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Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
Jüdische Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Otto Ludwig [Rezension]
Date
1898-09-23
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 3R Jk&HC Seite 15 Bücherwelt. Jüdische Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Ltto Ludwig. Den Lesern unseres Blattes ist der Namen Lublinski wohlbeannt. In dem Kreise unserer zionistischen Schriftsteller, der sich immer mehr erweitert, nimmt Lublinski einen hervorragenden Platz ein. Einen ebenso guten Klang hat der Namen Lublinski außerhalb des zionistischen Schriftthums. In dem vorliegenden Buche zeigt sich uns Lublinski in seinem Specialsache, in der Seelenanalyse. Ihn fesselt vorzüglich das Seelenleben der Inden. Vielleicht weil es. so voll von Widerprüchen ist und in seiner Compliciertheit mit all den Schluchten und Winkeln ein interessanteres Forschungsgebiet darstellt. Aber Lublinski greift seine Typen nicht aus der Straße, im unmittelbaren Leben auf: er studiert sie in den Blättern der Literatur. Das ist ein raffinierterer Genuss für den Analysierenden. Denn er seciert aus diese Weise zwei Charaktere. Den Charakter der betreffenden jüdischen Gestalt und den Charatter des Dichters, welcher die Gestalt der Oeffentlichkeit übergab. Lublinski interessiert sich nicht nur für den historisch überlieferten Charakter der Judith, er will auch untersuchen, wie Hebbel diesen Charatter auffasst und wiederspiegelt, um aus diesem Vorgang die Schlüsse auf Hebbels Charakter ziehen zu können. So studiert Lublinski die Judith und den Hebbel in einem. Und der Leser von Lublinskis Buch hat einen noch raffinierteren Genuss. Er si»ht die Judith durch zwei Prismen zerlegt. Zuerst durch das Prisma Hebbel und dann durch das Prisma Lublinski. Die farbigen Strahlen, die sich durch letztere Brechung ergeben, machen die vorliegende Sammlung zu einem ungemein lesenswerten Buch. Es steckt ein gutes Stück Dichter in Lublinski; diese Gabe bewahrt ihn vor dem dürren Tone der Gelehrsamkeit. Wir finden eine Fülle frappierender Gedanken. Die Gedanken, die der Philosoph Lublinski in reichem Maße zu Tage fördert, weiß der Dichter Lublinski in die genießbarste Form für den Leser umzuprägen. Ein Philosoph wir fragen sofort nach der Weltauffassung. Es gibt eine kurze Antwort: Der Zionismus. Aus dem vorliegenden Buche wird es uns so recht klar, dass der Zionismus keine beschränkte Partei richtung ist, sondern die natürliche Consequenz einer bestimmten Art der Weltbetrachtung. In der Judensrage führt diese Welt ausfassung zum Zionismus, man kann aber alle möglichen Fragen unter dem großen Gesichtswinkel dieser Auffassung behandeln. In Lublinskis Buch entdeckt man aiff jeder Seite den Zionisten, auch wenn er von einem anderen Thema, als von der Judensrage spricht. Der Zionist, der aus Lublinskis Buche spricht, ist ein ungemein nüchterner Zionist. Alles Logik, systematische Folgerung. Wie bei einem Rechenexempel. Tie Tinge und Verhältnisse als Prämissen betrachtet, ergeben den Zionismus, >-r^<> ist Lubliuski Zionist. Nirgends eine Lücke, die durch Chauvinismus überbrückt wird. Und Lublinski kennt alle Prämisten durch und durch. Man ist frappiert, welche Vielseitigkeit aus diesem Buche spricht. Man wird manchmal an die polyhiftorische Durchbildung der Schriftsteller von der guten alten Garde erinnert, die jetzt auszusterben beginnt. Lublinski ist auf allen Gebieten heimisch. Aber er hat sich nicht damit begnügt, Wissen einfach auszustapeln, wie er es gefunden hat: das Wissen, das in den „jüdischen Charaktern" zum Ausdruck kommt, hat bereits einen gründlichen Verdauungsprocess durchgemacht. Lublinski hat es im Sinne seiner Weltanschauung zugefeilt und gruppiert. Daher die angenehme Harmonie, die sich durch alle Darstellungen zieht. Nirgends Widersprüche oder Verworrenheiten. Eine Individualität, die mit sich vollkommen im Reinen ist, erblicken wir hinter jedem Gedanken. Lublinski ist ein vorzüglicher Cicerone. Wir lernen die Seelenlandschaften, durch die er uns hmdurchführt, gründlich kennen. Selbst die verborgensten Settenpfade. Ja, besonders diese. Wenn wir das Buch aus der Hand legen, so wissen wir dem Verfasser aufrichtig Dank für die interessanten Bekanntschaften, die er uns vermittelt hat. * Feuillklill. Die GoidschilÄs. