Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Article
- Zionistische Freigottesdienste
- Date
- 1898-10-14
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Sk. 41 Seite 11 Simchas Tauroh unbekaimt bleibt, denen der Bersöhmmgstag höchstens ein lästiger Fasttag ist! Die oberen 10.000 leiden also unter dein herrschenden Systeme nicht weniger als die Volksmasse. Sie leiden unbewusst, weil ein jeder —- wenn auch unwissentlich — an Glück einbüßt, der unreligiös bleibt. Und die Volkskreise entbehren bewusst, weil ihnen die Mittel zur Befriedigung des religiösen Bedürfnisses nicht geboten werden. Der Zionismus hat hier eine Mission zu erfüllen. Ter Programmsatz: „Kampf um die Eroberung der Cultusgemeiuden" zu Basel offen proklamiert worden und hat freudigen Beifall gefunden. Aber es wird nicht immer leicht sein, eine geeignete Wahlparole zu ftnden, um die bisherigen Gemeindevorsteher aus dem Sattel zu heben. Denn es gibt merkwürdig viele Gemeindewähler, die dem Satze huldigen: „Onieta non movere.” Für Berlin dürfte es keine populärere Wahlfordernng geben, als die der Verbilligung der Synagogenplätze. damit auch der kleine Mann beten kann. Wir besitzen Prachtsynagozen im Ueberfluss. Man baue lieber einfache, kleine Synagogen und mache sie einem jeden zugänglich, den sein Herz treibt, sie auszusiichrn. Dann wird das Jndenthum sich viele seiner Söhne erhalten und der Zionismus wird sich durch dies Verdienst Tausende von Freunden erwerben. Und weil die praktische Propaganda der Theorie weit vorzuzwhen ist, schlagen wir vor, im kommenden Jahre von zionistischer Seite einen Freigottesdienst an den Feiertagen einzurichten. Es werden sich gewiss zionistische Rabbinatscandidaten finden, welche der guten Sache ein Opfer bringen, und die Gelder für die Saalmiethcn werden nicht unerschwinglich sein. Ter Besuch wird den Veranstaltungen ganz sicher nicht fehlen und der Gemeindevorstand wird sich mit der Platzfrage schon deshalb beschäftigen, weil man den verhassten Zionisten den Erfolg nicht gönnt. Setzt aber die Gemeinde die Preise der Plätze herab, so wird dieser moralische Erfolg uns gewiss noch erheblicher fördern. Wir unterbreiten daher den vorstehenden Vorschlag der Oeffentlichkeit, da dieselben Zustände wie in Berlin auch in anderen Städten herrschen. Wir sind der Hoffnung, dass unsere Anregung auch dort Zustimmung finden und ihrer baldigen Verwirklichung entgegengehen möge. Der zweite Zionistencongrrss und die Presse üt Russland. Von I. Mclnik (Bialystok.) Der zrvcire Zionistencongress gehört schon als Thatsache den Annalen der jüdischen Geschichte an. Trotz aller Anfeindungen und Verleumdungen verschiedener jüdischer Seelsorger, Redacteure u. a. m. ist der Eongress in vorzüglicher Weise zustande gekommen. Nachdem der erste Eongress startgefunden, nachdem das jüdische, todtgesagte Volk seine Eristenz vor aller Wclr manifestierl hatte, waren die Nörgler mit ihrem hämischen Kritteln nicht mehr am Platze. Eine der größten Weltmächte, die Presse — ich spreche von der allgemeinen, nicht von den Journalen. welche von Antisemiten als „Judenzeitungen" bezeichnet werden — begann mit dieser neuen Lebenserscheinung, mir dein Erwachen des jüdischen Volkes sich zu beschäftigen und sich dafür zu interessieren. Im vorigen Jahre hatte ich Gelegenheit genug, das Verhältnis der Presse verschiedener Länder zum Zionismus zu studieren. Das Endresultat war: die meisten Zeitungen äußerten sich über den Zionismus in äußerst sympathischer Weise, fast alle übrigen nahmen eine ganz neutrale Stellung ein, nur wenige aber schimpften auf die Zionisten los. — Diese wenigen Zeitungen gehörten zu denjenigen, an deren Spitze ein Deutscher mosaischen Glaubens steht. Auch in Russland wurde der Zionismus besprochen. Die russische Presse aber unterscheidet sich von der anderen dadurch, dass sie etwas vorsichtiger, ja etwas verschämter an die Erörterung dieser Frage herantrilt. — Wenn z. B, eine ungarische oder eine englische Zeitung über den Zionismus als über die einzige und cndgiltigc Lösung der Juden - frage schreiben wird, so ist cs wohl möglich, dass sie, wenn sie „liberal" ist, sich darüber kränken wird, dass die englischen oder ungarischen Juden von einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte träumen, sie wird ohneweiters an die Dankbarkeit der Juden mahnen, die Judenemancipation herausbeschwören, ihre Fanfaren voll Phrasen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit blasen. Nicht so in Russland. Hier ist die Lage der Juden, ökonomisch und geistig unbeschreiblich elend. Nun kennen die russischen Zeitungen mehr oder weniger die Lage der Inden, wenigstens kennt sie jeder Redacteur. Darum fassen sie, wenn sie den Zionismus zum Gegenstände der Besprechung machen, das