Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1898-09-30
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 39 j*$rtWC Seite 13 eine jüdische Intelligenz haben, ob unsere Wortverbindung nicht auf einer Verwirrung von Begriffen beruht. Die Antwort auf diese Frage hofften wir von Herren Ussischkin in seiner Vorlesung zu hören. Der gestern abgehaltene Vortray war äußerst interessant und gab uns eine positive Antwort auf die gestellte Frage. Ja. eine jüdische Intelligenz im Sinne einer gebildeten Clasfe, die um das Wohl ihres Volkes besorgt ist, existiert thatsächlich als etwas logisch Mögliches. Die gebildeten Juden sind nicht durchwegs Abtrünnige in ideeller oder cultureller Hinsicht. Unter den Juden gibt es auch solche, die nicht ein parasitäres Gewächs sein wollen, die die geistige und physische Wiedergeburt ihrer Station anstreben, die ihr Vaterland verloren hat, die schon zweitausend Jahre ohne Heim und Rast herumwandert, dem Ackerbau, überhaupt jeder physischen Arbeit entwöhnt, und die von den verhängnisvollen Gesetzen der Geschichte verurtheilt wurde, ein wirtschaftlicher Schmarotzer, eine Orchidee der socialen Ordnung zu sein. Die moralischen Tendenzen des Vortrages sind unbedingt rein und sympathisch: eine andere Frage ist cs, ob er genug Anhänger und Gesinnungsgenossen finden wird, und welche Gestalt die Ideen der Zionisten praktisch umgesetzt annehmen werden. w Büchrrwelt. Michael Sachs und Moritz Veit. Briefwechsel, herausgegeben von Ludwig Geiger. Frankfurt a. Main, I. Kaufmann, 1897. An der Schwelle seines 25jährigen Jubiläums beschenkte uns Geiger mit dieser seiner Gabe. Tie beiden Männer, deren Briefwechsel er herausgegeben hat, sind dem Gedächtnis des gegenwärtigen Geschlechtes entrückt, verdienen aber aus der unverdienten Vergessenheit wieder an das Tageslicht gefördert zu werden. Moritz Veit (IS08—1S64-) gehörte zu dem Berliner jüdischen Patriziat, da er einer Familie entsprossen war, die unter den ältesten, im letzten Drittel des l7. Jahrhunderts aus Wien in Berlin eingewanderten Familien sich befand. Noch ehe er seine Studien abgeschlossen hatte, versuchte er sich als Dichter und gab im Vereine mit gleichgesinnten Freunden Berliner Musen- Almanache heraus, die Beiträge Goethe s enthielten. Des Lebens Baum erschien ihm anfangs nicht grün und golden. In Preußen war für ihn eine akademische Laufbahn ausgeschlossen, da er dem angestammten Glauben nicht untreu werden wollte, aber auch in Jena wurde er seines Glaubens wegen zurückgewiesen. Daher entschloß er sich, da er damals Lebensbande angcknüpft hatte, die ihm eine praktische Lebensstellung nothwendig machten, Buchhändler zu werden. In dem sturmbewegten Jahre 1818 war er Mitglied des deutschen Parlaments und von 1858 an Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. In beiden Körperschaften bewährte er sich als ein gewissenhafter, gesinnungstreuer und kenntnisreicher Mann. Besonders lebhaftes Interesse zeigte er für die religiösen Angelegenheiten. Gr unterschied die Gedanken und die äußere Form. In jenen wahrte er sich die volle Freiheit seiner philosophischen Ueberzeugung, für diese, als eine durch Zeit und Gewöhnung geheiligte verlangte er Respect: selbst an abgelebten Formen hieng er mit Pietät. Demgemäß verhielt er sich gegen die in Berlin hervortretenden Reformbestrebungen ablehnend; er wünschte als Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde einen zwar wissenschaftlich hochstehenden, modern gebildeten, aber durchaus conservativ angehauchter Mann. Einen solchen fand er in seinem Freunde Sachs, dessen Bild der Herausgeber mit dem Griffel David Kaufmanns zeichnet. Der schriftliche Gedankenaustausch zwischen dem „weisen Nathan", wie Veit von seinen christlichen Freunden genannt wurde, und dem zündenden Kanzelredner und gründlichen Forscher muss jedem, der aus dem Borne des Wahren, Guten und Schönen schöpfen will, tiefinnerliche Befriedigung gewähren. Tic Freunde sind Männer, die nicht bloß Juden sind, sondern sich auch als solche wissen und mit vereinten Kräften ihr ganzes Kennen und Können