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Die Welt · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Article
Jüdische Abgeordnete
Date
1898-10-14
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 Nr. 41 den Reichstagswahlen versäumt worden sei, bei den bevorstehenden Landtagswahlen nachzuholen. Die Gründe, die vielleicht in der Provinz gegen die Aufstellung jüdischer Kandidaten maßgebend wären, hätten in Berlin keine Geltung. Wenn alle jüdischen Urwähler ihre Schuldigkeit thäten, gelänge cs nicht allzuichwer, einen jüdischen Candidaten durchznbringen. Es sei Sache des Centralvereins, den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Schriftsteller Wohlberg erinnerte daran, dass der neue Landtag sich wahrscheinlich auch mit der Revision des Judengesetzes von 184-7 zu beschäftigen haben werde. Wie viel Böswilligkeit und bodenlose Unkenntnis jüdischer Verhältnisse werde sich da offenbaren. Es sei geradezu eine Schmach, dass keinem einzigen Juden Gelegenheit geboten werde, in dieser Sache mitzuberaten. Auch Herr Klausner verfocht, wie immer, mit Geist und Witz, den angeregten Gedanken. Natürlich hat die freisinnige Presse nicht geschwiegen. Wenn sie betont, dass es allen Principien des Liberalismus widerspreche, bei der Auswahl der Candidaten confessionelle Rücksichten in Acht zu nehmen, so hat sie von ihrem dogmatischen Standpunkte vollauf Recht. Wir wundern uns nicht darüber, denn die liberale Partei-Orthodoxie hat in den 50 Jahren nichts gelernt — freilich sehr viel vergesien. Zudem bemerkt die „Berliner Zeimng": „Der freisinnigen Wählerschaft .... mit der Forderung entgegenzutrettn: „Ihr müsst den oder jenen wählen, nicht etwa weil er innerhalb eurer Partei sich besonders verdient gemacht hat, sondern weil er Jude ist, und es an jüdischen Parlamentariern, an Abgeordneten. die gegebenenfalls die Interessen des Judenthums wahrnehmen könnten, fehl:, das wäre ein Beifahren, ganz geeignet, dem Antisemitismus nur neues Feld zu erschließen. Würden gar eigene jüdische Candidaturen wie in Galizien aufgestellt, so wäre das Wasser auf die Mühle der Antisemiten, die ja immer behaupten, dass der Jude sich in erster Reihe als Jude, und dann als Deutscher fühlt". Wir Zionisten dürfen diese Angelegenheit mit erhöhtem Jnreresse verfolgen. Die deutsche Judenheit macht, wohl ohne dass sie es will, einen kräftigen Ruck zu uns herüber. Auch in die Kreise, die bisher troffen von Menschenliebe, beglückendem Frieden und anderen Stichworten ihres Dogmas, scheint ein Verständnis für die von uns seit Anbeginn immer wieder und wieder betonte Anschauung einzudringen, dass man ein Liberaler reinsten Gewässers sein könne und doch — ein ganz ausgewachsener Antisemit. Die Vernunft geht eben nicht immer mit dem Gefühl. Aber auch weiteres ist bemerkenswert: Die Juden sind wohl zu der Erkenntnis gekommen, dass der bisher eingeschlagene Weg, so wenig wie möglich vom Judenthum zu verlautbaren, nicht der richtige war. Man bildere sich ein, je weniger die Leute vom Judenthum wüssten, um so weniger würden sie an die Verschiedenheit von Juden und Nichtjuden denken. Der Effect war, dass jeder halbwegs gebildete Mittelcuropäer wohl von den Sirten und der Art eures Feuerläudcrs, eines Matabele-Negcrs eine Ahnung harte, von denen der Juden aber, die in seiner Mitte wohnren, so viel wie nichts rvussle. Natürlich, da ihm ja die Verschiedenheit von Juden und Nichtjuden immer wieder in die Augen fiel, musste ihm die Unkenntnis jüdischen Wesens als eine Gehcimnisrhnerci erscheinen nnd chm so die Differenz noch fühlbarer machen. Und so kamen denn die Herren jüdischen Glaubens allmählich doch dahin, ihr Judenthum nicht mehr in die Tasche zu stecken, sondern es frei heraus zu tragen. Ja noch mehr, man begnügt sich jetzt nicht allein mehr mir dem offenen Bekennen zum Judenrhum, es trttl ein recht bemerkenswertes Selbstbewusstsein zutage, Man schweigt nicht mehr — man spricht; man bittet nichr mehr — man fordert schon. Das System, die Judenheit von anderen pecuniär oder sonstwie honorierten Personen vertheidigen zu