Baseler Programm, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte im buchstäblichen Sinne ans. Sie verstehen die Bedeutung des Wortes.Sie können von keiner Judenemancipation fafeln. Der ehrliche Russe, der zugleich Redacteur einer Zeitung ist, wird, wenn er den Zionismus nicht billigt, doch von einer Judennoth als von etwas Existierendem sprechen, und nicht wie die Protestrabbiner.eine weit und breit bekannte Thatsache abzuleugnen suchen. Er wird sogar die Lage der Juden bedauern, das ihnen zugefügte Leid anerkennen, aber er wird aus andere Ziele Hinweisen und dem jüdischen Volke Zähigkeit und Ausdauer predigen.... Die russische Presse hat sich auch in diesem Jahre mit dem Eongress beschäftigt. Wenn viele Zeitungen überhaupt geschwiegen haben, so wird es, glaube ich, aus dem Borhergesagten erklärlich fein. In erster Linie ist ..N o v o s t i" zu erwähnen. „Xovostiist eine der bedeutendsten und einflussreichsten russischen Zeitungen. Auch in politischer Hinsicht ist sie nicht ohne Bedeutung. So z. B. dient sie gegenwärtig in Frankreich als Duelle, woraus man die Ansichten Russlands über die Dreysus- Affaire schöpft. In der „Xovostiwurden genaue Berichte veröffentlicht. Es blieben auch ein paar Worte über den Zionismus nicht aus. „Xovostihat verstanden, dass es sich um eine ernste Sache handle, und sie verstand auch den Zionismus zu würdigen. Ausführlicher, vielmehr zionistischer, zionistisch-enthusiastisch, sind die Artikel in der vielgelesenen und allbekannten Zeitung ..IZirsehea-ffu Wjedomostr\ Wir haben in dem CorresponSenken, der dem Namen nach Russe ist, einen feurigen Zionisten. — Noch andere Zeitungen, wie ..Sin Otezestva- und Warschauer Zeitungen legten für den Eongress lebhaftes Interesse an den Tag. und brachten ihre Sympathie für den Zionismus in spaltenlangen Artikeln zum Ausdruck. Auch die polnische in Russland erscheinende Presse ist dem Zionismus gewogen. — Zuletzt möchte ich noch über die jüdische Presse und ihr Verhalten zum Eongress berichten. Das alte Zionistenblatt ,,H amelit veröffentlichte ausführliche Berichte mit genauer Üebersetzung der Reden von ihrem Specialberichterstatter R. B rainin. Die „hl a z_e fi ralv kann nicht vom Zionismus sprechen, ohne in Ekstase zu gerathen. Das einzige Judenblatt in russischer Sprache, ' der „Woschod”, findet keine Beschimpfungen und Verleumdunger ausreichend genug, um dem Zionismus den Garaus zu machen Um den „Woschod" ins gehörige Licht zu stellen, muss ich eine' Thatsache errvähnen, die jedem intelligenten russischen Juden gu bekannr ist: d e r ,\VoÄchod" hat viel z u demtheor e 1 i s ch e n un d p r a kt i s ch e n Antisemitismus beigetrag e n, v i e l l e i ch t noch viel m e h r a l s hieantisemitische Zeitung ..X o w o.j e W r e rn j a.“ Einerseits neht der„Woschod“ seine Mission darin, die kleinen Liebesbezeugungcn, welche uns die Antisemiten aller Länder erweisen, abzuwehren. Ferner ist er unaufhörlich bemüht zu beweisen, dass die Juden kein Ehristenblut für rituelle Zwecke gebrauchen. Wenn tn Honolulu oder in Kiaotschau ein Seiltänzer oder ein^Journalist berühmt wird, so ist er gleich daraus aus, die „Fähigkeit" der Juden an diesem Erempel zu beweisen, und wenn der Betreffende selbst nicht Jude ist, so wird der „Woschod" alle Anstrengungen machen, ihm jüdische Eltern over Urahnen zu geben. _ Das ist ein echter Mauschcl-Typus! Das ist ein Product des Golus. Immerwährend hat er nur mit sichtbaren und unsichtbaren Feinden Israels zu hadern. Selbstverständlich hat solch eine Zeitung gar kein Programm. Einige seiner besten Mitarbeiter,^ überhaupt Oie wichtigsten und bedeutendsten Kräfte der ruffisch-jüdischen Literatur, sind von ihm gänzlich abgesallen. So z. B. Ben-Ami, jener stolze und ehrenvolle jüdische Schriftsteller, dessen Vorrede zu seinem neu erschienenen Buche „Silhouetten und Brlver aus dem traurigen jüdischen Leben" die Leser der „Welt" za kennen. Auch ist sein beständiger auch jetzige bedeutende Mitarbeiter S. Gin z bürg ein ausgesprochener Nationaljude. In feder Nummer des „Woschodfinden wir Material genug. Zur Illustration des von uns gekennzeichneten Zustandes und — Beschimpfungen aus die Zionisten. Der Leichtsinn und das colossale Unverständnis, mit welchen er sich dem Zionismus gegenüberstellt, sind geradezu tragikomisch .... Der „Woschod", in welchem glutvolle national-jüdische Gedichte von L. Jasse erscheinen, stellt die Zionistenführer als Missionäre hin, und sucht überall zu beweisen, dass der Zionismus den . Abfall vom Judenthume bedeute. Der ..Woschod", in welchem zerstörende und zersetzende Artikel gegen das Jndenthum erschienen, welche von unserem unvergesslichen Pere; Smolensky bekämpft wurden, wird plötzlich zum Schützer des Judenthums vor den Zionisten. Zum