Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-09-23
Page
16 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315781-3363004--08279-3363090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 16 Nr. 38 Die Sache war keineswegs so leicht, als sie den Anschein hatte. Denn der ganze Apparat, über den der Agent versügte, die weitreichenden Verbindungen mit Geldmännern, Dienern, Portieren, Kellnern,, ließ sich nicht im Handumdrehen gewinnen. Auch besaß der Jüngling nicht den Kennerblick des erfahrenen Herrn Gelb sür die Creditfähigkeit der einzelnen Clienten. Diese hieng ja keineswegs nur von den Geldquellen und zu erwartenden Erbschasten ab, sondern es galt auch psychologisch richtig zu beurtheileu, wie weit die Furcht vor böswilligem Gerede und -öffentlicher Schmach die unglücklichen Opfer treiben könne. So kam es, dass Jsak einige empfindliche Verluste erlitt. Wien wurde ihm dadurch verleidet. Kurz und bündig entschloss er sich, nach der französischen Hauptstadt auszuwandern, wo der Ausgang des Krimkrieges einen großen Aufschwung des Unternehmungsgeistes versprach. Mit 7000 Gulden in der Tasche und einem Kopf voller Pläne traf er in Paris ein. Er machte sich anheischig, mit diesem Rüstzeug die Welthauptstadt zu erobern. Leicht wurde es ihm nicht gemacht. Eine Schwierigkeit nach der anderen thürmte sich vor dem kleinen, böhmischen Juden auf. Da war vor allem die völlige Unkenntnis der Sprache. Aber bei einigem Talente und durch eisernen Fleiß brachte er es schon nach drei Monaten so weit, ziemlich geläufig sprechen zu können. Die merkwürdige Fähigkeit seiner Rasse, sich fremden Verhältnissen verblüffend rasch anzupaffen, trat nun deutlich zutage. Träumerisches Heimweh, schwärmerische Sehnsucht nach der Scholle — blieben ihm erspart. Bon dem Augenblicke an, wo er die französische Grenze überschritten hatte, fühlte er als Franzose. Er glich einer jener Pflanzen, die in jedes Erdreich gierig ihre Wurzeln schlagen und aus dem steinigsten Boden genügend Kraft zu ziehen vermögen, um die eigene Existenz zu sichern. Das Glück war Jsak nicht günstig. Unternehmen auf Unternehmen schlug fehl. Binnen acht Monate hatte er 5000 Gulden von seinem Capitale ringebüßt. Aber der jüngste Goldschild verlor auch angesichts dieses Zusammenbruches keinen Augenblick den Mnth. Mit seinen langen Fingern und seinen starken, weißen Zähnen wollte er sich an das Glück klammern und cs zwingen, ihm unterthäuig zu sein. Bei der allmählig eintretenden Leere seiner Casse erinnerte er sich wieder der Geschäftsvraxis seines Vaters Nathan. Was in dem böhmischen Landstädtchen möglich gewesen war — warum sollte es sich nicht auch in diesem tollen Paris anwendcn lassen. Er beschloss, die kleinsten Beträge zu den höchsten Zinsen auszuleihen. Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald ein ergiebiges Feld. Bald war er in den Wirtschaften, die von stellungslosen Kellnern aufgesucht zu werden pflegen, ein ständiger Gast. Diese Leute sahen sich oft genöthigt in Zeiten schlechten Geschäftsganges ihre Wäsche und Dienstkleidung zu verpfänden und wussten nicht, woher das Geld nehmen um diese, zu ihrem Berufe uöthigen Tinge auszulösen, wenn ihnen die Gelegenheit zur Arbeit geboten war. Kleiu-Jsak erschien in solchen Fällen als Retter in der Roth. Gern war er erbötig, ein oder zwei Goldstücke vorzustrecken. Nur durste man nicht verlangen, dass er solche Dienste aus reiner Gefälligkeit leiste. Rach ein bis zwei Wochen musste mau ihm den doppelten Betrag zurückzahlen. Die armen Teufel waren ihm in der Regel noch obendrein zum Danke verpflichtet. Desgleichen öoten für diese sinnige Operation