Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
Über die französischen Juden
Date
1898-09-23
Page
12 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315781-3362971--08210-3363086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 MHWl.- Nr. 38 auch bei den übrigen Juden, bis herab zu den ärmsten unter Eine .Zierde von Sivahduvg. Straßlmrg hat in Gestalt einer prächtig ausgcführten iienen Synagoge wiederum eine Zierde von monumentaler Wirkung erhalten. Der Prachtbau ist an Stelle des alten Zollgcbäudes, dessen Plast von der Stadt der Gemeinde kostenfrei überlasten wurde, durch Professor Levy in Karlsruhe im romanischen S:y!e in einem Zeiträume von 2-1!» Jahren errichtet worden und erheischte einen Kostenaufwand von circa 850.000 Mk., wovon 60.000 Mark durch die Staatscasse getragen wurden. Die Einweihung des neuen Tempels wurde am 8. September in Gegenwart der fast vollzählig versammelten Gemeinde durch feierliche Procession mit den Thorarollen, Bortrag von Festgesängen und Gebeten, sowie durch eine ernste Wciherede des Oberrabbiners, an welche sich das Gebet für den Kaiser schloss, in stimmungsvoller Weise vollzogen. Dem Festacte wohnten unter anderen auch der kaiserliche Statthalter, Fürst von Hohenlohe-Langenburg, der Bürgermeister Back, der Staatssccretär, der Gouverneur und zahlreiche andere officielle Persönlichkeiten bei. Ilm „BOaiin“ erzählt Emile Martin ein interessantes Erlebnis vor der Teufelsinsel folgendermaßen: Es ist am 7. August um 6 Uhr morgens, die Sonne seit einer halben Stunde aufgegangen. Die Matrosen, die das Verdeck waschen müssen, nöthigen uns in die Cajüten zurück. Meine zwei französischen Reisegefährten und ich benutzen die Zeit zu unseren täglichen Waschungen, bevor wir aus das Verdeck zurückkehren. Die Sonne brennt nun bald so heiß, dass wir unter der Hitze schier erliegen. Die Stunde des Frühstücks rückt heran, wir gehen zu Tisch mit dem Vorsatz, so lange wie möglich daran zu bleiben. Als wir endlich beim Kaffee waren, kam der Capitän, der fast alle fünf Minuten aufstand, um nachzusehen, und sagte: „Die Heilsinseln sind in Sicht." Sofort nahm jeder sein Fernglas zur Hand, um, trotz der mittäglichen Sonnengluth von der Befehlbrücke aus das Land zu erspähen. Wir nähern uns diesem. Mit jeder Drehung der Schraube erscheinen die Inseln größer. Wir bitten den Capitän, so nahe wie möglich heranzufahren, um Lichtbilder von dieser vielgenannten Insel aufzunehmen, die den Mann beherbergt, von dem soviel geredet wird. Wir sind sehr aufgeregt. Es kommt uns vor, als thäten wir etwas ganz Ungewöhnliches. Auf unser Bitten richtet der Capitän den Kiel nach der Teufelsinsel. Jetzt gewahren wir sehr deutlich die Hütte Dreyfns', die von einer hohen getheerten Bretterwand als Einfriedigung umgeben ist, so dass der Gefangene nur den Himmel sehen kann. Hinter dieser Einfriedigurg die Wohnung der Wächter, die stets aufpassen, und darüber eine Art Minaret mit einem Hochkiß-Geschütz. Wir sind jetzt zweihundert Meter von der Teufelsinsel. Es ist 1 Uhr 45 Minuten. Wir nehmen viele Lichtbilder auf. Als wir uns genau der Insel gegenüber befinden, sehen wir die unter Cocusbäumen gelagerten Wächter, die frische Luft der Brandung genießen. Sie sehen unserem Schiste gleichgilrig nach. Aber nun ertönen, mit einer Minute Pause, zwei Kanonenschüsse. Wir blicken auf: man hat wohl unsere Flagge grüßen wollen, sagen wir uns. Während unsere Augen noch immer au der Dreyfus-Hütte haften, dröhnt ein dritter Schuss, wobei darauf ein Gegenstand etwa zwanzig Meter von uns ins Wasser fällt, das hoch aufspritzt. Wir begreifen, worum es sich handelt. Ter Capitän sieht die Gefahr. Jedoch bevor er Zeit gehabt, die Richtung des Schiffes zu ändern, erdröhnt ein vierter Schuss, der auf der Brücke des Schistes durch Streifung einen Riss hervorbringr. Die Artilleristen hatten diesmal ihr Ziel genau aufs Korn genommen. Das Geschoss ist etwa zehn Meter vom Schiff ins Master gefallen. Wir eilen schnell aus dem Bereich dieser Teufelsinsel, uns über diese Beschießung und darüber befragend, was dem Gefangenen wohl durch den