Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Kaiser Wilhelm II. hat die Orientfahrt angetreten, deren Ziel Jerusalem ist. Seit sechshundertsiebzig Jahren hat kein deutscher Kaiser in den Mauern Jerusalems geweilt. Am 18. März 1229 setzte sich der Staufer Friedrich 11. in der Grabeskirche die Krone von Jerusalem aufs Haupt. Friedrich kam als Freund des Sultans Al Kümil, in scharfem Zwiespalt mit dem römischen Papst; aber indem er auf die Eroberung des Heiligen Landes verzichtete, sicherte er der Christenheit durch Vertrag mit dem Sultan den Besitz Jerusalems und der übrigen heiligen Orte. Die Erinnerung spinnt sich unwillkürlich mit ihren Fäden in jene Zeit des größten Staufers zurück; aber die Menschheilsideale sind in den sechshundertsiebzig Jahren, die sie durchmißt, andere geworden und außer in den Persönlichkeiten der beiden Kaiser, Friedrichs 11. und Wilhelms II., ist keine Ähnlichkeit zwischen damals und heute. Kein Peter von Amiens stachelt mit seinen Büßpredigten Könige und Völker zur Kreuzfahrt, nicht mit wildem Waffenlärm und dem schwülen Klang des Kreuzsahrerliedes sind die Wege nach dem Morgenlande erfüllt. An der Krone, die der römische Kaiser deutscher Nation auf seinem Haupte trug, haftete das romantische Merkmal ihrer Herkunft, das" der realistischeste unter den Staufern vergebens von ihr abzustreifen trachtete. Die Krone des Hohenzollern-Kaisers ist nicht von dämmernd grauer Romantik umwoben; vom Volke, dem die Genien der Geschichte eine ruhmvolle Wiedergeburt beschieden, ward sie ersehnt und erstritten, und was im Volke lebt an Wohlfahrts- und Culturbedürfnis, an Machtgefühl und Selbstbewusstsein, dessen ist diese Kaiserkrone zugleich Symbol und strahlendes Werkzeug. Es ist eine echt moderne Krone und der sie trägt, ist erfüllt von den gewaltigen Ausgaben, die sie ihm auferlegt. Nicht als Kreuzfahrer und nicht als Eroberer unternimmt Wilhelm 1i. die Jerusalemfahrt; die erste protestantische Kirche in der Zionsstadl einzuweihen, ist seine Absicht und sein Zweck. Aber wie einst die Ankunft des Sultansfreundes Friedrich li. freudige Bewegung in der sarazenischen Well heroorrief, so harrt jetzt die mohammedanische Welt mit unverhohlener Sympathie der Ankunft Wilhelms IL, des „Sultan Prussian", der es darum auch sich, seiner Krone und feinem Volke schuldig ist, das Ereignis seines Besuches mit dem äußeren Glanze zu umgeben, der von der Welt- und Machtstellung des deutschen Reiches ausgeht. Von den Oberen der protestantischen Kirche umgeben, von zwei erlesenen Kanonenbooten seiner Marine geleitet, fährt er mit der Kaiserin in seiner Hohenzollern-Nacht übers Meer, begrüßt in der Dogenstadt vom italienischen Königspaare, und Zwischenstation haltend am Goldenen Horn als Gast des Sultans. Deutschland fährt mit dem Kaiser und die mohammedanische Welt soll wissen, dass es Deutschland ist, welches sie in seiner kaiserlichen Persönlichkeit begrüßt. Wenn man weitreichende politische Pläne und Entwürfe hinter dieser Fahrt Wilhelms 11. ins Morgenland wittert und misstrauische Blicke von allen Seiten auf den kaiserlichen Jerusalempilger gerichtet sind, so ist doch nichts von allem, was gemuthmaßt wird, weiterreichend als die Thatsache selbst, dass die wahre Vorstellung von der Macht und Größe Deutschlands durch deren kaiserlichen Repräsentanten ins Morgenland getragen wird. Alle Suppositionen von dem Verlangen Deutschlands nach einem orientalischen Protektorat, von einer deutschen Einmischung in fremde Einflusssphären, von Tendenzen persönlichen Ehrgeizes und nationaler Expansionslust sind kleinlich im Vergleich mit dem Ereignisse selbst, das wie ein Stück erneuerter Romantik auf die Phantasie wirkt und doch den modernsten Realpolitiker zu einer Fülle von Gedanken anregt. Sagen wir es gerade heraus: die Jerusalemfahrt Wilhelms 11. wird zum großen internationalen Ereigniffe durch die Persönlichkeit dieses Kaisers. Er hat sich in den zehn Jahren, seitdem er die Krone trägt, als Friedensfürst bewährt, den alle Versuchungen der Macht, alle Verlockungen des Temperamentes und der Tyatenfreudigkeit nicht zu beirren vermochten. Aber wie er den Frieden verstand, war es nicht ein lässiges Ausruhen auf dem Postament, das ihm sein Großvater und dessen erfolgreicher Kanzler hinterlassen hatten; seine souveräne Genialität fand — oft genug zum Erstaunen der Welt — die Wege, um auch den Frieden mit einem großen Inhalte zu erfüllen. Dieser Inhalt drückt sich in seinen Worten aus: „Das Ende unseres Jahrhunderts steht irn Zeichen des Verkehrs" und „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser". Die Hypertrophie des deutschen Nationalwohlslandes ab-