Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Article
- Schutzrecht
- Date
- 1898-09-30
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JpkOWdi: türkischen Territorial-Herrn, dessen Freund er ist. Aber Palästina bildet den Kern des kleinasiatischen Gebietes, welches Frankreich von jeher mit besonderer Zärtlichkeit als seine Einflusssphäre betrachtete. Darum wird jetzt neuerdings die Wichtigkeit Jerusalems für das Verhältnis unter den Mächten offenbar. Und im Hintergründe taucht der Gedanke auf, ob nicht eine künftige staatsrechtliche Neugestaltung Palästinas die beste Lösung eines Problems wäre, das nicht aufhören wird, die Welt zu beschäftigen, so lange es ungelöst ist. An diesem Punkte begegnet sich der Zionismus mit dem großen diplomatischen Problem. Was er erstrebt, ist die Lösung. In dem Streite um das Protectorat wetterleuchtet der Gegensatz der Interessen. Frankreich klammert sich an seine vermeintliche Einflusssphäre und ruft Russland zum Beistände auf, dem freilich der französische Halbvasall bequemer ist als der britische Rivale oder das mächtige Deutschland. Ueber Palästina führt ein Zukunstsweg nach Indien. Was bedeutet die Frage des nationalen Schutzrechtes im Vergleiche mit dieser gewaltigen Perspective? Diese Frage, die im Grunde keine ist, und doch nur das eigentliche Problem verschleiert! Dass der Deutsche im Orient sich als Deutscher fühlt und nicht dem Schutze Frankreichs überantwortet.sein will — was könnte selbstverständlicher sein als dies? Das Nationalgefühl ist herrschend geworden über die Völker, es ist auch in den Juden lebendig geworden, die sich nicht mehr begnügen mit dem leeren Schaugerichte der Assimilation. Das Schutzrecht erstreckt sich auf die Nationalen in der Fremde, aber Palästina ist die Heimat der Juden, wo sie sich selbst schützen könnten, wenn ihnen dort nur die „öffentlich-rechtliche" Sicherheit verbürgt wäre, die Sicherheit von Leben und Eigenthnm, von Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Und nun sehe man sich den Proteetoratslärm aus diesem Gesichtspunkte, aus dem Gesichtspunkte des Zionismus an. Wenn Palästina den Juden wiedergegeben ist, so entfallen die großen Jnteressengegenfätze, deren Object es heute noch ist. Ein ruhiges, friedliches, culturschaffendes Element, Niemanden bedrohend und Niemandes Begehrlichkeit herausfordernd, sitzt, sich selbst und der Heimat zurückgegeben, auf der ersehnten Scholle, zugleich als lebendige Bürgschaft gegen gefährlich sich durchkreuzende, die ganze Welt beunruhigende Machtpläne. Russland braucht nicht zu fürchten, von England, Frankreich nicht, von Deutschland überflügelt zu werden. Von dieser Seite hört die orientalische Frage auf, eine Gefahr zu sein. Man kann sich eine bessere Lösung nicht denken: die von den nationalen Gegensätzen genährte Schutzrechts-Controverse taucht in dem großen Friedenszwecke unter, dessen Erfüllung der deutsche Kaiser und, wie der Abrüstungsvorschlag zeigt, auch der Czar sich als Ziel vorgesetzt haben. Jerusalem mit den Heiligen Stätten kann. auch die Wiege des neuen Weltfriedens werden und abermals kann es heißen: Ii!x Orients lux. Zu solchem erhabenen Zukunstsbilde kehrt sich der Blick wie zu einer Erlösung aus dem Lärm und den Hintergedanken der entgegengesetzten Interessen und Einflüsse. Auch wir Zionisten erblicken in der Jerusalemfahrt Wilhelms II. kein bloßes zeitgeschichtliches Decorationsstück; uns ist sie mehr! Wir glauben, dass es auch für uns eine bedeutsame Stunde werden kann, in welcher der Fuß des deutschen Kaisers das Heilige Land betritt. Dieser Kaiser reist nicht, um seine Schaulust zu befriedigen - ihm schweben jederzeit und allerorten die Culturaufgaben der Gegenwart vor. Und wahrhaftig, es gibt keine dankbarere als die, zu welcher der Zionismus hindrängt. Sie birgt in sich auch die Befriedigung einer feit zwei Jahrtausenden vorenthaltenen Gerechtigkeit. Mit einem