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Die Welt · 1898-10-07 · 40 (7.10.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
40 (7.10.1898)
Article
Bukarest / Hajoetz
Date
1898-10-07
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 Nr. 40 Lust hätte, die Sache anfzuschieben. Die Pariser Bevölkerung, wie die ganz Frankreichs übrigens, ist aber bereits zu sehr von dein Gedanken der Revision ergriffen, als dass ein Widerstand Aussicht auf Erfolg hätte. Döroulöde, Rochefort D r u in o n t und ihre Gefolgschaft wenden zwar alles an, um die Revisionisten einzufchüchtern, aber es ist offenbar nur ein letzter Versuch der Leute, die wissen, dass nur ein totaler Umsturz der jetzigen Ordnung imstande wäre, ihre Niederlage zu verbergen. Die Verhältnisse sind auch derartige geworden, das? eine solche Gefahr nicht ausgeschlossen ist. Jaurös betonte mit Recht in der „Petite Republique", dass die revolutionären Symptome sich immer deutlicher zeigen, und dass alle Freunde der Republik zu ihrer Bertheidigung bereit fein müssten. Dass man auch von Seiten der verschiedenen Prätendenten auf eine Umwälzung rechnet, zeigte sich einmal wieder bei der von dem Schriftsteller Francis P ressen s 6 einberusenen und durch die Verweigerung des Saales unmöglich gemachten Versammlung. Am Sonntag (2. October) sollte im Wagramsaale ein Massenmeeting zugunsten der Revision stattfiuden. Aus Angst vor etwaigen Scandalen — Paul Düroulöde hatte seine Anhänger aufgefordert, ebenfalls hinzukommen — weigerte sich der Besitzer des Saales im letzten Momente, die Versammlung in der Salle Wagram abhalten zu lassen. Es kam zu großen Demonstrationen für und gegen die Revision und schließlich zu den jetzt in Paris obligaten Raufereien. Pressen se. der Director der „ Aurore“ Vanghan und Morhardt vom .Temps“, welche in den Saal eindringen wollten, wurden verhaftet. Die Polizei gieng besonders scharf gegen die Revisionisten vor. Zwar soll bereits B r i s s o n dem Polizeiprüfecten eine Verwarnung haben zukommen lassen, aber cs ist bezeichnend, dass man gegen die Republicaner so schonungslos Vorgehen zu dürfen glaubte, während die Rufe „Hoch der Herzog von Orleans!" und fortgesetzte orleaniftische Demonstrationen keinen Anlass zum Einschreiten der Polizei bildeten. Dass dabei auch in der Avenue Wagram und an anderen Orten der Ruf „Nieder mit den Inden!" erscholl, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden. Was wird das Ende dieses ermüdenden Kampfes sein? Es scheint, dass wieder die Juden werden die Kosten tragen müssen. Siegen die Autirevisionisten, so ist das Schicksal der Inden nicht zweifelhaft. Zunächst Sistierung des Decretes Cremieux für Algier und daun Repressivmaßregeln oder zumindcsteus gesellschastliche, politische und wirtschaftliche Bekämpfung der Juden bis zum Aciißerftcn. Siegen die Dreysnsards, dann wird der Zorn der Besiegten, der Clerikalen, Generalstabsfrcnnde, der Legitimsten und Imperialisten wie überhaupt aller der zahllosen einflussreichen antirepublikanischen Kreise sich bis zum fanatischen Hass gegen die Inden steigern, und diese werden ihm kaum ungeschädigt entgehen können. Es ist eine traurige Zeit, der die Juden Frankreichs entgegeugehen. Siegt auch die Republik, so ist die Stellung der Juden doch eine höchst precäre geworden. Das nächste Jahrzehnt dürfte den Juden Frankreichs schwere Kämpfe bringen. Werden sic genug Kraft, genug Solidarität haben, sie glücklich zu überstehen? Die Statistik der Judennoth wird ein Land mehr in die ständige- Rubrik aufzunehmen haben, das dürste das Facit sein. Rumänien. Bukarest. Tie rumänischen Studenten hielten ihre heurige Jahresversammlung in Tulcea ab. Die jungen Helden wurden mit außerordentlicher Gastfreundschaft empfangen, in erster Reibe — von der jüdischen Bevölkerung. Als aber ein Student den Antrag stellte, dass auch jüdische Collcgcn in die Verbindungen ausgenommen werden follren, erhob sich ein wahrer Sturm der Entrüstung, und der Antrag wurde einstimmig abgelehnt. Besonders zeigte sich die Dankbarkeit für die Gastfreundschaft der Juden darin, dass die zukünftigen geistigen Stützen der rumänischen Gesellschaft eine Resolution beschlossen, welche die Studenten auffordert, an die Kammer und den Senat ein Memorandum zu überreichen, in welchem auf die Schädlichkeit der Juden für das Land und die Nothwendigkeit ihrer Vertreibung hingewiesen werden soll. ..Hajoetz.