Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Article
- Trafalgar
- Date
- 1898-10-14
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 jpitowr Seite 7 Niederlage führen können. Dass zum Beispiel ein Triumph der Militaristen sicherlich zu einem Krieg führen muss, davon haben die Herren nicht den leisesten Begriff. Man sieht, der ganze Kampf spielt sich mehr im Gcmüthe als im Verstände ab — oder haben wir da ein Stück Philosophie des Unbewussten? Bor einem Jahre schon hatte ich Gelegenheit in ..The Jewisli World-4 der Meinung Ausdruck zu geben, dass die Dreyfusaffaire das „Halsband der Königin" der Republik sein würde. Was diese Geschichte täglich mehr und mehr anidcckt, ist rein schrecklich. Alles bisher Bekannte ist bloße Lappalie. Was P i c q u a r t nun entschleiern kann, das ist der sogenannte große Brocken. Dagegen ist nur Gewalt, diese. . . . . Tyrannenart sich aus der Verlegenheit zu Helsen" noch eines eventuellen Erfolges sicher. Jedoch wird auch das nicht so ganz glatt ablaufen, wenn auch durch den besonderen Saft, durch Blut, die Reibung möglichst vermindert werden soll. Zuerst ruft man Provinzregimenter nach der Hauprstadt, weil man der in Paris liegenden Truppen nicht sicher ist. Mehrere Soldaten der Pariser Our6.8 Republicaine sagten mir, dass sie trotz aller Befehle doch nicht auf das Volk, sondern in die Luft schießen würden. Wohl hat der Geueralstab das Menschenmögliche geleistet, um das obere Commando clericalen und feuerrespective mordfesten Officiere anzuvertraueu. Die subalternen Officiere und gar die Uuterofficiere sind dagegen nichts weniger als zuverlässig. Die ersteren fangen schon an zu begreifen, dass eine gründliche ..K a 1 Clia m i v a" im Generalstab jedenfalls Avancement für sie bedeutet und sind daher, wie unser N o r d a u sagen würde, zu Auch- und Bauchdreyfnsarden geworden. Es gibt aber auch überzeugungstreue Männer darunter die schon lange begriffen haben, dass die ungesetzliche Mittheilung von Geheimdocumenten an Kriegsrichter auch über ihren Köpfen wie ein Damoklesschwert hängt, und dass hierin Dreyfus lediglich als Bersuchsjude diente. Aber auch die Soldaten sind nicht ganz so orthodox als man es bisher erwartete. Die Affaire Dreyfus hat ebenfalls auf sie entmuthigend gewirkt. Im vorigen Manöver hat man eine Unmaffe Nachzügler zu verzeichnen gehabt — und wer ein bischen Soldatenpsychologie getrieben, weiß was das zu bedeuten hat. In einem Regiment, das, um nur sein Quartier zu erreichen, weitere zwölf Kilometer durchmarschieren musste, sang man plötzlich aus voller Kehle: Revision! Revision! Bei uns nur sind die Berräther! Auf die Teufelsinsel sollen Federgeschmückte und Oberste. Tod den Berräthern, den Berräthern Tod! Und keiner wurde bestraft! Die Officiere lauschten lautlos. Deshalb treibt eben der Geueralstab momentan Srrikcdrill mit ihnen. Sind sie schließlich ordentlich ungeduldig und nervös gemacht worden, alsdann kann die Feier und das Feuer, wenn nichts dazwischen kommt, losgehen. Auf die Frage: wo bleibt B r i s s o n? will ich gleich antwortem Briffou ist weder machtnoch willenlos. Leider hat er aber auch mit seinen eigenen College:: zu kämpfen, die ihn beim Militär verrathen. Er hat nichts destowenigcr, schon sehr viel ansgerichtet, und nur ihm ist es zu verdanken, dass es bis jetzt zu keinem Zusammenstoß gekommen ist. 