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Die Welt · 1898-10-07 · 40 (7.10.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
40 (7.10.1898)
Article
Salomon Maimon und der kritische Skepticismus
Date
1898-10-07
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 Seite 15 von Ursache und Wirkung ein.Berstandcsbegriff sei, und wir aus unserer eigenen Haut nicht hcrausspriugen können. Sind wir aber auch berechtigt, jedem Falle in ecuivrelo seine Ursache zu bestimmen? Oh nein! Das sei kein Verstandesbegriff und da bleibe die Hnme'fche Frage unbeantwortet. Wie könnten wir einem bestimmten Ereignis seine Ursache bestimmen? Ans der Erfahrung könnten wir das nicht holen, da die Erfahrung keine Apodikticität verleihen könne. Das ist die wunde Stelle in der Kritik der reinen Vernunft, die ftaut selbst übersehen, und die Maimon bei jeder Gelegenheit hervorhebt. Aber Maimon geht noch weiter. Er behauptet, wie schon erwähnt, dass Kant die Hnme'fche Frage gar nicht gelöst habe und will demnach auch das allgemeine Cansalitätsgesetz nicht gelten lassen. Kant hat bekanntlich seiner Ableitung der Vcrstandcsbegriffe die Formen der Urtheile der allgemeinen Logik zugrunde gelegt. Das Cansalitätsgesetz. den Grundpfeiler seiner Philosophie, leitet er von der Hypothetischen Form ab. Weil wir im hypothetischen Urtheile das Cansalitätsgesetz finden, gehört es zu den Verstandesbegriffen, wodurch wir die Erfahrung prodncieren. Nun fragt Maimon, wie wir berechtigt sind, der hypothetischen Form das Cansalitätsgesetz zu unterschieben. Wodurch ist denn die Bedeutung eines hypothetischen Urtheils von der eines kategorischen verschieden? Man kann ganz gut jedes kategorische Urtheil hypothetisch ausdrücken und auch umgekehrt. Den Satz: die Summe der Winkel eines Dreieckes .ist der zweier rechten gleich, welcher kategorisch ist, kann man auch hypothetisch ausdrücken und sagen, wenn eine Figur ein Dreieck ist, so ist die Summe ihrer Winkel der zweier rechten gleich. Freilich, wenn man der hypothetischen Form das Causalitätsgesetz unterlegt, so ist die Bedeutung eine ganz andere, als die der kategorischen. Der Satz: wenn es regnet, wird es draußen nass, kann nicht kategorisch ausgedrückt werden. 'Allein, wer berechtigt uns der allgemeinen Logik, das Causalitätsgesetz zn unterschieben, um es nachher von derselben abzuleiten? Ist das nicht ein eirculus vitiosus? Das ist wieder ein gewaltiger Hieb, den er der Kritik versetzte, indem er dem Gesetze von Ursache und Wirkung, dem Cardinalpnnkte der Kant'schen Philosophie, jede Existenzberechtigung absprach. In meiner oben erwähnten Arbeit wird ausführlich dargestellt, wie Maimon alle Grundpfeiler der Kritik nacheinander niederreißt, so dass das Gebäude in sich zusammenfällt; hier begnüge ich mich auf zwei der wichtigsten Punkte hinzuweisen, wodurch Maimon sich zum Anwalt Hume's aufwirft und zum Begründer des kritischen Skepticismus wurde. « Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wredc. (-21. Fortsetzung.) Da plötzlich — was war das! Ein heftiger Knall erschütterte das Gebäude! Ehe mau zur Besinnung kam, ertönte ciir zweiter und gleich darauf ein dritter. Die Schüsse waren so laut, als ob man eine Kanone im Stiegenhaus abgefeuert hätte. Grenzenlose Verwirrung entstand. Man sprang entsetzt von den Sitzen auf und eilte zn den Ausgängen. Aber hier drängten die Leute vom Vestibül aus entgegen, um sich in das Innere -zu flüchten. Bon der Straße her ertönte das Klirren zerschlagenen Glases, empörtes Geschrei und menschliche Hilferufe. Maßloses Entsetzen erfasste die Menge. Eine erschütternde Nachricht flog von Mund zu Mund. Niemand konnte sagen, woher sie kam — wer sie zuerst ausgesprochen. Aber