Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Article
- Die Juden in Wien
- Date
- 1898-10-07
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315783-3363297--08412-3363392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 j?töcsw<r Seite 3 Literaten unterstützten, schadete es diesen! in den Augen der Wiener, wenn er Jude ist oder war, weil man dann an Parteilichkeit glaubte. Es gibt heute in Wien keinen hervorragenden Menschen jüdischer Abkunft, an dessen Bedeutung nicht gemäkelt würde, dessen Beurtheilung in einer sreisinnigen Zeitung nicht beargwöhnt würde, mag dieses Urtheil auch von einem 'Arier stammen. Das sühlt man auch in den Redactionen der Wiener Blätter, und man weicht allem, was sich als Jude compromirriert, nach Möglichkeit ans. Anderseits wird jede Sünde oder jedes vermeintliche Bergehen der Zeitungen aus den Rücken des Judenthums abgeladeu. Wir haben am Ansange dieses 'Artikels betont, dass die böhmischen Juden vermöge ihrer höheren weltlichen Bildung die geistige Führung in Wien übernahmen. Sie waren durchwegs deutsch vorgebildet und österreichisch-centralistisch gesinnt. Ta auch früher in Ungarn und Galizien den Inden die Bildung durch die deutsche Sprache vermittelt wurde, und zwar sowohl in eigenen Schulen (der Normalschnle Kaiser Josephs) als auch in den Landesmittelschulen, so war diese Gesinnung erklärlich und ihre Verbreitung unter den Juden natürlich. Tiefe harren von jeher eine große Vorliebe sür die deutsche Sprache, was ich inr Gegensätze zu vielen anderen Meinungen daraus erkläre, dass im Xi. Jahrhundert die Talmudforschung aus Teutfchland nach Oesterreich verpflanzt wurde, natürlich in einem Gemisch von Deutsch und Hebräisch, das fast liturgische 'Anerkennung der Rabbinen gefunden hat und eine gangbare Brücke zum Hochdeutsch bot. Auch centralistisch war der Jude aus Ueberzeugung, denn das Heil kam von der Centralgewalr, von Kaiser Joseph das Toleranz-Edict, von unserem Jubel-Monarchen die volle bürgerliche Freiheit, während viele Landesstellen und besonders die städtischen Magistrate in Oesterreich von jeher judenfeindlich waren. Das Eentralisrisch-deutsch ist in den Wiener Journalen zur Toctrin verhärtet. Dass die Inden auch in der Tecentralisierung ihr Heil finden könnten, beweist ihre Stellung in Ungarn seit dessen Separierung. Wir sind sogar der Ueberzeugung, dass sie im föderalistischen Staate eine weitaus günstigere Stellung einnehmen werden als in centralistischeu, weil jedes Land ihre merkantile Kraft für sich auszunützen suchen wird, um hinter dem anderen nicht zurückzustehen. Die Juden Wiens haben nie eine eigene Politik gemacht trotz ihrer großen Zahl, sie folgten stramm der Losung unserer liberalen Blätter nnd zerbrachen sich die Köpfe der Teulschböhmen. Solange marschierten sie bald jubilierend, bald Kriegsrnse ausstoßend an der Spitze der deutschen Bewegung, bis den Deutschen ihre Herolde so unangenehm wurden, dass sie in wüstem Hepp, Hepp ihre Führerworte erstickte»!. 'Als Bodensatz blieb der Hass der Czechen, der Antisemitismus der jungen Deutschen, die Gegnerschaft der Clericalen. Eine weitere störende Folge des Beherrschrwerdeus durch den doctrinären „Deutsch-Liberalismus" war der Glaube an die billigen Schlagworte, wie die Tagespresse sie verwendet. Man glaubte an die Brüderlichkeit aller Menschen und an die Gleichheit, weil die gesetzliche Freiheit promulgiert war. Die Dreifaltigkeit der Revolution wurde heilig gesprochen. Man musste nur recht gebildet werden und im Benehmen recht vornehm, um den Christen vollständig gleichgestellt zu sein. Und es entstand ein Bildungsmischmasch sonderbarster 'Art, ein Protzenthum des Wortwissens und der äußeren Form, die jede Vertiefung untergrub. Das Misstrauen der herrschenden Kreise wurde rege und die heftige Gegnerschaft der mächtigen Kirchenkreise, weil die Juden infolge ihres Bildungsdünkels und als Anhänger der liberalen Partei das Kirchenthum mit angriffen und den Clericalismus mitbekämpften. Diese Tactlvsigkeit, mir der sie sich in die intime, rein häusliche Angelegenheit ihrer Umgebung eimengten, wurde ihnen sehr rasch heimgezahlt. So kam es, dass die Juden Wiens, als sie von ihren Freunden, den Deutschen, bekämpft, von den- Czechen gehasst, von den Clericalen verfolgt wurden, als sie fanden, dass die Erlösung durch die Bildung nicht kommen wolle, dass niemand die schönen Leitartikel der liberalen Blätter, die Paraphrasen von Gleichheit und Brüderlichkeit geglaubt habe außer ihnen -— da kam es, dass sie sich besannen. Nicht etwa aus sich selbst. Dazu waren sie nicht mehr characterstark, nicht wurzelecht genug. 