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Die Welt · 1898-10-07 · 40 (7.10.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
40 (7.10.1898)
Date
1898-10-07
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Dedartion und Administration: Wie« IX.. Türkenstraße 9. Telephon Nr. 8805. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petit' zeile IO kr. Einzelne Nummern 15 kr. JtPUHtfitttftftfp* Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland ♦ ganzjährig 13 Mk. 70-Pf., halbjährig 6Mk.85Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 40. Wien. 7. September 1898. 2. Jahrgang. Die preußischen Wahlen. Berliner Brief von Redivivus. Es ist schon seit langer Zeit von dem preußischen Landtage soviel nicht gesprochen worden wie setzt, da zu seiner zweiten fünfjährigen Legislaturperiode die Wahlurnen sich austhun sollen. Der Landtag war im Vergleich mit dem Reichstage das Aschenbrödel, um das sich niemand kümmerte. Nun sind plötzlich alle unsere Zeitungen voll von ihm und wohin man hört, wird das voraussichtliche Wahlergebnis discutiert. Wie hat man sich diese Wandlung zu erklären? Im allgemeinen, aber nur sehr im allgemeinen, mag man sich mit der Erklärung bescheiden, dass das preußische Abgeordnetenhaus immer mehr der politischen und wirthschastlichen Reaction verfallen ist, trotzdem im Reiche eine wachsende Hinneigung „nach links" nicht zu verkennen war. Das preußische Abgeordnetenhaus war einmal eine Festung des Liberalismus, aber damit ist's lange schon vorbei. Der Antisemitismus und dessen conservative Patrone haben die Parteien zersetzt, so dass heute selbst die nationalliberale Partei ihres eigenen rechten Flügels, der agrarisch und antisemitisch ist, sich nur mit Roth zu erwehren vermag. Es ist also möglich, dass in zahlreichen Wählerkreisen das politische Gewissen sich regt und bei der Vergleichung zwischen jetzt und früher das liberale Schamgefühl sich lebhafter offenbart. Doch das ist Psychologie, und jede Wahlbewegung gleich auf psychologische Merkmale zu prüfen, ist, politisch gesprochen, philosophierendes Protzenthum. Es wird heutzutage ohnedies mit der „Volksseele" ein unerlaubter Humbug getrieben. Näher jedenfalls kommt man dem anscheinenden Räthsel des Wahlsturmes, der sich in Preußen vorbereitet, mit der schlichteren Erwägung, dass die nationalgesinnten Volkselemente sich gegen das starre Borussenthum zu wehren beginnen, deffen Burg der preußische Landtag geworden ist. Der Schlachtruf „gegen die ostelbischen Junker" hat im Grunde den Sinn, dass die Preußen, die deutsch sind, sich gegen die Preußen ausrichten, welche nur preußisch und nichts als preußisch sein wollen. Und da der Liberalismus mit der nationalen Empfindung ungefähr sich deckt, so ist es hinwiederum begreiflich, dass die Wahlbewegung mehr und mehr die Form liberaler Nothwehr gegen preußischen Particularismus annimmt. Die Wahlaufrufe der liberalen Parteien gleichen daher auch leidenschaftlichen Stoßseufzern um eine gemeinsame ovdre de bataille, während die Wahlmanifeste der Conservativen und des Centrums voll brutaler Siegeszuversicht sind. Das Centrum marschiert, wie weiland die Kreuzfahrer, mit der In Gottes Namen sahen wir. Seiner Gnad' begehren wir, Kyrieleis, indessen die Conservativen gar kein Hehl daraus machen, dass die confessionelle Volksschule nebst einem großen Getreidezoll das Um und Auf ihres Glückseligkeitsideals ausmacht. Nur von den Juden, die doch eben auch im Begriffe sind, zu schüchternem Nationalgefühl wiederzuerwachen, ist weit und breit keine Rede, obwohl doch eigentlich auf das Schicksal, das ihnen bereitet wird, in entsprechender Variation das alte Wort Anwendung findet: Qui niange du pape en nieurt. Der Antisemitismus, der das junkerliche Borussenthum so zärtlich unter seine Fittiche nahm, hat das politische Leben zersetzt und vergiftet; nun wird er zwar von den alten conservativen Patronen in ihrem Wahlaufrufe, in dem das Wort „Jude" nicht mehr vorkommt, verleugnet, aber er hat dafür die Genugthuung, dass auch die liberalen Parteien in ihrer harten Noth nicht mehr den Muth aufbringen, offen und ausdrücklich zum Kampfe auch für die jüdische Gleichberechtigung sich zu bekennen. Und so ergibt sich denn das merkwürdige Resultat, dass von Feind und Freund die Juden — einfach todtgeschwiegen werden. Es gibt keine jüdischen Wahlcandidaten mehr, es gibt nur noch jüdische Wähler mit activem, aber nicht mehr mit passivem Wahlrecht. Nur bei den Socialdemokraten existiert dergleichen noch, aber die kommen bei dem Dreiclassen- System in Preußen auch nur wieder als Wählende, nicht als Wählbare in Betracht. Ist nun, wie wir glauben, das eigentliche treibende Motiv der diesmaligen preußischen Wahlbewegung nirgends zu suchen, als in dem Gegensätze zwischen dem nationalen und dem specifisch-preußischen Element, so stellt sich als unwiderlegliche Thatsache heraus, dass die Juden ausgeschaltet sind, soweit sie nicht mit dem Stimmzettel in die Rechenexempel der Parteien passen. Sie sind Deutsche oder Preußen, so lange man sie als Wähler braucht, aber wenn einer von ihnen als Deutscher auch gewählt sein will — ja Bauer, das ist etwas anderes. Die „vaterlandslosen" Socialdemokraten können sich wenigstens im Reichs-

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