mit einem Schlage wusste jedermann irn Theater, dass ein verabscheuungswürdiges Verbrechen gegen die Person des Kaisers begangen worden war. War der Anschlag des feigen Mörders gelungen? War der Monarch dem Attentate zum Opfer gefallen? Da ertönten aus der Menge einzelne Rufe: „Da sind sie! Da sind sie!" Alle Augen wandten sich nach der Hofloge. Der Kaiser und die Kaiserin waren eingetreten. Mit einemale löste sich der Alp, der auf allen gelastet. Die Freude, den Monarchen heil vor sich zu sehen, war so groß, dass man darüber fast die grauenvolle That vergaß. Hochrufe wurden laut. Es lebe der Kaiser! Hoch Frankreich! Mit brausendem Jubel pflanzte sich die Begeisterung fort. Mau beglückwünschte sich gegenseitig mit Thränen in den Augen. Mau schwenkte die Taschentücher und Hüte gegen die Hofloge hin. Dort standen Napoleon und Eugenie auftecht an der Rampe und grüßten feierlich nach allen Seiten hin. Das Gesicht des Kaisers, dessen eine Wange blutete, schien noch bleicher und starrer als sonst, und das Lächeln der Kaiserin erinnerte an die seelenlose Grazie einer Puppe. Man sah cs diesen zwei Menschen an, dass sie nur eine schwere Pflicht erfüllten, wenn sie in dieser Stunde die Glückwünsche ihrer guten Pariser entgegennahmen, statt sich einander in stummer Freude in den Armen zu liegen. Jsak Goldschild aber sah von dem allen nichts. Weder die beiden blassen Menschen dort oben in der gekrönten Loge, die eben die Kehrseite der Macht in erschreckender Deutlichkeit kennen gelernt, noch die jubelnde, freudetrunkene Menge wurden von dem kleinen Inden beachtet. Er ließ den historischen Augenblick, die laute Begeisterung, das Spiel der Ristvri, ohne nur einen Augenblick zn zögern in Stich und eilte auf die Straße. Hier herrschte noch grenzenlose Verwirrung. Die Gasflammen wären durch den Luftdruck der Explosion ausgelöscht und in der Eile nur zum Theile wieder angezündet worden. Fünf Dragoner der kaiserlichen Eskorte, der Kutscher und die Lakaien des Wagens lagen blutüberströmt auf der Erde. Erstere konnten nur mit Mühe unter ihren gestürzten und zum Theile getöteten Pferden hervorgezogen werden. Das aufgewühlte Erdreich verrieth die Stelle, wo die Bombe der Mörder geplatzt war. Wenige Schritte davon entfernt lag mit gebrochenen Rädern und zerschmettertem Kästen die Kutsche Napoleons. Aus dem zerborstenen Holze lugten die Eisenplatten hervor, mit denen die kaiserlichen Wägen gepanzert waren — eine Vorsicht, der der Imperator heute sein Leben verdankte. Aber auch der Anblick aller dieser Schrecknisse feficlte nicht den flüchrigen Fuß Jsak Goldschilds. So rasch er nur konnte, eilte er durch die menschendurchwogte rue Lo Pelletier der abgelegenen, stillen me blatice zu. Dort bewohnte sein Chef einen hübschen, wenn auch nicht allzugroßen Palast. Trotz seines ererbten früheren großen Reichthumes hatte Herr Osterheim kleinbürgerliche Gewohnheiten. Die glänzend, ausgestatteten Empfangsräume des ersten Stockwerkes blieben immer geschloffen. Das kinderlose Ehepaar begnügte sich mit den niederen Zimmern des Erdgeschosses und führte darin das gemächliche Leben kleiner Rentner. Wenn das Vermögen des Bankhauses erschöpft war, so durste der Grund der misslichen Lage sicherlich nicht im Anfwande des Chefs gesucht werden Herr und Frau Osterheim saßen gerade friedlich beim Nachtmahle als Jsak wie ein Falke in einen Taubenschlag stieß. „Gnädige Frau!", rief er ganz außer Athem, „gnädige Frau! Sie müssen morgen Abend einen Ball geben!" „Sind Sic verrückt geworden, Jsak?" fragte der Banqnier erschrocken, während seine Frau,. die Wahrheit der Frage befürchtend, ängstlich hinter seinen Stuhl flüchtete.

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