Kopf gegangen sein Mag, als er diesen ungewohnten Geschützdonner hörte. Seither haben wir erfahren, dass jedes Schiff, das der Teufelsinsel näher als drei Seemeilen kommt, in dieser Weise empfangen wird. Wir erreichten Cayenna ohne weiteren Zwischenfall. — Aus diesem Bericht eines Augenzeugen geht hervor, dass wegen der hohen Bretterwand Dreyfus das Meer nicht sehen, die etwas die Hitze lindernde Luft der Brandung nicht genießen kann. Nach ueulichen Aeußerungen des Colonialministers Trouillot ist diese Bretterwand vor etwa 18 Monaten errichtet worden, natürlich infolge der Hetzereien und Drohungen der Nationalistenpressc. Ein neues Schauspiel von Fürst Friedrich Wrede, „Das Recht auf sich selbst" wurde im Wiesbadener Hoftheatcr mit großem Beifall aufgenommen. Ein Duste — Gründer einer Talmud-Thora. Einer der reichsten christlichen Barone Russlands, zugleich ein sehr bekannter Philanthrop, Herr Nicolaus Tereschtschenko spendete 8000 Rubel zur Errichtung einer Talmud-Thora mit einer Gewerbeabtheilung für jüdische Kinder der Stadt Gluchow. W—f. Indische Ilrbeitervereinigungen. Dem „Jüdischen Jahrbuch" zufolge gibt es in London fünfzehn' jüdische ArÜeiterverernigungen. Der ..Jewisli World“ bertrachtet das rasche Anwachsen dieser Vereine als einen großen Fortschritt. Ter jüdische East End-Arbeiter gebe sich nicht mehr mit Hungerlöhnen zufrieden und erstrebe durch die Coalierung eine Verbesserung seiner Lage. In seinen Vereinen lernt er englisch sprechen und schreiben, und so fängt er an, seinem christlichen Kameraden näher zu treten und von diesem, trotz seiner unuuterdrückbaren Eigenart, verstanden zu werden. Der neue jüdische Tempel in Washington, desten Kosten sich auf 90.000 Dollar belaufen, wird demnächst eröffnet werden. Todesnachrichten. Dienstag, 13. September, verschied nach schwerem Leiden im 68. Lebensjahre der orthodoxe Rabbiner und Schriftsteller A w n e r K a s s w a n n in Riwnie- Mittwoch, 14. September, starb in Paskau unser treuer Gesinnungsgenoste Herr I s a k Schlächter. P Die siornstische Bewegung. Biclitz. Gestern den 6. d. M. hielt der bekannte Volksredner Herr L. Taubes aus Kolomea auf seiner Durchreise aus DSitnecim, wo er Sonntag über den Baseler Eongress referiert hatte, einen Vortrag im hiesigen Bethause der conservativen Juden über Zionismus und den Baseler Kongress. Mit einfachen, schlichten Worten legte er das zionistische Programm klar, und mit heiligem Ernste lauschten die frommen Juden den Worten des Referenten. Die Ausführungen des Herrn Taubes fanden lebhaften Beifall und seine Ermahnung, nur Etrogim von den palästinensischen Eolonien zu kaufen,' fand lebhaften Anklang. Czernowitz. Samstag den 27. August sprachen die Herren I. T e n n e n h ä u s e r und M. Diamant in der Synagoge in Bojan über Zionismus. Eine vom letzteren beantragte Vertrauenskundgebung an den Baseler Eongress wurde sofort nach der Verlesung per neelnnrntionera angenommen. Przemysl. Donnerstag, den 8. September veranstaltete der hiesige Zionsverein eine überaus stark besuchte Versammlung, bei welcher unser geehrter Delegierter, Herr Dr. M. Ebner aus Czernowitz über den Verlauf und die Beschlüsse des zweiten Baseler Eongrestes Bericht erstattete. Nach einer Er'öynungsrede unseres Obmannes Herrn Jacob Ehrlich ergriff Dr. E b n e r das Worl. Redner beschränkte sein Referat nicht nur aus die Schilderung der Vorfälle des Zionisten-Eongresses, sondern har auch mit klarem Verständnis und mit beredten Worten die Differenz des einstigen und jetzigen und den Uebergang vom philanthropischen zum politischen Zionismus beleuchtet. Die 'Ausführungen des Redners wurden mit allseitigem Beisalle ausgenommen. Unter Hochrufen aus die Führer der Zionisten wurde die Versammlung geschlossen. Ottynia. Bor kurzem fand in dem Fabriksorte Ottynia eine zahlreich besuchte Versammlung statt. Herr stuck. cheni. L. Sztencel aus Stanislau sprach über den Zionismus und den Baseler Eongress. Nach dem mit großem Enthusiasmus ausgenommenen Vortrage wurde einstimmig beschlossen, einen Verein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.