Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Article
- Die preußischen Wahlen
- Date
- 1898-10-07
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Gerte 2 JfcSrtiwr Nr. 40 tage ihre Vertretung erkämpfen, in der socialdemokratischen ReichstagLfraction sitzen acht Juden. Aber die liberalen Juden, die, um sich zu assimilieren und von ihrem Patriotismus jeden Schein eines Makels fernzuhallen, ihr eigenes Nationalgesühl ersticken, haben es nicht einmal so gut wie die Socialdemokraten, sie sind in den Parlamenten unvertreten. Und man wird doch nicht sagen können, dass sie, als sie noch Zutritt in die Parlamente hatten, diesen zur Unebre gereichten! Bamberger, Lasker, Reichenheim waren Zierden des preußischen Abgeordnetenhauses und des deutschen Reichstages, als diese parlamentarischen Körperschaften noch auf einer Höhe standen, auf der sie jetzt sich nicht mehr befinden. Der traurigen Gründe, warum der nackte Jnteressenkampf die idealen Merkmale der preußischen Wahlbewegung ausgelöscht hat, mögen viele sein; für uns Juden ist weit überwiegend die Wahrnehmung, dass gegenüber der Bedrängnis, die wir von Agrariern und Antisemiten immer zu gewärtigen haben, der Liberalismus die Kraft und den Muth verloren hat, sich offen unser anzunehmen. Und das gilt nicht etwa blos von den National-Liberalen, sondern es gilt bis zur äußersten linken Seite. Selbst die freisinnige Volkspartei zittert davor, dass man sie noch weiter die „jüdische Schutztruppe" heiße, was doch, recht verstanden, ein sehr ehrenvolles Epitheton war. Denn des Schwächeren sich anzunehmen, war niemals eine Schande; es ist eine solche nur mit Bezug auf die Juden geworden, seitdem der Antisemitismus alle idealen Begriffe „umgewertet", das heißt in den Koth der eigenen Depravation herabgezerrt hat. Die Moral von alledem ergibt sich von selbst; sie lautet: tstrü da se! Auf sich selbst müssen sich die Juden besinnen, ihr erwachendes National- und Zusammengehörigkeitsgefühl müssen sie schärfen, von Niemandem als von sich selbst dürfen sie ihr Heil erwarten. Geh' deinen Weg und denke still: Dein Bestes sind'st du nur alleine. Hoffnung, die du aus Andre bau'st, D i e Hoffnung ist wahrhaftig keine. m Die Juden in Wien?) (Schluss.) V. All das bisher Gesagte gilt in verstärktem Maße für die Bankmrd Börscnkreise, denen immerhin über tausend Familien angehören. Ein Hauch von Unmoral, vermengt mit protzigstem Emporkömmlingsthum zog von ihnen seine inffcierenden Bahnen. Im Geschäfte dem Trug, der List zugänglich, im Privatleben derben Genüssen sröhnend, vergifteten sie mir ihren Practiken die geschäftliche Moral, durch ihre dem Judenthume neue Maitressenwirtschaft die persönliche Integrität. Ihnen ist ein großer Antheil am Antisemitismus und an der Charakterschwäche der Wiener Jirden auszuladen. Sie haben immer wieder durch die Leichtigkeit, mit der sie Geldgewinn erzeugten, die Entwicklung der redlich arbeitenden Kreise unterbunden - und die Schätzung für die einfache, gemüthvolle Lebensweise heruutergedrückt. Ties Alles, ohne auch nur die wirtschaftliche Stellung der Juden zu stärken. In den Börsenkatastrophen der Jahre 1878, 1886 und 1895 haben soviele Juden ihr Geld verloren wie Christen. Glicht nur die Berufsspieler und ihre Agenten, sondern Privatleute, Kaufleute, Beamte, Aerzte, Advvcaten, denn sie alle wurden immer wieder gerade durch ihre Beziehungen zu jüdischen Börsenleuten in deren Zauberkreis gebannt. Dass jeder Gulden christlichen Geldes in seinem Berlustträger ein Gefühl *) Anmerkung. Im Anfang dieses Artikels haben sich folgende Druckfehler eingeschlichen: Seite 5, zweite Spalte, erste Zeile soll es heißen: „die Ersten, um Genuss zu zu erwerben". 