lassen, behagr nicht mehr, man will die verletzte eigene Ehre selbst vertheidigen. Bon Juden soll das Judenthum geschützt werden. Und dass dieser Umschwung gerade bei deu jetzigen Landtagswahlen zutage tritt, ist eine Sache, die zum Nachdenken auffordert. Der Einwnrf, dass die Neuregulierung der Judengesetze von 1847 vielleicht auf die Tagesordnung kommt, ist ja wenig stichhaltig. Einmal weil es noch nicht sicher ist, dass dieser Punkt zur Berachung kommt, und selbst wenn, er bildet ja den allergeringsten Theil der Verhandlungen. Der kommende Landtag wird die Arena abgcben, für wirtschafkliche Jnteressenkämpfe. Um Schutzzölle, Bieheinfuhr, Getreideoreise, Verbilligung der Eiseubahntarife, Ausbau des Canalsystems, Liebesgaben für den oder jeneu Stand, wird man streiten. Gewiss tangiert das auch die Juden, auch ihnen kann cs nicht gleichgiltig sein, ob die Brot- und Fleischpreise steigen, das geht sie als B ü r g e r au, als Juden aber nicht. Und doch thun sich jetzt Juden von ganz verschiedener po'.inscher Gesinnung, von ganz verschiedener socialer Stellung zusammen, um sich einen jüdischen Vertreter zu fordern. Das sieht ja beinahe so aus, als ob die Juden sich „abschlöffen"! Oder sollten sich die Herren jüdischen Glaubens schon zu unserer Ansicht verstiegen haben, dass wir das Unsab sch ließen gär nicht mehr nöthig hätten, dass wir schon seit jeher dir Abgeschloffeneu seien, und statt diese Scham mit dem Feigenblatt einer poetischen Doctrin kümmerlich zu verdecken, lieber die Sachlage anerkennen, verstehen und die Conseqnenzen daraus ziehen?! Man hat einmal in einer Generalversammlung denk Vorstand des Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens den „Vorwurf" zionistischer Gesinnung gemacht. Man eutrüst.fte sich sürchtbar, man wehrte ab mit Händen und Füßen — „Abwehren" ist überhaupt die Haup-beschäftigung der deutschen Juden jetzt. Man brüllte deu kühnen... unvorsichtigen Redner nieder, aber-die Sach: scheint doch einen Haken zu haben. Beileibe, wir wollen den Verein nicht „discreditieren", indeffen notieren wollen wir Zionisten nns die Vorkommnisse doch. Heinrich Seidel, der köstliche märckischer Humorist erzählt in einem drolligen Gedicht die ttaurigen Schicksale eines Burschen, der in einem Kruge zu Semlin verhexte Brotbrockeu aß, so dass der arme Teufel anfieng — Eier zu legen. Der Staatsbürgerverein kommt uns vor, wie jener Handwerksbursche. Die Herren sind von der zionistischen Ideenwelt behext worden und nun, ob sie wollen oder nicht, in ihrem Korbe liegen — hcnribile d'iclu — seltsame Producte. Sie glucksen schon, die guten Leute — wenn sie auch mit dem armen Haudwerksburschen sagen können: Das Gucksen aber, das strengt an —- Und das hat mit seinem Singen . . . der Zionismus gethan. « Eine Enquete. Von B. Sopher. Tie jüdische Bevölkerung Galiziens wird sich nicht wenig wundern, wemr sie hört, dass ihr so ganz unvermuthet Rettung winkt. Die Hilfe kündigt sich nämlich von einer Seite an, von der man sie gar nicht erwarten mochte. Wir meinen die „Oesterreichisch-israelitische Union", die durch Einberufung einer EnquSte über die Lage der Juden in Galizien so verheißungsvoll auf dem Plan erscheint. Wir erklären sofort, dass wir sehr genau unterscheiden wollen zwischen der Enquete als solcher, und der „Oesterreichisch-israelitischen Union". In der Einberufnng einer Enquete liegt ja nichts besonderes; es ist die üblich gewordene Form, vermittels: deren die Ursachen vorhandener Missstäittc aufgedeckt werden sollen. Was dagegen sehr sonderbar berühren muss, das ist die Einbrruferin dieserEnquöte, die „Israelitische Union". Es könnte der Fall sein, dass es Leute gibt, welche die „Union" gar nicht kennen, bis zu denen der Ruhm ihres Namens noch gar nicht gedrungen ist. Diese würden vielleicht fragen: „Wer ist diese Union, dass sie eine derarttge Enquötc eiubcrufe?" Und cs könnte der Fall sein, dass in derselben Weise auch diejenigen fragen werden, welche die „Union" recht gut — kennen. Und beidemal würde die Antwort auf diese

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