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Die Welt · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Article
Die Kaiserfahrt nach Jerusalem
Date
1898-10-14
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 41 zulenken auf neue Erwerbsgebiete, ihr die überseeischen eine frohe Verheißung und unsere Hoffnung gleitet mit Fernen zu erfchlreßen und die sorgsam behütete Machtstellung des Reiches nutzbar zu machen, ist die großartige Conception dieses unermüdlichen Friedensschirmers, der doch nicht einen Augenblick darüber Zweifel aufkommen ließ, dass er im Ernstfälle auch ein entschlossener Kriegsherr sein könnte. Ein Kaiser und ein Bürger! In diesem Doppelbilde seiner Gestalt liegt das Geheimnis, dass die Gegner Deutschlands ihn fürchten, die Freunde Deutschlands ihm vertrauen. Die ihn fürchten, suchen, wie jede seiner Handlungen, nun auch seine Jerusalemfahrt in den falschen Schein einer ehrgeizigen Absicht zu hüllen. Sie sagen, er wolle Kleinasien mit dem unblutigen Mittel eines die Phantasie der Morgenländer berückenden Schaugepränges für Deutschland erobern und Frankreichs alte syrische Einflussprätensionen beiseite drängen, ja wohl gar als Schiedsrichter zwischen die russische und englische Rivalität sich einschieben. Weil die anatolischen Bahnen mit deutschem Capital gebaut werden, deshalb wird das politische Märchen reportiert, dass die Fahrt nach Jerusalem eine Art Landnahme sei, um den Weg vom östlichen Mittelmeer zum Golf von Persien für Deutschland mit Beschlag zu belegen. Und diesem Märchen wird, um es glaubhafter zu machen, der Hinweis auf die Freundschaft angehängt, welche zwischen Wilhelm II. und dem Sultan besteht. So fabulieren, alle, die diesen Kaiser fürchten. Aber die ihm vertrauen, haben von der Jerusalemfahrt Wilhelms II. eine andere Meinung. Sie betrachten dieselbe als ein Glied in der Kette seiner unermüdlichen Civilisationsbestrebungen. Ja wohl, er kommt als Freund des Sultans ins Morgenland und er wird als solcher begrüßt. Aber der Sultan weiß, dass diese Freundschaft eine uneigennützige ist und uneigennütziger Freundschaften hat die Türkei so selten sich zu erfreuen gehabt. Und ein Vermächtnis seines Großoheims, wie seines Großvaters erfüllt Wilhelm II., indem er persönlich die protestantische Erlöserkirche in Jerusalem einweiht, aber über dieses Vermächtnis hinaus schwebt ihm der civilisatorische Gedanke vor, der Verödung und Verwahrlosung des Heiligen Landes ein Ende zu setzen, es wieder fruchtbar und ertragreich zu machen, wie es einst gewesen, indem er zu seiner Besiedlung mit fleißigen Anbauern ermuthigenden Anstoß gibt. Die sich feit Jahrhunderten um den Besitz des Heiligen- Grabes stritten, die Lateiner und die Griechen, haben ringsumher den Boden des Heiligen Landes wüst und brach liegen lassen; der protestantische Kaiser lenkt als echter moderner Realist die Blicke der Welt auf die Verpflichtung der Civilisation, nicht weiter Oedigkeit und Kirchhofsftille im Umkreise der Zionsstadt fortwähren zu lassen, und dafür darf ihm der Sultan aufrichtig dankbar sein, denn endlich einmal zeigt ihm ein verlässlicher Freund, wo er die Mittel findet, um die Türkei von innen heraus zu consolidieren und widerstandsfähig zu machen gegen diejenigen, die auf den Tod des „kranken Mannes" lauern. So, glauben wir, und nur so ist die politische Tragweite dieser Kaiserfahrt nach Jerusalem richtig zu ermessen. Sie ist wahrhaftig groß genug, nicht bloß um den starken Eindruck zu erklären, den die Fahrt hervorbringt, sondern auch, um die weifen politischen Thebaner zu beschämen, die immer nur von internationalen Jntriguen und Ränken, von Eifersüchten und Rivalitäten träumen, anstatt sich zum Verständnis großer civilisatorischer Ideen zu erheben. Wir gehören zu denen, welche vertrauen, weil wir das historische Recht haben, das Heilige Land heißer zu lieben als die anderen und weil wir sehnsüchtig warten, dass es uns vergönnt sei, mit unserer Arbeit die Heimstatt unseres Volkes wieder zu blühendem Gedeihen zu erheben. Uns ist zu Muthe, als zeige uns dieser deutsche Kaiser den Weg, der unser harrt. Wir sehen es leuchten um sein Haupt wie seinem stolzen Schiffe über die Meeresfluth zu unserer alten und bald, wills Gott, wieder neuen Heimatsstätte. P Dr. Herxl in London. Das Massenmeeting in der Great Assembly Hall. London, den 6. October. Das Ereignis dieser Woche war der Besuch Dr. Herzls. 