20. Zeile von untenanstatt keiner ihrer kaum ihren, 16. Zeile von unten anstatt Functionäre Functionen. des Judenhaffes zurücklässt, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Ten Christen verkörpert der Jude die Banken, die gesanimte Börse und alles Geld. Wie im Hintergründe fast aller Wiener Banken Christen als Capitalskräste stehen, oder mühelos die höchsten Tantiemen erzielen, bleibt einer anderen Studie Vorbehalten. Tenn wahrlich, wir berühren uns nur ungerne mit den Antisemiten bei der Beurtheilung unseres Volkes. Tie Juden haben in Wien als Kaufleute, als Fabrikanten, Baugewerbslente, in allen kleinen Künsten und Gewerben eine ehrenvolle Stelle sich erobert, aus der sie nicht einmal der Antisemitismus des eigenen Kundenkreises zu treiben vermag. Auch in allen Wissenschaften haben sie sich ehrenvoll behauptet. Alle Strebenden und Enipvrgekvmmenen aber mühten sich, ihr Judenthunl abzulegen oder doch so unauffällig als möglich weiterzuschleppen. Tie Berinengung zweier Begriffe, Gesellschaft und Geselligkeit, brachte ein stetes Perletztsein der Juden und die stete Angst der Christen, den Juden, die sich zur Gleichheit der Penise empvrrangen, diese Gleichstellung auch gesellig gesellschaftlich bieten zu müssen. So entstand der Kamps gegen die „Stellung" der Juden in der guten Gesellschaft. Dabei soll nicht verhehlt werden, dass Wien von jeher als starr antisemitische Stadt sich bewährte. Tie gewerbliche Bevölkenurg Wiens hetzte die Herrscher seit Jahrhunderten gegen die Juden und zwar immer nur, laut eigener Angabe, weil diese alle Nahrung an sich reißen. Tiefe Gesinnung der persönlich liebenswürdigen, gefälligen und leicht unigänglicheu Wiener ist nur ans dem Gefühl ihrer Lebensfreude heraus zu erklären, die eine große Indolenz erzeugte. Man wollte in seiner „Nahrung" nicht gehetzt, durch die agile Concurrenz der Juden nicht zu erhol-rer Anstrengung getrieben iverden. Als die gefammte wirtschaftliche Production in neue Bahnen lenkte und namentlich der Truck der Auslandserzeugnisse sich immer drohender fühlbar machte, war es immer der nächststehende jüdische Cvncurrent, dessen Entgegentreten man am stärksten, am härtesten empfand. Er wurde beobachtet, verfolgt, in seiner Consessivu an alle christlichen Kunden denunciert, so dass kaum ein jüdischer Industrieller sich jener Entwicklung rühmen kann, die ihm in normalen Verhältnissen geworden wäre. Sie sind in keiner Industrie führend, in wenigen zur ersten Classe emporgekvmmen und doch genügend, um illeid und Hass hervvrzurusen. Aus den Kreisen der Großindustriellen recrutierten sich auch viele Ueberläuser, und sic ergaben die meisten Mischehen, so dass dem Judenthnm sehr viel tüchtiges Blut verloren gieng, arbeitsames, redlich, strebendes, der höchsten Vervollkommnung fähiges Material. Dasselbe gilt von den Gelehrtenkreisen, den zahlreichen jungen Leuten, die der academischen Laufbahn zustrebten und oft die höchsten Stellungen in der Wissenschaft erreichten. In ihnen verloren wir wahrhaft adeliges Blut. Dem verivässerten Judenthum stand allerdings auch in Wien jederzeit ein wässeriges Christenthum gegenüber. Wenn dieses die sittliche Höhe besäße, die es sich zuspricht oder systematische Bekehrungsversuche gemacht hätte, cs würde aus dem morschen Judenthum einen gesunden Balken um den anderen gezogen haben. Sv aber hielten es die Wiener für besser, den latenten Antisemitismus auslvdern zn lassen, jeden Anstrich wirklichen Christenthums abznstreisen, so dass Uebertritte aus Neigung zürn Christenthum in Wien ganz aushörten. Tie Clericalen, die im Beginne der antisemitischen Bewegung diese offen unterstützten, sehen heute klar, dass sie dem Judenthume nur neue Kräfte zusührten. Zum Schluffe sei noch eines wichtigen Factors gedacht, der auf das Leben der Juden in Wien bestimmenden Einfluss übte, wir meinen die Presse. Thatsächlich gehören viele Journalisten, dem Judenthume an, das heißr, sie werden unter „mosaische Consessivu" rubriciert, soweit sie nicht dieser schon ausgewichen sind. Dem Judenthume haben sic nicht genützt, selbst dann nicht, als sie scharf und rücksichtslos gegen den Antisemitismus zn Felde zogen. Dem einzelnen Inder: haben sie nie zn rriitzen versucht, weil er Jude ist, was auch ümnoralisch wäre, aber sehr oft, wenn sie einen Künstler oder