Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-10-14
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 41 Wien, 12. October 1898. Das bekannte Papier, auf dem die Gleichberechtigung der Juden steht, existiert auch in Berlin. Es macht sich dadurch bemerkbar, dass man in die höheren Töchterschulen keine jüdischen Mädchen aufnimmt. Also auch Berlin! Den Juden geht es überall wie dem Geschäftsreisenden, der in der Witz- Llattliteratur eine stehende — eigentlich nichtstehende — Figur bildet. Sie werden überall hinausgeworsen. Die Ghettomauern schießen somit lustig empor. In Wen bombardiert man sie mit Papierkügelchen, die mit Interpellationen bekritzelt sind, in Berlin geht man weniger kriegerisch vor. Den Berliner Juden dämmert eine leise Ahnung ans, dass es doch eine mcht ganz normale Lebensweise sein könne, wenn man iw einemsort luftige Curven durch aufgerisiene Thüren beschreibt und dann vor der Schwelle um neuerlichen Einlass kläglich wimmert. Immer aus der Flugbahn! Das ist ein sehr an- ■ strengender Berus und dabei nicht einmal ganz honett. Die Berliner Juden haben es daher über sich gewonnen, sich von der Schwelle zu erheben und um ein Häuschen weiterzugehen. Sie suchen für ihre Kinder ein Asyl, wo keine antisemitischen Seitenblicke und Flüsterworte in den Stundenplan ausgenommen sind. Da keine der vorhandenen höheren Töchterschulen diesen unmodernen Anforderungen entspricht, so wurde jüngst im Berliner Stadtverordnetencollegium von freisinniger Seite beantragt, man solle eigens eine neue Töchterschule einrichten; ihr Inhaber habe das Gelöbnis zu leisten, dass er immerdar aus dem Gebiete des Antisemitismus sich einer strengen Enthaltsamkeit befleißen wolle. Ob sich wohl so ein Ascet finden wird! Den Wiener Juden, die in den letzten Jahren manchen Leidensbecher über den Durst getrunken haben, flackert jetzt ein Hoffnungsschimmer auf. Er kommt aus den Gascandelabern. Die jüdischen Weisen von Wien haben nämlich eine epochale Entdeckung gemacht: Die Judenfrage ist die Gasfrage. — Es wird vielleicht außerhalb der Stadt Wien hie und da einen Juden geben, der zwar über die Judensrage sehr gut unterrichtet ist, weil ihm in dieser Angelegenheit der knurrende Magen täglich genaue Informationen ertheilt, aber was die Gasfrage ist, das wird dieser unwiffende Jude nicht wiffen. So etwas hat aber gar nichts zu sagen, Nach dem unersorschlichen Rathschluss der Weisen von Wien ist und bleibt cs ein Axiom für alle kommenden Jahrhunderte und für alle Länder der Erde: Wenn die Gasfrage gelöst ist, dann ist auch die Judensrage gelöst. Basta!-Und das erfährt Israel erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Jahrtausende lang hat Israel gelitten, gestöhnt, geblutet, und es wusste nicht, dass die Judennoth in der einfachsten Weise durch Kohlengas zu heilen sei. — Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass dieses wunderthärige Gas dazumal rricht einmal zu Beleuchtnngszwecken, geschweige denn zu polirisch-humanen Zwecken Verwendung fand. Also wenn die Wiener antisemitische Gemeinderathsmajorität beim Addieren und Subtrahieren Fehler macht, dann ist die Gasfrage im Sinne der Wiener Juden gelöst und selbstverständlich auch die Judensrage. Die Wiener Juden leben mit der Mathematik auf ebenso schlechtem Fuße wie Lueger, auch sie verrechnen sich gewaltig in der Gassrage. Der Antisemit Lueger ließe sich vielleicht durch Leuchtgas auf die Seite schaffen, aber nimmer der Antisemitismus. Es wird eben von niemandem der Gipfel der Naivität so oft und so flink erstiegen, ' wie von den Wiener Juden. Vielleicht ist diese Gewandtheit angeboren, vielleicht