6.500 Juden versammelten sich in der Great Assembly Hall, um ihn zu hören, 3.500 mussten draußen bleiben, einfach deshalb, weil für sie kein Platz mehr im Saale war. Eine solche Versammlung hat es in London noch nicht gegeben. Was hatte man den Leuten versprochen? Eine Rede! Aber diese Rede ihres Führers zu hören, waren die Leute so begierig, dass sie sich vier Stunden vor der Eröffnung des Meetings einen Platz zu sichern suchten. Diese einfache Thatsache genügt zur Kennzeichnung der ungeheueren Spannung. Ein ungeseffelter, ein schreiender Enthusiasmus, einer, der die kaltblütigsten hinriss. Selbst einer von den fünfhundert Anwesenden Westends, der Banquier Seligmann, sagte mir: Ich bin erschüttert bis ins Herz hinein. Manchester, Leeds, Glasgow und Exeter waren durch Delegierte vertreten. Man darf ohne Uebertreibung behaupten, dass diese Versammlung ihr Versprechen, sich unserer Bewegung anzuschließen, im Namen eines Drittels aller in England lebenden Inden abgab. Können wir im zweiten Jahre des Congreffes mehr verlangen? Unser Gegner, der „Jewisli Chronic’eu, hat sich beeilt, seinen Lesern zu versichern, dass diese Versammlung die größte Judenversammlnng gewesen, die es je gegeben, und. dass noch kein Jude einen solchen Empfang hatte wie der Herzls an jenem Montag Abend war. Ein solches Wort aus solchem Munde bedeutet viel! I. de Haas. Und nun geben wir den Berichterstatter!: unseres Bruderblattes, des Jewisli World^, das Wort. Er schreibt: London, 7. October. Bor zwei Jahren und drei Monaten war ich bei der ersten öffentlichen Versammlung anwesend, in welcher Dr. Herzl als Redner auftrat. Es war ein heißer Sommernachmittag, die Versammlung stark besucht, die Zuhörer durchaus East-Eud- Leute. Sie zerbrachen in ihrem Enthusiasmus Fenster und Thüren, und jubelten und schrien. Eine heiße Luftwoge stieg aus dem vollgedrängten Saale zu den auf den Tribünen Sitzenden auf. Kurz, ein Recordmeeting, eine fast legendarisch gewordene Begeisterung. Bon dieser Versammlung nehmen Leute, die Größe und Wert einer Versammlung ermessen wollen, noch heutigentags den Maßstab. In der verwichenen Montagsnacht habe ich die Wiederholung jener historischen Scene erlebt. Nur war sie diesesmal noch großartiger, betäubender. Eine volle Woche gieng es durch die Glieder des mächttgen Körpers, den man East-End nennt, wie ein Fieber der Erwartung. Der Erwartete: Dr. Herzl. Am Montag um C»5 Uhr begann die Menschencursammlung vor den Thoren der Great Assembly Hall. Um V27 Uhr war bereits der Verkehr auf der Sttaße unterbunden. Eine halbe Stunde später theilte die Polizei den Ordnern mit: die Thore müssten sofort geöffnet werden, sonst könnte sie für die Folgen nicht einstehen. Nun wurden die Thore geöffnet. Die Menge strömte hinein, in wenigen Minuten war der große Saal voll, jeder Platz besitzt. Ebenso rasch füllte sich die große Platform. Sicherlich gibt es keine Claffe in der Gemeinde, die hier nicht vertreten war. Kurz nach 8 Uhr erhob sich dieser wogende Menschensee und jauchzte den eintretenden Herren, Dr. Herzl, 'Dr. Gaster, Rabbi Werrrer, Wolffsohn und Pater Jgnattus, zu. Mit einem Schlage war alles gespannteste Aufmerksamkeit. Nach wenigen einleitenden Worten Dr. Gasters erhob sich Dr. Herzl. Beifallsrufe erbrausten, Taschentücher, Hüte und Stöcke wurden geschwungen. Und dann bat jeder seinen Nachbar, nur recht stille

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