'Alles, ums parlamentarisch, oberbehördlich ausführbar ist, wird er bewerkstelligen. Allein er ist eben nur ein Parlamentarier, und es fragt sich, ob er gegen ein aufrührerisches Vorgehen, des Generalstabcs gewaffnet ist. Tie Verschwörung gegen ihn ist in der Umgebnng von Felix Faure und sonst in den leitenden Kreisen allgemein. Der Chef der antisemitischen Rotten, der täglich der Mitschuld an einem begangenen Mordversuch .augeklagt wird, bleibt unbeiührt. Tie gerichtliche Behörde rührt sich nicht. Der Mohr hat seine Schuldigkeit noch ^nicht gethau — daher lässt man ihn auch laufen. Könnte Bripvn auch revolutionär handeln, d. h. die ihm bekannte Verschwörung selbst offenbaren, dann würde sich alles von selbst auflösen. _ Jedoch fürchte ich, dass er sich zu dem verzweifelten Schritt, unter irgend welchem Vorwand an das Volksgewiffen zu appellieren, nicht entschließen wird. Die wirkliche Hoffnung beruht meines Erachtens auf den antimilitärischen Gefühlen des Volkes, auf der Unzuverlässigkeit der Armee. 'Aach einigen Gewehrschüffen, worauf etliche Dynamitbvmben erwidern dürften, muss die Verbrüderung zwischen Soldat und Volk entstehen. Deshalb schöpfte ich und schöpfe ich noch Zuversicht ans der militär-feindlichen 2lnffassnng der Affaire Dreyfus durch die Arbeiterschaft. Denn dieser Stellungnahme liegt ein unverwischbares Gefühl zugrunde. Alle anderen Erscheinungen, wie die antisemitischen oder polizeilichen Schlägereien oder die döroulödistischen Schreiereien sind weniger bedeutend. Mau tobtet wohl seinen Mitmenschen dafür, wofern man der Stärkere ist, aber man setzt das eigene Leben nicht auf das Spiel. Und die Juden? — Ach, ich hätte sie beinahe vergeffen, so winzig klein machen sie sich, Ich werde nächstens von dem Oberconsistorium verlangen, dass ihnen das 'Nachdenken über den Antisemitismus am Sabbath strengstens verboten werde, da es nachgewiesenermaßen zu den schwersten Arbeiten, nämlich in das Bereich des S w e a t-S y st e m gehört. Auch ein Trafalgar! P Jüdische Abgeordnete. Bon E. S. (Berlin.) In das laute Wahlgeschrei, das anlässlich der Wahlen fiir den preußischen Landtag durch Stadt und Dorf werbend gellt, dringt diesmal ein neuer Ton. Tie Inden wollen auch ihren Abgeordneten haben. - Ganz neu ist eigentlich diese Forderung nicht: schon vor den Reichstagswahlen wurde sie vcrlantbarr. Ein wenig nur: offen und laut zu fordern, wagen die Juden nicht, selbst da nicht, wo sie durchaus nicht unberechtigte Wünsche äußern. Mit einem gewiffen zufriedenen Schmunzeln, das O. Erter in seinem Aufsatz „Jüdisches Cent rum"*) köstlich fixiert hat, haben wir damals das schwächliche Glucksen — mehr war es nicht — ausgenommen, das natürlich im Lärm der Wahlschlacht völlig verhallte. Wie die armen Teufel sich wanden — sie konnten nicht so recht sprechen, sie wollten es auch nicht, und schließlich wussten sie ja selbst einen plausiblen Grund nicht, warum sie eigene Candidaten anfstellen wollten, denn die Freisinnigen sind doch judenfreundlich, wie kochendes Wasser heiß ist — es war prächtig zu schauen, eine nicht üble Tragikomödie. Und nun, wo uns die Laudtagswahlen bcscheert werden sollen, stellt sich in genüffen jüdischen Kreisen wieder jenes eigenthümliche Glucksen ein. Tie Sache kam so: Der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der sich moralisch verpflichtet glaubt, von Zeit zu Zeit sich bemerkbar zu machen, um die Mitglieder des Vereins von seiner Existenz zu unterrichten, veranstaltete am Mittwoch den 28. September einen Vortragsabend, der zu einer interessanten Debatte führte. Der Referent des Abends, Justizrath Tr. F r i e d e m a n n, bemerkte in seinen trefflichen 'Ausführungen unter Hinweis auf ein Wort A n d r a s s y's, dass die Concessionen der Lauen und Halben an den Antisemitismus gefährlicher sind, als dieser selbst. Als eine bedenkliche Concession dieser Art stellt er es hin, dass außer bei den Svcialdemokraten kein einziger Jude im Parlament säße. Zwar sagten die Freisinnigen: es sei nur „ein blo ßcr Zufall", indessen sicher sei das nicht. Charakteristisch für die ganze Sachlage erscheint die Thatsache, dass sich selbst Juden in der Provinz gegen jüdische Candidaten sträubten, „um nicht der antisemitischen Bewegung neue 'Nahrung zuzuführen". Kaufmann Weinberg empfahl, was in dieser Beziehung bei *) Bgl. „Die Welt" 1898. Nr. 8.