“ England. London Anlässlich des Todes Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth veranstalteten der Unterstützungsverein für jüdische Kranke „Kaiser Franz Joseph", der Oesterrcichifche Krankenvcrcin und der Ungarische Wvhlthätigkeitsverein eine T r a u e r f e i e r in der New R o a d S Y n a - gogue. Rev. A. Perlzweig recitierte ein Tranergebet und erflehte den göttlichen Segen für Königin Victoria und K a i s e r Franz Joseph. Der ergreifenden Feier wohnten bei Dr. Harrer von der Gesandtschaft und drei Beamte des Confulatcs. J. W. ZkitschnstcnnlllWml. Dr. Adolf Kurrein's „Jüdische Chronik" hat uns schon zu wiederholtenmalen Anlass geboten, auf den Unterschied zwischen diesen Monatsheften und so vielen anderen jüdischen Zeitschriften aufmerksam zu machen. Seit der Zionismus das jüdische Lesepublicum zu interessieren begonnen hat, ist unzweifelhaft das Niveau vieler dieser Zeitschriften ein entschieden höheres geworden. Der Gemeindetratsch, der Herr Vorsteher und seine intimsten Familienereignisse, die oft lächerlichen Zänkereien über die nichtigsten Dinge bilden nicht mehr so oft und in so großem Maße wie früher die geistige Nahrung, welche diese Blätter ihren Lesern bieten zu müssen glauben. Die „Jüdische Chronik" hat von jeher dieser Art von Volksaufklärung und Belehrung ferne gestanden, aber noch frischer, anregender und begeisternder schreibt sie, seit sic offen für den Zionismus eintritt und ihren Lesern klar macht, dass es hohe Interessen im Judenthum zu besprechen und zu erfassen gibt, von denen die bisher übliche „Tbätigkeit" der Gemeinden und ihrer kleinen, sich oft so groß dünkenden Herrscher absolut keine Ahnung, und für welche auch jetzt noch so manche „Schul"weisheit kein Verständnis hat Auch das Oetoberheft der —7. Chr.-- zählt zu den besten dieser Zeitschrift. Interessant sind vor allem die Berichte über den zweiten Baseler Congress und der Epilog zu demselben, welch letzterer Dr Biere r, den alten Kämpfer für Zion, zum Verfasser hat. Der beste und eindringlichste Artikel ist aber doch der Doctor Sutrtin's. Unter dem Titel „Zion — die schützende H ütte Israel s" bespricht der gelehrte Teplitzer Rabbiner und Schriftsteller den Zionismus und den Baseler Congress. Es sind oft wahrhaft goldene Worte, welche er zu seinen Lesern, zu allen Juden spricht. Wir bedauern sehr, dass die Ausführlichkeit des Artikels seine Reproduction in toto schwer möglich macht. Ein Auszug würde aber wieder den Eindruck schwächen, den die Ausführungen.Kurrein's auf jeden Leser Hervorrufen müssen. Wir empfehlen unseren Gesinnungsgenossen die „Jüdische Chronik" und hoffen, dass wir in ihr auch fernerhin eine treue Bundcsgenosfin finden werden. k.eiik-e Rabbiniq-e. *) Eine Predigt des Grand Rabbin Moise Weil von Algier, welche uns in Broschürenform vorlicgt. Grand Rabbi Weil bespricht die Verfolgungen, welchen die Juden in Algier ausgesctzt sind, weist ans die vielen, dem jüdischen Geiste direct widersprechenden Strömungen im Juden Ihum hin, und erklärt schließlich, es gäbe für die Juden Algiers nur einen Weg der Hilfe — die Auswanderung. Dann führt er aus. wie diese Auswanderung für jeden wahren Juden nur nach Palästina stattsindcn könne und preist die Männer, welche an der Spitze der zionistischen Bewegung stehend, dem Judenthum eine Heimat und die Möglichkeit seiner vollen geistigen und ethischen Entwicklung schaffen wollen. Von der Besiedlung Palästinas könnten die Juden dies alles erwarten. An diese Bewegung sollten sie sich anschließcn. Die Predigt dieses strenggläubigen Rabbiners macht ans den Leser den nachhaltigsten Eindruck. Sie zeigt aber auch, dass der zionistische Gedanke bei den Juden aller Welttheile begeisterte Aufnahme findet und berufen ist, das entscheidende Wort bei der Lösung der Judenftage zu sprechen. Das am :)0. September a. c. erschienene Monatsheft des Loni'ie.'s Israelitico weist eine Reihe interessanter Pubticationen auf. Vor allem zu erwähnen ist der Artikel des Rabbiners Guiseppe Sonnino aus Neapel, über den zweiten Baseler Congress. Die Delegierten, welche diesen feurigen, eifervollen Mann in Basel gesprochen haben und sprechen hörten, werden es begreifiich finden, dass auch seine Publicationen im „Corriere *) An merkung: Imp. Jonathan & Co., rue Nemours 7 Alge r.

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