Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1898-10-07
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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40 SM&wtar Seite 13 Ismelitico" mit Offenheit, Energie und tiefinnerer Begeisterung für den Zionismus eintreten Wenn er seinen überaus gelungenen Artikel, in welchem er die Resultate des Eongresses knapp, aber doch übersichtlich zusammenfasst, mit dem Wunsche schließt, er möge am nächsten Cougresse noch viele Delegierte aus Italien an seiner Seite haben, so ist das hoffentlich ein "Wunsch, der vollständig in Erfüllung gehen wird. Der Eongressbericht des „C. J.", der die Reden Herzls, Nordaus und Auszüge aus den Vorträgen G a st ers, M ande l st amms, S ch nirers, Motzkins und Ehrenpreis' enthält, ist trotz der Kürze sehr instructiv. Da in den nächsten Nummern auch Dr. F e l i c e Ravenna, der dem Eongresse beiwohnte und zu den unermüdlichsten, aufmerksamsten Zuhörern desselben gehörte, von seinen Congresseindrücken berichten wird, so dürste den italienisch sprechenden Gesinnungsgenossen schon vor dem Erscheinen des Protokolles in italienischer Sprache das Wichtigste von den Verhandlungen bekannt sein. Wenn die italienischen Juden ven ihnen gebührenden Platz in der zionistischen Bewegung einnehmen werden, dann darf auch der einen redlichen Th eil dieses Erfolges als sein Werk in Anspruch nehmen. Bücherwett. Wilhelm von Humboldt als Staatsmann. Von Bruno Gebhardt. Stuttgart. I. G. Eotta, 1807. Im Grunde genommen lastet im Eulturstaate die größte Verantwortung auf den Schultern des Eultus- und Unterrichtsministers, da die Verwirklichung der höchsten Idee oder des Inbegriffs der Ideen, der Idee der Menschheit nämlich in ethischer, intellcctueller und ästhetischer Hinsicht in seine Hände gelegt ist. Sehr treffend und außerordentlich beherzigenswert ist das Bild des Cultusministers, wie er einem modernen Philosophen vorschwebt: „Der E u l t u s m in i st er muss vor allem ein Eult urmi n i st e r sein, d. h. für Erziehung und Bildung des Volkes ein lebendiges Interesse und hohes Verständnis haben und nicht minder Einsicht besitzen in die Bedeutung der Religion, ihr Wesen, ihre geschichtliche Entwicklung in der Menschheit und ihr Verhältnis zur eigentlichen Eultur derselben. Mit den Gesetzcsparagraphen und deren Einwendung aus gegebene Verhältnisse ist es nicht gethan. Außerdem, wer wirklich an der Spitze des geistigen Lebens eines Volkes stehen und diese Stellung verdienen, und zum Besten des Volkes und der Menschheit verwenden will, muss auch eine starke Gesinnung haben und von Idealen bestimmt werden. Mit bloßem Verwalten oder Beherrschen oder mit Beherrschtwerden von Furcht und Interessen, von Partei- oder Zeitströmung lässt sich die Wissenschaft nicht fördern und das Volk nicht bilden. Allerdings kann heutzutage weniger als je gefordert werden, dass er alle Gebiete des Unterrichtes und alle Wissenschaften selbst im Detail kenne, aber von der allgemeinen wissenschaftlichen Situation der Zeit, von dem herrschenden Geiste, wie er Vergangenheit und Gegenwart bestimmt, muss er .Kenntnis haben. Dazu ist. . Kenntnis insbesondere der Philos o p h i e alsJde-al Wissenschaft nothwendig". Ein solcher Eulturnnnister war W i l h e l m v. Humboldt. Die Erlaubnis des Staatsministers Dr. Bosse, in die Acten des königlichen