die stellungslosen Herrschaftsdiener und Kutscher ein gutes Ausbeutungsobject dar. Fast jeden Nachmittag eilte der kleine Goldschild in die Ciiamps KlysOes, wo sich einer alten Tradition gemäß die dienstsuchenden Lakaien mnd Grooms zu versammeln pflegen. Dort traf er seine Auswahl. Denn Jsak war wohlbedacht, sein Geld nicht an Unwürdige und im Concurrenzkampfe Schwache zu verschwenden. Männer von großer Gestalt und einnehmendem Aeußern bildeten seine Günstlinge, da er wohl bemerkt hatte, dass in vornehmen Häusern diese den Vorzug fanden. Oft konnte man den kleinen Juden am Ausgange des Bois de Bologne ganz weltverlassen stehen und mit kritisch prüfenden Augen die langen, endlosen Reihen der glänzenden Equipagen betrachten sehen. Aber weder die schönen Frauen in den Kutschen, noch die reichgeschirrten Pferde erweckten fein Interesse. An solchen Tagen hielt er über die Dienerschaft auf den Böcken Heerschau. Er controlierte das Benehmen und das Aussehen seiner Schuldner, daraus über ihre Creditfähigkeit seine Schlüffe ziehend. Ein halbes Jahr harte Jsak Goldschild so zugeschaut,bis es ihm endlich auf die früher geschilderte Weise gelang, die Stellung im Bankhause Osterheim zu erhalten. Freilich zählte dieses keineswegs zu den angesehensten der Stadt. Es beherrschte weder durch makellosen Ruf noch durch großen Reichthum die Börse. Aber selbst Jsaks unermüdliche Kraft und Zähigkeit drohte, durch das ewige Zuschlägen der Thüren vor seiner Nase entmuthigt, zu erlahmen. Als er daher aus dem prächtigen Hause in der rue Sr. Honoi 0 wieder auf die Straße trat, glich sein Empfinden dem eines Seiltänzers, der nach zurückgelcgter. gefahrdrohender Bahn endlich einen festen Stützpunkt erreicht hat. Diesen sollte ihm keiner entreißen. Schon am nächsten Tage saß er hinter einem Pulte des Ofterheim'schen Geschäftes und malte mit der langfingerigen, aus den schwarzen Pulswärmern hervorragenden Hand geheimnissvolle, endlose Zahlenreihen auf 'das durchsichtige Pavicr. (Fortsetzung folgt.) W Krikstasttn der Rcdaction. Timon C., alias C. Das Thema ist so heikel, dass wir cs uns uersagen müssen, darauf in dieser Weise einzugehen Josef Tch., Tuczawa. Wollen Sie nur einsenden. Wenn es brauchbar ist, wird es erscheinen. Honorierung selbstverständlich. Charitas, Graz. Besten Dank. Wir werden gerne Ihren Wunsch erfüllen. I. I. Elyah, Bycolla, Bombay. Wir sind leider nicht in der Lage, Ihrem Wunsche Nachkommen zu können. 'litt die P T. Cinscudcr. Die Rcdaction ersucht dringend, Manuscripte nur aus einseitig beschriebenem Papiere einzusenden. ift. T. Lemberg Besten Dank. Nutnmer 35 nur noch für Abonnenten zu haben. I. H g, Lcmpcrg. 1. Wir wissen das. Es wird gründlich gesäubert werden müssen. 2. Rein. Tie Herren überschätzen sich ein bischen sehr, wir wollen dazu nicht beitragen. Zionistin, Wien. Frau Dr- Sidonie Kahn, 'II. Obere Donaustraße 49, Frau Rozia Ellman n, Braila. Für Galizien noch nicht bestimmt. Tafelrunde Krcmfiercr Hochschüler. Besten Dank. W. R. T. Rcimann. Fürst Fried. Wrede, Salzburg. Dr. Moses Gaster, London, XV. 37 Mai da X'nl a. H. Vogelsohn, Lodz, Russland. H. Fr. BorySlaw. Ihre Anregung ist interessant aber verfrüht. I. T., Bottnschani. Dank für das schöne Gedicht. Allen Gesinnungsgenossen und Freunden, welche uns anlässlich des Roschhaschonoh in so freundlicher Weise beglückwünschten, danken wir bestens. D i e R e d a c t i o n. Stenograph, Kenntnis des Russischen und Hebräischen erwünscht, wird gesucht. Adresse in der Administration der „Welt" zn erfragen. Herausgeber: D. Naschauer. Berantw. Red.: Dr. Siegrn. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.