Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Article
- Der Krach der Fälscherpartei
- Date
- 1898-10-07
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 40 basieren, um sich von den prvsessionellen Unruhestiftern draußen Hochrufe ausbringeu zu lassen, woraus, wie leicht voauszusehen war, eine Balgerei entstehen sollte; denn die antisemitischen Banden waren alle mobilisiert worden. Dieser Plan war auch Wasser auf die Generalstabsmühle, weil die Herren sich nunmehr lediglich dnrch eine Revolution, d. h. eine Medermetzelung der Treysnsisten und Inden retten zu können glauben. Auf einmal, gegen 1/21 Uhr erfuhr man, dass die Versammlung auf Befehl untersagt worden sei. Pr essen s 6 und zwei Freunde wurden wegen Widerstand verhaftet aber ein paar Stunden darauf wieder losgelassen. Dieses Verbot, ich muss es sagen, ist von weittragendster Bedeutung und eröffnet eine neue Äera in der Dreyfusaffaire; denn die Leidenschaften sind so erhitzt, dass die Versammlung unbestreitbar zu einem Blutbade geführt hätte. Man war beiderseitig zum Kampfe bereit, jedoch hätten die Dreyfusards die Polizei, und das Heer gegen sich gehabt. Da aber das Verbot von Brisson herrührte, so haben wir daran den besten Beweis, dass e r der Herr ist, nicht der Generalstab, in dessen Kram das Blutvergießen sehr gut gepasst hätte. Zeigte sich Brisson heute als Herr, so wird er es bis zu Ende bleiben. Den Manifestationen wurde dadurch doch das Aergste genommen. Die Manifestanten blieben vor dem Dhor der Salle Wagram und wurden nur allmählich von der Polizei vertrieben. Sie vereinigten sich aber bald wiederum und wanderten durch die umliegeuden Straßen, hin und wieder zurückkommend mit den Rufen: Revision! Hoch Zola! Hoch Picqnart! Tie Menge belief sich auf etliche 10.000 Mann. Tie Antisemiten sahen sich bald in sehr geringfügiger Majorität — factisch nicht mehr als fünf Percent — worunter zehn- bis zwölfjährige Buben. Dennoch sah man sogar unter ihnen Graubärte neben achtzehn- bis zwanzig jährigen! Als sich etliche davonerdreisteten einige Rufe, wie Vivo rarmee! A bas Zola! auszustoßcn, da brach ein mitleidiges Lachen unter den Zuhörern aus. Eiu Officier, der sich aus Versehen in eine Nachbargasse verirrt hatte, wurde von ungefähr 200 Menschen mit den Rusen: Hoch Picqnart! Hoch Zola! Nieder mit dem Generalstab! Nieder mit Rochefort! verfolgt und entschlüpfte so hurtig, dass er nur mit Mühe das Stolpern über den eigenen Säbel vermied. Ein antisemitischer Abgeordneter, Panlin Mery, schrie: Vivo Jan nee! Tie Polizei muss ihn falsch verstanden haben, denn sofort wurde er gepackt, gehauen und auf die Wache geschleppt. Nahezu 500 Menschen begleiteten ihn mit Katzenmusik und mit einem solchen Gebrüll von Vivo Zola!, das man nur mit den weiland vernommenen A bas Zola'. vergleichen kann. Schließlich entriss man ihn den Polizisten nnd prügelte ihn durch. 'Alle hundert Meter ungefähr bildeten sich Gruppen mit pro-und oonlra-Volksredneru. Worte, die man sich bis jetzt nur ins Ohr geflüstert, wurden laut ausgerufen. Eiu 'Arbeiter schrie einem Antisemiten ins Gesicht: „Wir haben jetzt genug von unseren Fälschern, solchen Baguogenerälen wollen wir im künftigen Krieg nicht folgen, und in Friedenszeiten wollen wir ihrem corrumpierten Offfeierscvrps nicht gehorchen. Nieder mit den Fälschern! Keine vier Tage Arrest wollen lvir uns jetzt von Eueren betressten Schuften mehr gefallen lassen! Darauf antwortete der Antisemit: Sie sind wohl ein sehr schlechter Soldat gewesen. - - Jawohl, erwiderte der Arbeiter, die faule 'Ausrede vom schlechten Soldaten ist schon ausgeleiert, nun kommt die Zeit, wo der Soldat den schlechten Lfsicieren auf die Finger sehen will. Tie Umwandlung im Pariser Volksgericht ist eine unglaubliche. Tie Worte von Wahrheit, Gerechtigkeit sind gang und gäbe. Vivo lo .Justice! Vivo la Verite! Vivo Ihumaiiite! so hört man es durch die Straßen schallen aus dem Munde der Werkleute, Bourgeois, der Studenten, der Handlungsbeslissenen, die Hand in Hand gehen und sich wie alte Freunde unterstützen. „Uli, Uli, ich kenne Dich nicht mehr!" Ter Pariser der 1848er-Revolntion erwacht wieder. Nur wenige hörte ich ein A bas los juifs! rufen. Einer mochte zu laut geseufzt haben, denn sofort packte ihn ein Jude an der Gurgel und sagte: Krieg' mich nur herunter, wenn Du kannst! Ich bin ein Jude! und