preußischenUnterrichtsministeriums gründlich Einsicht zu nehmen, bot Gebhardt zum erstcnmale unter allen Biographen W. v. Humboldts die Möglichkeit, dessen Wirksamkeit als Eultus- und Unterrichtsminister erschöpfend zu beleuchten. Sic setzte ihn unter anderem zum erstenmal in den Stand, uns mit seiner umfangreichen und hochinteressanten Denkschrift über die Reform der bürgerlichen Verhältnisse der Juden, welche das Datum des 17. Juli 1808 trägt, vertraut zu machen. Wie Humboldt in seiner politischen Laufbahn überhaupt den harten Realismus der Thatsachen mit den Ideen durchdringt, welche Erfahrung und Nachdenken in ihm gezeitigt haben, wie er es im allgemeinen versteht, auch das trockenste Geschäft zu verklären und zu adeln, in den Zusammenhang des Ganzen zu dringen und ihm dadurch höheren Wert zu verleihen, in dem Einzelsalle das Allgemeine, in dem Einzelvorkommnisse die Entwicklungsreihe rückwärts und vorwärts zu sehen, so webt er auch in seiner Auseinandersetzung über die Judensrage im Reiche der Ideen. Sie ist durchweht von seinem ä st h e t i s ch e n H u m a n i §- m u s, welcher in ihm durch das Studium des griechischen Allerthums genährt, durch seine Freundschaft mit Schiller und Goethe befestigt wurde und während seines sechsjährigen Aufenthaltes in Rom vollends ausreifte. Humboldt ist für eine vollkommene Gleichstellung der Juden mitden nichtjüdischenMitbürgern. Dem Einwande, dass eine völlige und plötzliche Gleichstellung ein Sprung von einem Extrem in das entgegengesetzte sein und dadurch eine große Gefahr für den Staat erwachsen würde, begegnet er mit der Widerlegung, dass die Umwandlung eines widernatürlichen Zustandes . in einen naturgemäßen kein Sprung, zum mindesten kein bedenklicher sei. Ein solcher sei der Uebergang von einem widernatürlichen mit Ueberspringung des natürlichen in einen anderen widernatürlichen Zustand. „Wer vom Knechte zum Herrn wird, macht einen Sprung; aber wem man bloß die Hände losbindet, die erst gefesselt waren, der kommt nur dahin,' wo alle Menschen von selbst sind." Ec hält die allgemeine Gefahr, dass die Juden die Christen verdrängen würden, für völlig unbegründet und meint, sie werde nur durch einen Zirkel im Denken eine Gefahr, indem man erst gern den Unterschied zwischen Juden und Christen politisch aufheben möchte und dann wieder annimmt, dass es politisch denn doch nicht gleichgiltig sei, ob ein Gewerbe von einem Juden oder Christen betrieben werde. „Jude und Christ", sagt er, „wird gleich gebunden sein, und kein Gewerbe wird, was doch der einzige Zweck ist, leiden. Tritt selbst der Fall ein, dass der Jude ein Gewerbe zweckwidrig betreibt, z. B. aus Ackerwirtschaft Handelswirtschast macht, so wird ihn sein eigener Vortheil bald eines Besseren belehren, und geschieht dies nicht, so gehört das zu den einzelnen Fällen, die eine nicht furchtsame und kleinliche Gesetzgebung übersieht." Tiefe Entrüstung bemächtigt sich Humboldt's im Angesichte des empörenden Paragraphen, welcher bestimmt, dass die Juden als Zeugen nicht die volle Glaubwürdigkeit der Christen genießen. Er verlangt energisch die Beseitigung dieser Bestimmung, welche „auch mit den schlichtesten Gefühlen von Menschenwürde unverträglich" ist. Höchst charakteristisch ist es für ihn, dass er den Ue der tritt der Inden, welche ihre unterdrückten M i t b r ü d e r