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrcdc. (19. Fortsetzung.) Bon den drei großen, nach der Straße zu gelegenen Zimmern waren zwei für die höheren Beamten, das dritte zum ausschließlichen Gebrauch des Chefs bestimmt. Die Zahl- und Cassenräume lagen im rücklvärtigen Trakte des Hauses. Ein breiter, als Wartesaal dienender Corridor verband diese beiden gettennten Reiche. Junge Leute eilten geschäftig, die Hände voll geheimnisvoller, flatternder Papiere, auf und nieder. Parteien und Diener mit großen ledernen Mappen kamen und giengen. Jsak bat einen der Angestellten, ihn beim Chef anzumelden. Er erhielt kaum eine Antwort. Man bedeutete ihm, sich zu gedulden. Der kleine Jude that cs ehrlich. Ueber eine Stunde saß er bereits auf der hart:n, hölzernen Bank. Da wurde die Thüre des einen Zimmer geöffnet, und ein kleiner, dicker Herr mit grauem, am Kinne ausrasierten Barte trat ins Borzimmer. Jsak erkannte den Chef des Bankhauses. Er war zum Ausgehen gerüstet und eben bemüht, die fleischigen Hände in die lichten Handschuhe zu pressen. Auf eine Audienz war also heute schwerlich mehr zu rechnen. Nun war es aber bereits das drittemal. dass Jsak unverrichteter Dinge nach stundenlangem Warten abzichen musste. Die Geschichte fieng an, den jungen Goldschild zu verdrießen. Er beschloss, sich um jeden Preis bemerkbar zu machen. Mit einem wilden Satze sprang er zur Thüre und riss diese mit einem tiefen Bückling auf. Das Manöver wurde so urplötzlich und so leidenschaftlich ausgeführt, dass Herr Moritz Osterheim erschrocken zurückprallte. Im ersten Augenblicke sah er nichts als die ebene Fläche, die der Rücken des kleinen Juden vor ihm bildete. kftun war der Banquier für zur Schau getragene Unterwürfigkeit keineswegs unempfindlich. Halb belustigt, halb geschmeichelt, blieb er stehen und fragte wohlwollend : „Wer sind Sie denn, junger Mann'?" Jsak war keineswegs blöde. Er wusste mit beredten Worten sein Anliegen vorzutragen. Es handelte sich um eine allerdings sehr untergeordnete Stelle, die im Comptoir des Bankhauses eben frei war. Rasch hatte er bei der Anrede Osterheims die Thüre geschlossen. Die langfingerige, aus dem schwarzen Pulswärmer hervorragende Hand, ruhte auf der Klinke. Bon der Antwort des Banguiers hieug es ab, ob ihm diese Hand noch einmal die Thüre öffnen würde. Wurde sein Gesuch abschlägig bcschicden, so war Jsak fest entschlossen. Herrn Osterheim diesen Tienst nicht zu erweisen. Der jüngste Gvldschild war nicht gesonnen, sich zu erniedrigen — wenn es nichts eintrug. Aber der Banquier war gerade guter Laune - der aufgeweckte Bursche gefiel ihiu — er winkte einen Beamten herbei — die Thüre flog auf — Jsak hatte die Stelle erhalten. Seit drei Monaten war ein derartige Posten das Ziel der Wünsche Jsak Goldschilds der Grund zahlloser, vergeblicher Gänge und empfindlicher Demüthigungen gewesen. Nichts schien ihm daher berechtigter, als die köstliche Befriedigung, mit der sich Jsak zu seiner entschlossenen Geistesgegenwart beglückwünschte. Es war auch hohe Zeit, dass seine Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt wurden. Der Boden von Paris brannte ihm nachgerade unter den Füßen. Nach der Katastrophe mit David hatte sich Wien nur mehr einige Wochen des Borzuges erfreut, ihn zu beherbergen. Der Bersuch, die Geschäfte ohne die lästige Compagnie Isidor Gelbs auf eigene Faust fvrtzusühren, war kläglich gescheitert.

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