichen Minister Cavour wurde als ein Unterpfand des Friedens begrüßt. Der einzige, der die Augen offen hielt, war Jsak Goldschild. Seit dem gelungenen Streiche auf dem Ballfeste besaß er das Vertrauen seines Chefs in ungetheiltem Maße. Vielleicht hatte seine Klugheit erkannt, dass jede Vorstellung bei Herrn Osterheim taube Ohren finden würde, vielleicht verfolgte er auch einen geheimen Plan — Jsak schwieg. Nach wie vor befleißigte er sich dem Banquier gegenüber emer übertriebenen Unterthänigkeit. Nachwie vor arbeitete er rastlos, um von den trostlosen Angelegenheiten zu retten, was zu retten war. Aber dem eingeschlagenen Curse widersetzte er sich nicht. Als sich die Bäume mit jungem Grün schmückten, brach der italienische Krieg aus. In rascher Reihenfolge wurden die Treffen bei Montebello und Magenta geliefert. Wie für Oesterreich bedeuteten diese Schlachtfelder auch für das Bankhaus Osterheim eine vernichtende Niederlage. Vermögen und Credit waren dauernd erschüttert. Das Frankfurter Haus sah sich in den Ruin mit hineingezogen und machte die verzweifeltesten Anstrengungen, um seine Verbindlichkeiten gegen Osterheim zu lösen. In diesen Tagen der herannahendcn Katastrophe entwickelte Jsak Goldschild einen geradezu verblüffenden Fleiß. Er verließ in des Wortes buchstäblichster Bedeutung sein Pult im Comptoir weder bei Tag noch der Nacht. Wenn die Feierstunde geschlagen hatte, schloss er sich scheinbar den aufbrechenden Collegen an. Aber schon an der nächsten Straßenecke verabschiedete er sich unter einem nichtigen Vorwände und kehrte schnnrstraks in die me St. Honore Am Abend des 7. Juni nahm er sich nicht einmal die Mühe, diese Comödie aufzuführen. Nachdem der letzte Beamte das Haus verlaffen, sandte Goldschild auch den Diener mit der Begründung weg, er solle den Jubel, den der Sieg Napoleons in den Straßen von Paris hervorrief, mitgenießen. Dann löschte er auch die einsame Lampe auf seinem Pulte aus und schlich sich in eine dunkle Ecke des Zimmers. Todtenstille herrschte im weiten Ranme. Die großen Stehpulte erschienen in der vorgeschrittenen Dämmerung wie gespensterhafte Recken, die in Reih und Glied bereit standen, den Kampf zu beginnen. Regungslos kauerte der kleine Jude auf seinem Stuhle. Nur die langen Finger zupften nervös an der Wolle der Pulswärmer. Er war sich bewusst, dass der Tag der Entscheidung gekommen sei. Entweder verließ er an diesem Abend als Sieger das Haus — oder der Kampf mit dem Leben musste von vorne angefangen werden. Bon der gegenüberliegenden lichten Mauer hob sich die gepolsterte Thüre, die in das Zimmer des Chefs führte, gleich einer geheimnisvollen, dunklen Pforte ab. Nur das Ticken der Wanduhr war vernehmbar. Diese Grabesstille war beängstigend! Da — Jsak horchte auf. Ein Schlüffel wurde iu das Schloss der Wohnungsthüre gesteckt. Sie wurde geöffnet und wieder dumpf zugeschlagen. Eine vierschrötige Gestalt, den Cylinderhut auf dem Kopfe, trat ein uud gieng geradewegs in das Zimmer des Chefs. Geräuschlos schloss sich die dunkle, gepolsterte Thüre hinter dem späten Besuch. Jsak Goldschild athmete tief'auf. Nun wusste er es! Seine Rechnung stimmte. - Er brauchte nur noch eine Weile zu warten und im anstoßenden Gemache würde ein kurzer, scharfer Knall' ertönen. Moritz Osterheim war dann aus dem Leben geschieden! Seit Wochen hatte Jsak diesen Augenblick vorhergesehen. Seit Wochen die Katastrophe und alle ihre Folgen kühl überdacht und berechnet. Kaltblütig hatte er erwogen, was ihm größeren Vortheil brächte — der Tod oder das Leben seines Brotherrn. Nicht nur, dass der verzweifelte Banquier zur Pistole greifen würde, war dem jungen Goldschild eine Gewissheit, sondern auch der Ort, fast der Tag und die Stunde, wo .der Selbstmord stattfinden würde. Gleich wie aus den Ereigniffen der Weltgeschichte zog er aus den Gewohnheiten und der Denkungsart seiner Mitmenschen seine erbarmungslosen, sicheren Schlüsse. Aber der kluge Jsak hatte sich dafür entschieden, dass Moriz Osterheim am Leben bleiben müffe. Ein höhnisches Lächeln umspielte seinen großen Mund, als sich die gepolsterte Thüre wieder öffnete und der Banquier am Schlosse etwas zu suchen schien. Jsak wusste ganz genau, was der geplagte Mann suchte. Es war der Schlüssel. Der aber war wohlverwahrt in Jsaks Tasche. Selbst das instinctive Gefühl der Schmach, das den Selbstmörder dazu treibt, den Schauplatz seiner That möglichst unzugänglich zu machen, war von ihm vorausgeahnt worden. Herr Osterheim schien zu glauben, der Schlüffel sei auf die Erde gefallen. Er kniete nieder und tastete auf der Diele umher. Sein lauter, asthmatischer Athem klang schauerlich durch das stille Gemach. Das Bücken war ihm beschwerlich. Er hatte es ja nie gelernt. Immer hatten sich Leute gefunden, die es für ihn besorgten. Jsak dachte zurück an jenen Tag, wo er durch das Aufreißen der Thüre die Aufmerksamkeit seines Chefs erregt. Jene kleine Begebenheit hatte zur Folge, dass der alte Mann nun auf den Knien auf der Erde lag und nach dem Schlüffel suchte. Aber sie hatte auch zur Folge, dass er am Leben bleiben musste. Ein ruhiges Altet, bürgerliche Ehre sollte er von der Gnade des kleinen Angestellten erhalten. Nur seinen Platz in der Leitung der Geschäfte, denen er doch nicht gewachsen war, musste er räumen. War es etwa zuviel verlangt, dass der Unfähige dem Fähigen weiche! (Fortsetzung folgt.) W Kliestastku der Redaktion. A. M., Frankfurt. Es ist wohl nicht Ihr Ernst, dass Sie von uns eine Beantwortung Ihrer Frage im Briefiasten erwarten. Wollen Sie ein wenig Geduld haben, dann wird der Gang der Ereignisse Sie auch darüber aufllären. Eifrige Zionistin, Wien. 1. An Frau Dr. K a h n, II., Obere Donaustraße 49. — 2. Mädchenverein „M oria" und Verein „H a d a s s a". Fritzi. Wollen Sie sich gefälligst an das Congressbureau in Basel wenden. Adresse: Bureau des Zionistencongresses, Basel, Schweiz, Zionist, Lemberg. Das wird Ihnen eines der vom Eongresse gewählten Acrionscomitä-Mitglieder Galiziens sagen können. Siegfried T., Wien. Konnten aus naheliegenden Gründen die Notiz nicht bringen. Gruß! Dr. K. M., Wien. Dr. H e r z l, Dr. Schnierer, Dr. K o k e s ch, Dr. Kahn, Architekt Marmoreck. Herausgeber: D.Nafchsurr. Verantw. Red.: Dr. Siegm. Wernrr. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VILL, Schlösselg. 11>