'Nein, sie erinnerten sich einer Partei, die man zwar einige Jahre zuvor ignorieren musste, weil deren Anhänger viel zu häufig mit der Polizei zu rhun hatten, die aber jetzt eine kernige „cvncrete" Propaganda entfaltete und deren Parole lautere „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", das alte halbblinde Schild neu anfgeglänzt. Und die reichen Juden, und die mit den reichen 'Allüren stimmten mit den Socialdemokraten, die weder Jud noch Christ anerkennen. Tenn das war den Wiener Israeliten die Hauptsache. 'Nur um Gotteswillen kein Jude sein, die übrigen Principien des Socialen blieben ganz unbeachtet. In diese Zeit der allgemeinen Haltlosigkeit, da man das Judenthum verbarg wie die Krätze, siel, wie ein Tvnnerschlag, das Auftreten Theodor Herzls. Er schlug sich an die Brust und rief, „ich bin ein Jude", nein, er schrie es, und mit ihm jauchzte eine ganze Schaar begeisterter junger Leute. „Seht, wir sind Juden". Das waren die in Vereinen organisierten jüdischen Studenten, das Stichblatt der jüdischen Zeitungs-Witzbolde. Bald kamen zu ihn! auch älrere Männer, Leute in Stellungen, manche die offen zu ihm traten, viele aber, sehr viele, die ihrer Stellung wegen, nur in der Stille arbeiten können. Auch die rein persönliche Empfindung spielt da mit. In Wien liegen die Verhältnisse nicht so glatt wie in den kleinen Orten, wo jüdische nnd christliche Gesellschaft streng geschieden sind. Viele von uns besitzen noch immer theuere Freunde im Christenthum, die erst nach und nach begreifen lernen, dass Ziouisnnis nicht 'Anriarierrhum bedeutet, und unsere Beziehungen reichen in halb, dreiviertel und ganz dem Judenthum entfremdete Fauiilien, auch in viele durch Mischehen entstandene, jedenfalls aber in total assimilierte. Kann man nach der entworfenen Schilderung der Zustände iin Wiener Judenthum, jene die ihm ausgewichen sind, einer Schuld zeihen? Sie tragen zumeist schwer genug an ihrer Zwitrerstellung, an ihrer zu frühen Flucht aus dem sich degenerierenden Judenthum in das allgemein Menschliche, das noch Jahrtausende bedarf, um zur Weltherrschaft zu gelangen. Dies ist der Grund, weshalb die - Bewegung äußerlich nicht jene Fortschritte aufweist, die sie thatsächlich errungen hat. Man fürchtet das offene 'Auftreten, und das mit gutem Grund. Tie bekannten „Gönner" des Judenthums sind Feinde des Zionismus. Tie „privilegierten Juden", die Herren Vorstände, bleiben dieser Bewegung gegenüber kühl, und das Clientenrhum ist noch immer nicht ausgestorben. Die Herren sehen nicht oderwollen nicht sehen, welche Lernst der zionistische Gedanke der jüdischeu Jugend verleiht, wie er die Alten veredelt und erhebt, dass er das einzige Mittel bietet, das Judenthum zu erhalten. Und dann, die großen Zeitungen schweigen, und der Wiener- Jude hat immer die Meinung seines Blattes. 'Nun denn, so muss der Zionismus neue Männer an die Spitze der Gemeinde bringen und die Inden derart aufwühlen, dass die Zeitungen nicht schweigen können, ohne einen großen Theil ihrer Leser vor den Kopf zu stoßen. Und das wird kommen! Wann? Bald, denn die heraureifende Jugend ist mit uns. Und wenn auch nicht so bald. Wir können warten: wir haben 1900 Jahre geharrt. Und was hat uns Kraft gegeben in diesem Kampfe? Immer der Zionismus. Wer die Geschichte der Juden kennt, muss dies bestätigen. In Wien wurde nicht der Zionismus ersonnen, sondern ein neuer Weg sür diese an zwei Jahrtausende alte Bewegung gesucht und — gefunden. Und man wird auch hier diesen Weg gehen, weil kein anderer übrig bleibt. P