einzigen Federzuge können die mächtigen Lenker Europas die alte Ahasver-Schmach tilgen, die gerade jetzt wieder dort, von woher der Proteetoratslärm erschallt, der Menschlichkeit des Jahrhunderts einen entehrenden Fleck anheftet. Oh, über die Heuchelei, das Schutzrecht über die Christen in der Fremde zu beanspruchen, während man den heimischen Juden schutzlos lässt und um sein Recht auf Gerechtigkeit betrügt! Wie der Feuerschein aus der Wolke, welcher den rechten Weg weist, zuckt es aus dem französischen Protectoratsgeschrei. Mit dem kaiserlichen Gaste aber, dereinst als Kasseler Gymnasiast sich zum Weihnachtsfeste einen jüdischen Mitschüler in das Potsdamer Marmorpalais einlud, geht die zweitausendjährige Hoffnung und Sehnsucht eines Volkes, das für sich nichts begehrt, als was Wilhelm II. thatkräftig und erfolgreich seinem eigenen Volke wahrt: das nationale Leben am sicher umfriedeten Herde. Zu drn Xand taasiraliltrt iu Preutzen. Von Max Aram. Um die wunderliche, ja beinahe lächerliche Zwangslage dcs Juden in der Societät feines Gastvolkes zu erweisen, mag keine Gelegenheit trivial genug und kein Umstand klein genug sein. Sie stellt sich nicht nur makrokosmisch, sondern auch mikrokosmisch dar. Selbst das heitere und unerschöpfliche Kapitel von dem Verhältnis der Hausfrauen und Dienstmädchen handelr davon und endigt dann mit einigen ernsteren Blättern. Denn wenn ein christliches Dienstmädchen bei einer jüdischen Herrschaft auch nur die geringste Unbill erleidet, so wird etwa die „Staatsbürgerzeitung" (das Hanptorgan der Berliner Antisemiten) nicht verfehlen, die Sache genugsam aufzubaufchen, zu übertreiben, etwa, dass die Dienstmädchen in Badewannen ihre Schlafstelle hätten und durch ein etwa platzendes Wasserrohr der größten Lebensgefahr ausgesetzt wären, dass sie nicht satt würden von dem, was sic in die Küche hiuausbekämen, während die Herrschaft an einem üppigen Tische tafele. Sie wird beweglich darüber klagen, dass deutsche Jungfrauen solcher Behandlung ausgesetzt Umreit, und wird in deren Interesse verlangen, dass den Juden, was ja im Mittelalter gar häufig der Fall gewesen, das Halten christlicher Dienstboten verboten werde. Und hinwiederum, auf der anderen Seite, beklagen die christlichen Hausfrauen sich, dass die „Judenfrauen" die Dienstmädchen durch eine zu gütige Behandlung, durch zu reichliche Kost übermüthig machten und für den Dienst verdürben. In den dunklen Mietskellern laufen quartalsmäßig beide Widersprüche zusaimuen, und die jüdische Hausfrau fühlt sie heraus aus dem mannigfachen Verdruss, den sie gerade hier oft genug erleidet, und aus dem kleinlichen Wirrwarr allerkleinster allgemeiner Zänkereien und Klatschereien. Nun sind ja immerhin auch preußische Landtagswahlen bedeutsamer als solcherlei Tieustboteuverhältnisse, und wenn sich im Comptoire der Mietsfrau die Judencxistenz mikrokosmisch erweisen konnte, so dürften sich sogar, um sie makrokosmisch darznstellen, die Fäden heraushvlen lassen aus dem, was allein über die Vorbereitungen zu besagten Landtagswahlcn zu berichten wäre. Ueber diesen Wahlen ruht etwas Dämpfendes, gleich einem Schleier: sie gehen nicht nur still und. ruhig vor sich, sondern auch die politischen Gegensätze erscheinen gesänftigt, als wenn alle scharfen Spitzen der politischen Pfeile nmgebogen wären. Denn während bei den Wahlen zum deutschen Reichstage die Stimmenabgabe eine geheime und das Wahlrecht allgemein, direct und gleich ist, werden bei den preußischen Landtagswahlen von den „Urwählern" mit offener Stimmabgabe erp die „Wahlmänuer" gewählt, welche den Abgeordneten bestimmen, und diese Urwähler sind in drei Abtheilungen vcrtheilt, muh Maßgabe ihres Einkommens, aber so, dass die kleine erste Abtheilung, die mittlere zweite, und die zahlreiche dritte, jede gleich viel Wahlmänner zu designieren hat. So wird die An theilnahmc der Bevölkerung an diesen Wahlen immer geringer,