ist es auch nur Training, aber Thatsache ist, dass sie keine noch so geringe Gelegenheit vorübergehen lasten, ohne sich in dieser Hinsicht als tüchtige Hochtouristen zu zeigen. Wie ein Maulwurf unterwühlt der Antisemitismus alle Gebiete des Lebens und wirft seine Erdhaufen auf. Ein Haufen heißt Lueger, der andere Gregorig, der dritte Schneider u. s. f. u. s. f. Die Bekämpser des Antisemitismus haben es nun darauf abgesehen, die einzelnen Haufen zusammenzutreten und dem Boden gleich zu machen. Immer, wenn es gelingt, ein Hügelchen einzustampsen, versenden die Juden an alle Verwandten, Frennde und Bekannten die freudige Post, dass nun der Antisemitismus seinen wohlverdienten Grabhügel besitze. Allein der Maulwurf wühlt rüstig weiter. Die sprichwörtliche Wiener Gemüthlichkeit und Naivität sott schon längst verschwunden sein. Das ist einfach eine dreiste Verleumdung. Kann man sich etwas Gemüthlicheres und Naiveres denken als den Wiener Juden? Endlich! Endlich! In der Dreysus-Affaire ist endlich die Figur aufgetaucht, die wir alle mit Sehnsucht erwartet haben. Ter Kreis der lichtscheuen Ehrenmänner wies eine deutliche Lücke ans: über kurz oder lang musste sie ausgefüllt werden. Jedermann wusste, dass der rechtmäßige Besitzer des verwaisten Plätzchens eines Tages erscheinen und seine Ansprüche auf ein ausgiebiges Stück Lumperei geltend machen werde. Und nun ist er richtig da — der jüdische Antisemit. Er ist seines Zeichens pensionierter General, heißt Lambert und bläst mit Drumont in ein Horn. Die sonstigen Eigenschaften? — Vide seine College» in den übrigen Ländern. Es ist ja einer wie der andere. Nur die Generalsunisorm, das ist das Bemerkenswerte. Einen General können die antisemitischen Juden nicht - alle Tage in ihrer geschätzten Mitte begrüßen. Sie werden die hohe, seltene Ehre, die ihnen da widerfahren ist, hoffentlich zu würdigen wissen. E. E. V Trafalgar. Von Jacques Bahar. I! va y avoir du tratalgar, so tönt es heute in Paris aus aller Munde. Man soll ja nicht glauben, dass daunt eine uns von England etwa wegen Faschodas zuzufügende Seeschlappe gemeint sei. Davor bewahrt uns schon der heilige Michael (ein jüdischer Erzengel) unter desten Obhut - die clericale Marine unsere Panzerschiffe gestellt hat. Trafalgar, das ist aus deutsch etwa: „böser Radau". Diesen ahnt man gegenwärtig, angesichts der aus den nahen und entlegenen Provinzbezirken, heranziehenden Truppen, deren Zahl bis dato 40.000 Mann beträgt. Angeblichen Anlass dazu gab der Strike der Erdarbeiter, zu denen sich allmählich die mannigfaltigsten Berussgenostenschasten gesellt haben. Nun denn, die Sache ist sehr einfach. Strikes ziehen Truppenbewegungen, und diese ziehen wiederum flitT Grund ihrer herausfordernden Bedeutung weitere Strikes nach sich. Das ist bereits die Revolution, deren Schluss die Gewehrschüste machen werden. Wozu eine Revolution? „Das ist die Folge der fatalen Doktrinen des Generalstabes. Eigentlich hat man es nur auf die Juden abgesehen, da aber die Socialisten sich für Dreyfns nvohlgemerkr nicht für die Juden) ausgesprochen haben, so fühlt sich die clericale Partei dazu gezwungen, die „Lösung" der socialen Frage mit in den Kauf zu nehmen. Soll man nun behaupten, dass alles einem einheitlichen Plan und bewusster Methode gehorcht? Nicht im Geringsten. Auch bei den scheinbar höchsten Leuten ist alles nur Gefühlssache. Die Clerikaleu, der Generalstab, Felix Faure, die Socialisten und vor allem die Juden — alle wollen weiter nichts als sich ihres Feindes entledigen, ohne immer zu wissen, wo ihr Feind eigentlich steckt, ohne zu ahnen, bis wohin der Sieg oder die