Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Article
Ein neues Drama von Max Nordau [Rezension]
Date
1898-10-14
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315784-3363481--08589-3363544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 Seite 15 Der Verbindung eines hochbedeutenden jungen jüdischen Gelehrten mit einem durch Reichthum, Schönheit und Geist ausgezeichneten Mädchen steht nichts anderes entgegen, als die jüdische Abstammung des Dr. Kohn, der sich in einer gewissen Verbissenheit weigert, durch Austritt aus dem Judenthum sich die Erlangung der Hand der Geliebten zu erleichtern. Die Frage, ob es statthaft sei, vom Judenthum ohne innere Ueberzeugung zum Christenthum überzutreten, wird in psychologisch interessanter Weise abgehandelt, insbesondere nach der praktischen Seite hin, dass ein solcher Uebertritt nach Nordau's Ansicht auch Praktisch bedeutungslos sein soll, da der Arier den übergetretenen Juden doch niemals als vollwertigen Christen und Deutschen anerkenne. Die nothdürftig übertünchten, bei dem ersten nachdrücklichen Hervortreten der antisemitischen Frage aber grell in die Erscheinung kommenden unersreulichen Verhältnisse in einer Mischehe dienen Nordau dazu, um seinen Satz von der Unverschmelzbarkeit des Christenthnms und des Judeuthums zu beleuchten, wobei allerdings das gewählte Beispiel mit allen Schroffheiten ausgestattet ist, die man sich auf dem Wege der Cumulierung nur zusammentragen kann. Ein adelsstolzer, orthodoxer Geistlicher, ein in studentischem Antisemitismus regelrecht angelernter Corpsstudent, ein in exclusiven Ehrbegriffen erzogener Ofsicier bilden ein Milieu, wie es zur Demonstration von Nordau's These nicht geeigneter sein kann. „Tr. Kohn" interessiert uns hauptsächlich nach zwei Seilen hin: einmal, weil er uns zeigt, wie sich in den Augen eines hochintelligenten Juden die Wirkungen des Antisemitismus darstellen, sodann aber weil wir an ihm sehen, welchen Grad von Verbitterung und Verzweiflung die antisemitischen Verfolgungen bei solchen Juden Hervorrufen, die nichts Besseres wünschen, als mit vollem Herzen dem Volksstamm angehören zu dürfen, in den sie durch die Zerstreuung des auserwählten Volkes verschlagen sind. Ueber die schwierige Frage, ob „Dr. Kohn", so wie er uns in der Buchausgabe vorliegt, zur Aufführung geeignet ist, ist nur schwer ein Urtheil abzugeben. Die theoretische Auseinandersetzung nimmt in den Dialogen einen größeren Raum ein, als mit der Forderung von der fortschreitenden Handlung vielleicht verträglich ist, ein Uebelstand, dem aber leicht durch Striche abzuhelfen sein würde. Die eigentliche Schwierigkeit der Aufführung scheint uns darin zu liegen, dass der betreffende Theaterdirector mit einiger Berechtigung besorgen muss, sein Thearer könne durch das Eingreifen antisemitischer Ruhestörer der Schauplatz wilder Unordnungen werden, da sie das Trauerspiel nicht als ein solches, sondern nur als eine gegen ihre Tendenzen gerichtete Streitschrift auffaffen und mit denjenigen Mitteln bekämpfen würden, die bei ihnen nun einmal gangbar sind. Einer solchen unbequemen Unduldsamkeit entgegenzntreten, dazu gehört mehr Muth, als unseren Theaterdirectoren im allgemeinen eigen ist, und wir bezweifeln deshalb, dass das Stück in absehbarer Zeit auf einer großen deutschen Bühne aufgeführt werden wird. P FevUlktsu. