Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Article
- Tage und Nächte [Rezension]
- Date
- 1898-10-07
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 14 Sit 40 „Judenliedern" ersehen wir, dass Donath nicht nur ein guter Dichter, sondern auch ein guter Jude ist. Formell: Vorzüge der Donath'schen Poesien stnd Knappheit und Präcision. Mit wenigen Strichen entwirft er wirkungsvolle farbenreiche Gemälde. Der Leser sagt sich, dass er eine dichterische Individualität vor sich hat. Damit ist viel gesagt. /.. A. G Fknillttou. Salomon Maimr.Nl und der kritische Skepticismus. Von Dr. S. Rubin. Heinrich Heine nennt Kant, bei einer Vergleichung der deutschen Philosophie mit den französischen politischen Verhältnissen, den Robespierre der Philosophie. Das ist bei Lichte besehen falsch. Denn wenn auch Kant mit der alten Metaphysik ausräumen wollte, indem er ihre Ungereimtheiten unbarmherzig aufdeckte, so war es doch bei ihm auf eine geistige Schreckensherrschaft sicherlich nicht abgesehen. Seine Erkenntnistheorie, die an Stelle der bisherigen Metaphysik trat, war eine bescheidene Negentin, die keine Gelüste hegte, fremdes, übersinnlischcs Gebiet zu erobern, auf jenseitige Regionen ihre Kategorien zu übertragen. Sie suchte nur deir kleinen Kreis der Erscheinungen ihrem Scepter zu unterwerfen, um . ungestört regieren zu können. Man begeht einen Jrrthuni, wenn man glaubt, dass der Hauvtkamps Kants der alten Metaphysik galt. Oh nein! Diese ehrwürdige Matrone mit all' ihren Schrullen würde Kant zu dem erbitterten Kamps nicht ansgereizt haben, wenn nicht ein anderer weit gefährlicherer Feind in einem Hinterhalte gelauert hätte. Es ist der scharfsinnige Skeptiker David Hume. Dieser philosophische Nihilist, der alles Wissen vom Erdboden zu vertilgen drohte, jagte Kant einen förmlichen Schrecken ein. Und nur gegen ihn wurden die schweren Geschütze ins Treffen geführt. Es ist das eine merkwürdige Erscheinung in der Geschichte der Philosophie, dass zu allen Zeiten die genialsten Köpfe all' ihr Wissen darauf verwendeten, um das Wissen zu leugnen. So waren die ersten Sophisten, die lange nicht mit dem spätern Tross der Gaukler und Marktschreier zu ioentificieren sind, wie schon Zeller in seinem berühmten Werke „Die Philosophie der Griechen" nachgewiesen hat, Skeptiker kat/ exochcn. Ein Protagoras und Gorgias waren keine Hanswürste, die all' ihren Geist angeweudet hätten, um für ein Trinkgeld den blöden Mob zu amüsieren, was man gewöhnlich unter Sophisten versteht. Nein! Sie waren ernste scharfsinnige Denker, welche vermöge ihres Genies die Unzulänglichkeit alles unseres Wissens erkannten. Und auch nachdem ein Plato und Aristoteles der Metaphysik ewig dauernde Stützen errichtet zu haben glaubten, zieht sich der Skepticisnius durch die ganze Geschichte der Philosophie, bis er in der neuern Zeit in Hume seinen größten Vertreter fand. Dieser scharfsinnige Denker, der thurmhoch über seinen Zeitgenossen stand, die ihn nicht einmal verstanden, concentrierte alle seine skeptischen Angriffe auf einen einzigen Punkt, nämlich aus das Gesetz der Causalität, mit dem alles Wissen stehen und fallen muss. Freilich fiel es Hunte nicht int entferntesten ein, das Causalitätsgesetz aus der Praxis zu verbannen. Einen Hungernden, der keine Speise zu sich nehmen wollte, um feinen Hunger zu stillen, weil er nicht überzeugt sei, ob Speise überhaupt Ursache der Sättigung wäre, würde Hume für einen Jrrenbanscandidaten erklärt haben. Allein ist damit der Theorie geholfen'? Drängt sich nicht umso mehr die Frage mit aller Gewalt ans, woher die Apodikticität stamme, mit welcher wir die Blöße des Causalitätsgesetzes bedecken'? Aus der Praxis kann dieselbe nicht geholt werden. Die Erfahrung kann nur das Feigenblatt der Wahrscheinlichkeit, nicht aber die Götterhülle der Nothweudigkeit bieten. Dieser Alarmruf, der die Zeitgenoffen dieses hiuimelstürmenden Titanen ans ihreni tiefen Schlummer des Dogmatismus nicht reißen konnte, war mächtig genug, um einem Kant als Sturmsignal zu erscheinen. Es galt nicht mehr der Metaphysik allein, sondern