verlassen und die bis dahin mitgetragene L a st ihnen a u s b ü r d e n, um unter den vollberechtigten Christen mit dem Namen getaufte Juden belegt zu zu werden, heftig tadelt. „Wie man gegen die plötzliche Gleichstellung zu furchtsam ist", schließt Humboldt seine Auseinandersetzung, „so scheint man mir bei der allmählichen, welche die doppelte Gefahr des alten und neuen Zustandes zugleich stehen läßt, indem man sich beide zu vermindern einbilvet, in der That zu kühn". S. Tage und Nachte?) Das künstlerische Nmschlagbild von R a u ch i n g e r symbolisiert den Inhalt dieses Buches. Ein elfenartiges Wesen, der Tag, sieht der strahlenden Sonne entgegen, und zu Füßen des Tages ruht die Nacht, ein Weib mit aufgelösten Haaren, lieber der stacht schwebt silbern ein Stern. So wechseln die Stimmungen in Donaths Poesien. Tag und Sonne, dann wieder flächte, in deren „breitem Mantel das schrnerzcnsgroße Schweigen kniet." Die Nächte haben ihren weißen Stern, der zwischen den Zweigen der Trauerweide hindurchschimmert. Georg Brandes schildert den Eindruck, den er von den Tonath'schen Versen empsieng, folgendermaßen: Die Musik dieser Verse ergötzt mich, eine jugendliche Musik, die etwas Bethörendcs hat. Die Vorzüge scheinen mir Jugend, Frische, Melodie, etwas Zartes, Elscnartiges." Brandes hebt hervor den „eigenthümlichen Wohllaut", die „eigene Anmnth" dieser Dichtungen, -- „etwas Einschmeichelndes und Graziöses, das in deutscher Lyrik nicht allzu häufig vorkommt." Dieses glänzende Lob des gefeierten Kritikers erregt in ganz besonderem Grade das Interesse an dem Buche. Und wenn man sich dann in die Dichtungen vertieft, macht man die ganze Empsindungsscala durch, von der Brandes spricht. Wir tarieren den Lyriker nach dem Maße seiner Suggcstionskraft. Er muss imstande sein, uns durch wenige Töne, durch eine Geberde mitten in die Stimmung hineinzuversetzen, in der er sich befindet. Wir wollen mit ihm lieben und hassen, mit ihm lachen und weinen. Und es darf nichts Gewaltsames in dieser Uebertragung der Gefühle sein. Donath besitzt diese Fähigkeit der Mittheilung in hohem Maße. Es ist das die Eigenschaft, die Brandes „etwas Bethörendcs" nennt. Das Buch enthält zum überwiegenden Theile Liebeslyrik. Sie enthält einen naiven Beigeschmack, der sehr wohlthuend wirkt. Die Zwei, die sich da küssen und zwischen weißen Schlehdornhecken Verstecken spielen, könnten ganz gut Kinder sein. Die Mädchen haben einen unschuldigen Zug um die Lippen. Eine frische Natürlichkeit ist in den Gesühlsausbrüchen. Das kränkelnde Weh, die wunde Zerrissenheit, die raffinierte Schmerzenssehnsucht fehlen. Aber trotz des tändelnden Hauches sind die Empfindungen warm und echt. In der Erotik erinnert Donath an Detlev von Lilienkron. Stur übetrifft er ihn an Wärme und Tiefe der Empfindung. Unter den erotischen Poesien ist besonders erwähnenswert das reizende Gedicht „Ein Liedchen", welches förmlich nach Vertonung ruft. Georg Brandes sagt darüber; „Ein Liedchen" ist originell, sehr fein, sehr zart, und hat den in deutschen Versen so seltenen, naiven Klang!" Aber es sind doch einige Liebeslieder hier, die eine fchwerrnüthige Melodie haben. Sie gelten dem Judenthurne. Aus den *) Tage und Nächte, Gedichte von Adolph Donath, mit einem Brief von Georg Brandes und einem Umschlagbilv von H. Rauchinger, Schuster und Löffler, Berlin 1808.