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (-22. Fortsetzung.) Aber der unscheinbare Jsak, dessen Französisch obendrein die böhmische Abstammung allzu deutlich verrieth, fand wenig Gnade vor den Augen des schönen Mädchens. Ein einsilbiges Ja oder Nein war alles, was ihre schwellenden Lippen auf seine Frage erwiderten. Die Musik setzte ein einige Herren mit nichtssagenden Gesichtern näherten, sich und Fräulein Arabella schwebte am Arme eines Dragonerofficiers davon. Einen Augenblick stand Jsak verlegen auf seinem Platz. Dann suchte er seine Ecke in der Fensternische wieder auf. Er war sich der erlittenen Demüthigung bewusst. Aber es waren keineswegs bittere, gekränkte Gefühle, die ihn beseelten. Er hatte nicht das geringste Mitleid mit sich selbst und grollte daher nicht dem Beleidiger. Weshalb hatte er auch eine Sache unternommen, der er nicht gewachsen war! Sein nüchterner Verstand überschätzte nicht den Wert dieser lächelnden, geputzten Menschen. Mochten sie noch so vornehm thun und sich gespreizt geberden — ihre ganze Pracht beruhte auf den klingenden Münzen und großen Wechseln. Ein wohlgefüllter Geldschrank war es, dem man alle diese Genüffe verdanken konnte. Und Jsak Goldschild würde rhu über kurz oder lang besitzen. Bisher hatte der kleine Jude gearbeitet wie der selbstlose Künstler. Bon nun an wollte er es thun wie der Virtuose, der durch sein Können irdische Gäter erwerben will. Das war der ganze Unterschied. Er fühlte sich müde und beschloss, nachhause zu gehen. Langsam schritt er die festlich erleuchtete Treppe hinab. Hinter ihm lockten die gedämpften Klänge der Musik zum Genuss. Unten in der Vorhalle stand eine Gruppe Diener, die auf ihre Herrschaften warteten. Einer oder der andere nickte dem kleinen Juden vertraulich zu. Es waren die großen Jeans und kleinen Baptists, seine früheren Clienten. Aber Jsak Goldschild beachtete sie nicht. Seitdem er in das Osterheimische Geschäft getreten, hatten diese Leute gar keinen Wert mehr für ihn. Die Zeiten, wo er die Armut ausgebeutet, waren vorüber. Die Reichen und Mächtigen waren es, auf die man sein Augenmerk richten musste. Dort verlohnte sich die Beute der Mühe. Hinter der breiten Glasthüre, die in der Thoreinfahrt mündete, blieb Jsak stehen und wandte sich noch einmal um. Sein Blick flog im Geiste an der Gruppe lachender Diener vorbei und über die festlich geschmückte Treppe hinauf, zurück in den schimmernden Saal. In seinen mandelförmigen, dunklen Augen sprühte es auf. Die langfingrige Hand ballte sich zur Faust. Und ähnlich wie damals Dr. David nur von einem Gedanken beseelt war, als er mit dem Tode um Karl-Raphael rang, durchzitterte den ganzen Körper des kleinen böhmischen Juden das heiße leidenschaftliche Verlangen: „Du wirst mein gehören!" Alles — Alles! Die lachenden Diener, das glänzende Haus und die geputzte, ordengeschmückte Gesellschaft! IV. Bon einem Bruche zwischen den Häusern Cohu und Osterheim war von nun an — wie Jsak Goldschild prophezeit hatte — nicht mehr die Rede. Der Frankfurter zog es vor, statt einen anderen Geschäftsfreund zu suchen, seine Zeit dazu zu verwenden, das lebensfrohe Paris recht gründlich kennen zu lernen, und wurde in diesem Bestreben kräftig durch Herrn Osterheim unterstützt. Nach Ablauf von zwei lustig verlebten Wochen hatte man ihn und Fräulein Arabella dann wieder auf die Bahn geführt und beiden eine glückliche Reise gewünscht. Die nächste drohende Gefahr war daher glücklich voni Bankhause der rua Honore abgewandt. Aber war nun die Abwicklung der eingegangenen Verbindlichkeiten unmöglich, oder hatte man es mit einem jener Fälle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.