der Philosophie überhaupt, dieser Zierde des menschlichen Verstandes, die der rücksichtslose Schotte vernichten wollte. Diese zu retten, musste Kant seine ganze Geisteskraft ausbicten, um ein Riesenwerk anfzusühren, welches allen Angriffen Trotz bieten sollte. Wie wir sehen, ist eigentlich Hume der Robespierre der Philosophie, während Kant seine Arbeit darauf verwendete, um eine bescheidene Restauration der Philosophie hcrbeizusühren. Er bot alle seine Kräfte ans, nm das Causalitätsgesetz zu rehabilitieren, ihm feste Stützen zu errichten. Sollte aber das neue Gebäude lebensfähig sein, so ninsste das alte, morsch gewordene, ganz abgetragen werden. Daher der Lärm, den die Zeitgenossen Kants erhoben. Es gieng nämlich diesem großen Kritiker nicht besser als seinem berühmten Vorgänger, dem Skeptiker Hume. Ein Schwarm von Kathcderprosessorcn, die ihre alte verrostete Schulweisheit für bare Münze hielten, erhob ein Zetergeschrei beim Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft und bot alle seine Kräfte aus, um diese neuen umstürzlerischeu Ideen ans der Welt zu schassen. Es waren größtentheils Leute, welche die Kritik nicht einmal verstanden, den Ernst der Sache nicht begriffen und sind daher von Kant mit Verachtung in die Schranken gewiesen worden. Umso größeres Interesse muss der Mann ertvecken, dem von Kant das Zeugnis ausgestellt worden ist, dass ihn (Kant) „niemand unter seinen Gegnern so richtig verstanden habe, wie er". Ich meine Salomon Maituon. Salomon Maimon! Dieser Name erscheint noch heute wie ein Phänomen in der Geschichte der Philosophie. Ohne jede Erziehung, ohne alle Vorstudien, aber ausgerüstet mit einem scharfen, alles zersetzenden Geist und mit der Kenntnis der vielen Folianten des Taltnuds kommt ein Mann ans Polen nach Deutschland, wo er sich mit der neuern Philosophie zu beschäftigen ansängt. Rasch studiert er alle Systeme nacheinander, Spinoza, Leibniz, Locke und Hume. Dieser letztere übte einen dauernden Einfluß auf ihn aus. Sci>t analytischer, Alles in Atome auslösender Geist, fand hier bei Hume seine Congenialität. Wie dieser, begriff er, dass alle unsere Erkenntnis auf thvnernen Füßen beruhe, dass wir zu wissen glauben, was wir höchstens vermuthen können. Als er daher die Kritik der reinen Vernunft studierte, war sie für ihn weder ein Buch mit sieben Siegeln, wie sie den meisten der Zeitgenossen war, noch ein Heiligthum, welches dem Eintrcteudcn Erfurcht gebietet. Er begriff die Situation, er wusste, um was es sich handelte, und er wusste noch utehr, nämlich, dass sich Kant in einem Cirkel befinde, dass er die Hume'sche Frage gar nicht gelöst habe. Es ist das große Verdienst Vaihinger's, in der jüngsten Zeit den Jrrthnm aufgedcckt zu haben, den Kant und seine Commentatoren begiengen. indem sie die zwei Hume'schen Probleme durcheinander warfen und vermengten. Hume stellt zwei Fragen aus. Woher wissen wir, dass ein jedes Geschehen eine Ursache haben müsse? Und gesetzt, dass wir es wüssten, wie können wir jedem besonderen Ereignis seine Ursache bestimmen? Diese zwei verschiedenen Fragen vermengt Kant, so dass er des großen Unterschiedes ungeachtet je nach Bedarf einmal diese und ein andermal jene berührt. In meiner jüngst erschienenen Arbeit über „Maimon und Kant" weise ich nach, dass bei der genauen Ausetuanderhaltung dieser Heiden Probleme das ganze Gebäude der Kritik anseinanderfallen müsse. Hier begnüge ich mich zu constatieren, dass diese Vaihinger'sche Entdeckung nicht neu ist. Sie ist vor hundert Jahren gleich nach dem Erscheinen der Kritik von Maimon gemacht und nicht, wie Vaihinger meint, nur flüchtig berührt, sondern mit Nachdruck betont worden. Maimon hebt zu wiederholtenmalcn hervor, dass Kant nur die erste der beiden Hume'schen Fragen beantwortet habe. Die Hypothese, dass das Causalitätsgesetz ebenso gut wie Raum und Zeit im Subjccte seinen Ursprung habe, reicht nur ans, das allgemeine Causalitätsgesetz zu rechtfertigen. Wir behaupten nämlich deshalb, dass jedes Geschehen eine Ursache haben müffe, weil tvir causal denken müssen, weil das Gesetz