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Die Welt · 1898-10-07 · 40 (7.10.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
40 (7.10.1898)
Article
Telegramm
Date
1898-10-07
Page
4 (sequence 1)
Language
German
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Seite 4 iUx. 40 Erlegrarnrn. London. Montag, 8. Oktober, abends, sprach Tr. H e r z l bei einem Massenmeeting, das von säst 7000 Personen besucht war, über den Zionismus und den CongrcsS. Der Erfolg ein ungeheuerer. Die Begeisterung unbeschreiblich. Dr. M. Gaster, Vorsitzender. Z. de Haas. « Die iiwrsliNhe Revolution. Von I. de Haas. „Die Seele dieses Volkes kann, aus Mangel an gemeinsamer Thätigkeit, im Absterben begriffen erscheinen. Wer aber kann sagen, dass die Quelle des Volkslebens versiegt ist, dass Israel für alle Zeit aufgehört hat, eine Nation zu sein? Gewiß keiner, der innerhalb seines eigenen Lebens das seines Volkes wach und rege fühlt." Das sind die Worte M o rdechai's, des Helden von „Daniel Deronda*-, der zionistischen Novelle, die George E l l i o t vor 20 Jahren geschrieben. War diese Frau eine Seherin? Besaß sie die Gabe der Prophetie und brachte sie die Worte der Zukunft nur in die annehmbarste Form? Oder war sie bloß eine leidenschastliche Lrrnerin der Geschichte, die manches wusste, was den anderen verborgen blieb, nachdem die Geschichte ihrem angeborenen Gewiffcn einige einfache Lectionen gegeben? Ein anderer wundervoller Ausspruch Mordcchai's: „Juden unverbildeten Massen der über drei Welttheile zerstreuten Juden, welche unsere Riten einhalten und die Einheit Gortes bekennen, ist die Seele des Judenthnms nicht tvdt. Ruft das organische Centrum wieder ins Leben! Lasst die Einheit Israels — den Urgrund und die Form seiner Religion —z u einer nach außen hin erscheinenden Realität werden! Ein eigenes Land, eine eigene Regierung vor Augen, kann unser in aller Welt zerstreutes Volk der Wurde eines nationalen Lebens theilhastig werden und Stimme gewinnen im Rath der Völker des Ostens und Westens!" Was aus diesen Worten spricht, ist nicht der Zionismus des Verzweifelten, der außer der Taufe keinen anderen Ausweg sieht, sondern ein philosophischer, aus einfacher, kalter Uebcrlegung geborener Zionismus, Israel, durch die Aussicht „auf die Wurde eines nationalen Lebens" erlöst und verjüngt. Wir haben diese Prophezeiung erfüllt und damit eine moralische Revolution gemacht. Eben durch diese Mittel „der Wiederbelebung des organischen Centrums" und „der Außen-Realitär" der Einheit Israels haben wir nicht bloß den Lauf der jüdischen Geschichte geändert, sondern wir haben das normale Leben des einzelnen Durchschnittjuden in Aufruhr gebracht. Ich will nicht beweisen, dass George Elliot eine Prophetin gewesen. Aber es ziemt ihr und es ziemt unserer Bewegung, d i c Thatsache mit Stolz hcrvorzuhebcn, dass ihre Voraussagung eingetroffen ist und dass ein Druck auf den rechten Hebel das rechte Resultat hervorgebracht hat. Ter Zionismus, wie er seit zwei Jahren dem jüdischen Volkskörper eiugeflößtwird, hat den gekrümmten Judcnrücken gerade gemacht. Ja, wir haben noch viele physische Schwächlinge unter uns. Aber die schäbigsten Stricke unserer Ghettotracht und unseres Ghettocharacters haben wir abgestreift. Wir sprechen nicht mehr in „ersterbender Unterthänigkeit", sind nicht mehr stolz auf unser Schutzjudenthum und bücken uns nicht mehr, zur größeren Bequemlichkeit des Stockes, der unseren Rücken bearbeiten möchte. Wir haben Licht und Luft in manches dunkle Heim gebracht, darin sich jetzt die Geister rühren dürfen und die Gedanken frei werden. Keine von den vielen Formen unserer Religion kann ein ähnliches Verdienst für sich in Anspruch nehmen, obwohl unsere Dogmen uns locker genug sitzen, nnd ein jeder Jude sein eigener Rabbi ist und nach einem Schulchan Aruch eigener Ausgabe lebt. Noch sind nicht alle Juden Zionisten. Neulich traf ich einen, der mich mit folgenden Worten — beehrte: „Ich weiß, Sie wissen was von Judensachen. Also, sagen» mir, was ist das eigentlich mit dem Zionismus?" Haben Sie noch nichts darüber gelesen, fragte ich ihn, es sind doch alle Zeitungen voll davon? „Ebendarum," sagte der Edle, „es steht immer so viel darüber in den Blättern, dass ich's lieber überspringe. Jetzt aber wird ein solcher Lärm gemacht, dass ich gern etwas davon wüsste." Nun, ich bin kein zionistischer Hillel. In den paar Minuten, die er mir zur Verfiiguug stellte, konnte ich ihm nicht erklären, was Zionismus ist. Nur weil der Mann in allem und jedem die directe Antithesis des zionistischen Inden bildet, thue ich seiner Erwähnung. Tie kleinen Vorkommnisse des Tages, der Familientratsch, der Theetischklatsch und ganz besonders die communale Kannegießerei — das sind so die Tinge, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. Aber jenem Juden, der unsere Bewegung zu verstehen beginnt, haben wir ein die ganze Welt umspanne »des Jntereffe gegeben, ihn haben wir seinen Kleinlichkeiten entzogen, ibn blind gemacht für die Patronage des Geldfacks und taub für den Beifall des süßen Mobs. Zur Selbstbesinnung haben wir ihn gebracht. Heute weiß er, was er ist: einer von den Millionen, von der Brüderschaft Israels. Eine ganze neue Welt ist vor ihm aufgethan. Er hat religiöse Toleranz, Brüderlichkeitsgefühs, Selbstvertrauen gelernt und einen ganzen Haufen unnützer Phrasen des Straßenpolitikers verlernt: eine moralische Revolution voll Sturm nnd Größe! Der Zionismus hat uns unsere Stärke kennen gelehrt. Die Etablierung des „organischen Centrums" auf dem ersten Baseler Congress war eine der Anstrengungen eines ganzen Lebens würdige That. Denn durch sie ist ein großes Missverständnis aus der Welt geschafft worden. Bis zum September 1807 verstand keine Partei des Judenthums die andere. Wir hatten schmutzige und weniger schmutzige Schnorrer, beide gleich unsympathisch wegen des unangenehmen Gegensatzes, in welchem ihre kleine Bildung zu ihrer großen Bigotterie stand. Auf der anderen Seite hatten wir Leute, die keine Schnorrer, aber auch weniger religiös waren und die in dem Grade, in welchem ihr Reichthum wuchs, sich selber zu intoleranten Freigeistern auswuchsen. Als die einzigen „Netter" wurde eine handvoll sehrreicher Leute betrachtet, die durch Wvhlthätigkeitsstiftnngen ihre Namen jede Woche in die Blätter brachten, und ohne deren Hilfe der Karren des Judenthnms unrettbar stecken bleiben musste. Uebertrcibe ich vielleicht? Nun, diese Woche hat mir ein Bogcl-Stranß-Politiker, einer von den echten Exilierten, die nichts vergessen und nichts lernen, die Lage des Judenthums genau in dieser Weise dargestcllt — um die Unmöglichkeit des Zionismus zu beweisen! Wie weit ist doch unser Denken und Fühlen, die ganze Lebensanschauung des Zionismus von der Niedrigkeit dieser Beweisführung entfernt! Tausende leben schon das neue Leben. Kein Mensch hat den Schekel zahlen können, ohne des neuen Srandpunktes bewusst zu werden, auf den er sich damit gestellt. Unsere moralische Revolution hat einen unserer heftigsten Gegner zu der Anerkennung gezwungen, dass wir durch den neuen Gedanken, den wir dem Judcnthum gebracht, die Schranke zwischen Orthodoxie und Reform niedergeriffen haben. Ja, er sieht sogar eine Zeit voraus, die den Gegensatz jener zwei Richtungen in den höheren Begriff der nationalen Idee auflösen wird. Der Zionismus ist für Israel, was der Imperialismus für den Engländer, das ist ebenso gewiss, wie, dass unsere Bewegung den Khilla-Affairen im selben Maße überlegen ist, wie eben das Parlament allen Gemeinderäthen. Wer Männer von Bedeutung sich an kleinliche Khilla-Angelegenheiten hat verschwenden sehen, dem muss die durch den Zionismus bewirkte Erweiterung der Interessensphären als eine höchst willkommene moralische Revolution erscheinen. Auf diese Revolution hat der Zionismus ein Recht, stolz zu sein. P

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