dafür einsetzen, dass ihre Glaubensgenossen zum Bewusstsein ihres Judenthums erwachen, die goldene Lebensfluth desselben mit gierigen Zügen schlürfen. S. 9 Feuilleton. Sehnsucht nach Gott. Von Leo Rafaels. Es ist vielleicht verfehlt, vielleicht ganz unzulässig, diesem dunklen Gewoge von Empfindungen Worte zu geben, prosaische Worte, die an und für sich Klarheit, Gliederung und Zielbewusstsein verlangen. Wäre ich ein Dichter, so würde ich dem stürmischen Drange des Herzens in verzückten Versen Luft machen, wäre ich ein Musiker, so würden sich die ungeweinten Zähren in ein Meer von Tönen ergießen — aber beide Gaben sind mir versagt, und doch verlangt das, was mich in tiefster Seele bewegt, nach Laut und Gestalt. Mitten in einem Orte, wo fünf Millionen Menschen nebeneinander leben, fühle ich mich verlassener als ein Schiffbrüchiger aus einer Felseninsel im Atlantischen Meer, in einer Gesellschaft, welche, wie keine zweite in der Welt, jedem Bedürfnisse des Geistes und Gemüthes Rechnung trägt, verzehrt mich eine Sehnsucht, so stark und tief und unstillbar wie der Schmerz über die verlorene Jugend, dasverlorene Heim. Der Verstand sträubt sich gegen das Wort: es ist anmaßend, vielleicht thöricht .zum Lachen; aber wir haben ja stillschweigend das Uebereinkommen getroffen, dass jede Seele das Recht hat, sich auszusprechen, dass das Bekenntnis des Einen nicht die Ueberzeugung des Andern verletzt. Der Ausdruck darf also weder die Gläubigen überraschen noch die Freien verblüffen: mein Schmerz ist Sehnsucht nach Gott. Ich habe nicht mit einemmale alle Logik und Folgerichtigkeit des Denkens verloren. Der langsame seelische Vorgang, der sich vor einem halben Menschenalter in mir vollzog, hat seine Giltigkeit jetzt wie damals: das Dasein Gottes philosophisch zu beweisen ist weder Bachja noch Maimonides geglückt, und was diesen geistesstarken Gottsuchern nicht gelungen ist, das haben ihre Nachfolger auch nicht getroffen. Die schmerzhaften Versuche, ohne Gott auszukommen, sind mir so lebhaft im Gedächtnisse geblieben, als hätte ich es gestern erlebt. Es war wie nach einer Amputation. Wenn alle Sinne kräftig ihres Amtes walten, weiß man, dass man um das kostbare Bein gekommen ist, dass ein elender 5krückstock das lebendige, stinke, unfehlbare theure Glied ersetzen soll — ein unendlich trauriges Bewusstsein, aber das Bewusstsein der Wahrheit: sobald die Wachsamkeit ein wenig erschlafft, fühlt man das liebe, treue, alte Bein, als wäre es an seinem gewohnten Ort, man möchte aufspringen und die Zuverlässigkeit der nie versagenden Stütze probieren — da kommt man wieder zu sich und verspürt mit verzehnfachtem Schmerze den unersetzlichen Verlust. Man gewöhnt sich mit der Zeit an Stelzfuß und .Krücke; wer etwas Stolz besitzt und das Mitleid der Leute scheut, thut sogar, als gienge ihm nichts ab. Ich habe mir schon als junger Mensch, ohne das Recept Goethes zu kennen, das Leben auf der Grundlage von Kunst und Wissenschaft neu auszubauen versucht, und der wohn-, liche Bau hält mir jetzt noch nicht schlechter als allen meinen Stammesgenoffen, die auf gleichem Fundamente gebaut haben. In dem Gedanken hat sich also gar nichts geändert, logisch stehe ich heute genau in demselben Verhältnisse zu Gott wie in den Tagen von einst, und doch — — — Wenn der sechste Tag der Woche seinem Ende zuneigt, verliert mein Tagewerk, das mir sonst Lebensfreude und Lebensziel bedeutet, seinen Reiz, die nüchterne Umgebung mit ihren Alltagsgeräuschen versetzt mich in nervöse Unruhe, mit meiner Arbeitsstimmung geht das innere Gleichgewicht verloren, ich möchte aller Thätigkeit, der unbefriedigenden Gegenwart, meinem unbefriedigten Selbst entfliehen, — aber wohin? Ich weiß, was mir fehlt und wohin es mich zieht. Es ist sehr unlogisch, aber es nützt nichts, sich gegen unlogische Thatsachen zu sträuben. Wie eine unwiderstehliche Zaubermelodie höre ich das alte Lied : „Kommt, lasst uns singen dem Herrn!" Ich komme. In einer der großen Straßen, welche die von Westen nach Osten laufende Hauptader des Londoner Verkehrs mit dem Norden verbindet, erhebt