versetzte ihm darauf einen derben Schlag. Die Menge sah zu und gab dem Juden stillschweigend recht. „Stillschweigen ist schon ein Riesenfortschritt." Es ist der Zusammenbruch des Anti-Dreyfusthums in Paris, denn die Esterhazysten sind zu einer solchen Minorität zusammengeschmolzen, dass sie kein genügendes Material zu einer Empörung oder ernsten Schlägerei mehr bieten kann. Wenn der Pariser einmal anfängt, nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Menschlichkeit zu brüllen, dann ist er wirklich gefährlich, da hat man sich sehr zusammen zunehmen, dann aber auch, allen Respeet vor ihm! Heute war er echt pariserisch, wie er in der Geschichte beschrieben steht. P Israel» Sorialrrform. (Aus der „Z u kun f t".) Herr Professor Georg Adler hat die jüdische Socialreform falsch beurtheilt, weil er sich allzu fest auf Julius Wellhausen stützt, dessen System, die altisraelitischen Geschichtquellen zu behandeln, in der letzten Zeit sehr erschüttert worden ist; ferner berücksichtigt Herr Professor Adler gar nicht das nachbiblische Schriflthuny das für das Verständnis der Socialreform im Judcnthum ungemein wichtig ist, viel wichtiger als die biblischen Schriften. Denn thatsächlich blieben während des Bestehens des ersten israelitischen Reiches alle auf die Herstellung einer gerechten socialen Ordnung abzielenden Vorschriften der mosaischen Lehre ein frommer Wunsch, während die Thora nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil oder, richtiger, seit dem Eingreifen Esras (etwa 450 v. Ehr.) für Israels religiöses und sociales Leben Norm aeworden ist. Mit diesem Zeitpunkt hört aber die biblische Geschichte auf. Wir müssen uns deshalb mit der umfangreichen und reichhaltigen sogenannten rabbinischen — richtiger sopherischen — Literatur bekannt machen, wenn wir uns von der Wirksamkeit der mosaischen Socialreform ein richtiges Bild verschaffen wollen. Vor Allem muss hervorgehoben werden, dass man die mosaische Socialreform, d. h. die socialpolitischen Vorschriften, denen wir im Pentateuch begegnen, keineswegs, wie es vielfach irrthümlich geschieht, etwa wie stilistische Versuche eines „Weltverbesserers" behandeln darf. Ter Pentateuch ist gewiss nicht das Produkt eines Utopisten, der socialpolitischc Brochuren schreiben wollte. Die mosaische Socialreform ist aus dem Volk hervorgegangcn und repräsentiert ein Stück Geschichte, sicherlich sogar ein Stück alter Geschichte, wie es Sprache und Form beweisen. Es ist daher höchst wahrscheinlich, dass die in Betracht kommenden Satzungen der mosaischen Bücher aus jener prähistorischen Zeit stammen, wo der Stammespartikularismus in Israel noch nicht überwunden war, wo die Israeliten, nach Renans Wort, noch Therachiden waren und in zahllose kleine Gruppen zersplittert lebten. Innerhalb eines kleinen politischen Gemeinwesens, wo die Cultur noch in ihren Uranfängen war, konnte jene sociale Ordnung herrschen, deren Ziel war, „dass kein Armer im Lande lebe". Später, als die politischen und socialen Verhältnisse sich verändert halten, klang das wie ein Märchen aus alten Zeiten: jedenfalls schien eine solche sociale Ordnung undenkbar. Es war nun das Ideal der Propheten, diese Lehre, die in früheren Jahren unter anderen Verhältnissen bei einem Theil des Volkes gegolten hatte, künftig für ganz Israel zum Schutz der Armen und Enterbten zur Geltung zu bringen. Die Thora war, wie eine unbefangene Untersuchung im Gegensatz zu Wellhausens Hypothesen ergibt, schon im Zeitalter des Propheten Amos bekannt. Darüber belehrt uns die Thatsache, dass dieser gegen Ende des neunten vorchristlichen Jahrhunderts lebende Prophet in seinen Reden an das Volk auf manche aus den lnosaischen Büchern bekannte Begebenheiten anspielt. Daraus geht hervor, dass nicht nur der Prophet selbst mit dem Pentateuch bekannt war, sondern, was für uns viel wichtiger ist, solche Kenntnis auch beim Volk voraussetzen konnte. Die Thora war also in Israel nicht unbekannt; sie erfreute sich nur noch keiner Autorität, obwohl sich die vorexilischen Propheten bemühten, sie ihr zu verschaffen. Das ersehen wir aus einem Beispiel ganz klar. Der Prophet Jercmia beklagte sich mit Berufung auf die Thora über die in Judäa herrschende Sclaverei. Während nämlich die Hauptstadt bereits von '.llebukadnezars Heer belagert war, gab die hart bedrängte judäische Bourgeoisie die hebräischen