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Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
M. Labori über Frau Dreyfus
Date
1898-09-23
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Sk. 38 Seite 11 Freunde und Bekannte von der Schuldlosigkeit ihres Mannes und ihre Ueberzeugung theilte sich der ganzen Umgebung mit und der Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Urtheiles gegen Dreyfus drang in weitere Kreise. Es ist wohl richtig, wir verdanken einzig und allein M. Zola, dass die Affaire Dreyfus mit der Freisprechung Esterhazys nicht ihren Abschluss fand; aber M. Zola wendete der Sache seine Aufmerksamkeit zu, als gegen Esterhazy Beschuldigungen erhoben wurden, und dieser letztere Umstand ist einzig und allein der Frau Dreyfus zu verdanken." Bekanntlich ist das „Musterbild der französischen Frauen" — eine Jüdin. Ucbcr das Judenviertel in Amsterdam macht der Corre spondent der „Kölnischen Zeitung" folgende nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen: ... Die breiten Straßen sind verschwunden. Zu Seiten einer engen Gasse wachsen hohe düstere Häuser empor. Ihre schmucklosen, kahlen Flächen sind rauchgeschwärzt, ihre Fenster trübe: häufig sind die zerbrochenen Scheiben mit Papier verklebt. Unter dem Erdgeschoß der meisten Wohnungen find dunkle kellerartige Räume, theils als Warenlager, zum Theil aber auch als Wohnstätten dienend. Oben am Dachfirst der Häuser ragt über den spitz zulaufenden Giebel allemal ein weit vorspringender Balken mil Hacken hervor, zum Aufziehen von Lasten bestimmt. Durch enge Durchlässe blickt man in schmutzstarrende Binnengänge und auf lichtlose Hinterhäuser, die vollgepfropft sind von Menschen. Steile Stiegen, mehr Leitern als Treppen ähnlich, führen da hinauf und ein schmieriges Seil dient oft als Lehne. Die malerische Unordnung im Judenviertel von ehemals, wie wir es unter anderem aus Achenbachs prächtigem Gemälde kennen, ist großtentheils dahin, das Malerische ist geschwunden und nur die Unordnung und der Schmutz sind geblieben. Aber das Volkstreiben in diesen Gassen hat sich wenig verändert, das ist geblieben in seiner ganzen Urwüchsigkeit, in seinem echt orientalischen Gepräge! Reben uns an der Straßenecke spielt ein Trupp Kinder. Ihre Kleider sind zerlumpt, die ehenrals grellen Farben verschossen und gebleicht. Aus den zerrissenen, meist für ein höheres Alter berechneten Schuhen schauen die Strümpfe oder bloßen Füße heraus. Die Haare der Kinder sind meist ungekämmt, die Gesichter, deren semitisches Gepräge unverkennbar, schlecht gewaschen. Aber ihr Aussehen beschämt sie offenbar nicht: ihr lautes Lachen beweist, wie glücklich sie sind, und wie sehr das Spiel sie erfreut. In der Gaffe selbst haben vor allen Häusern da heute trotz des Sonntags Wochenmarkt abgehalten wird jüdische Händler ihre Waren aus Tischen oder' am Boden zum Kaufe ausgebreitet. Mir neuen Gegenständen befasst sich dieser Handel hier nicht, fast alle sind schon gebraucht. , Da sieht man getragene Manns- und Frauenkleider, gestopfte Strümpfe und Socken, gebrauchte Schuhe und Stiesel, alte, verrostete Eisen waren jeglichen Gebrauchs, schadhafte Glas- und irdene Waren, abgesetzte Möbel und Hausgeräthc, minderwertige Schmuck- und Galanteriewaren, beschädigte Ocldruckbilder und Kupferstiche, verdorbene oder geflickte Tücher und Teppiche und Hunderte andere minderwertige Sachen. Sieben einem fliegenden Buchhändler, der auf einen kleinen Handkarren alte Werke aus allen Sprachen und über alle Gebiete der Kunst und des Wissens scilbietet, brät ein anderer auf eisernem Rost über loderndem Feuer- Kastanien : neben dem Stande eines Händlers mit Schmuck- und Nippsachen werden von einer alten Frau in mächtigem eisernen Kessel über glühenden Holzkohlen in siedendem Öel rundliche Kuchen gebacken, lieber einem Tische voll seidener Tücher und Spitzen blähen und schaukeln sich im Winde dicke Bündel aus geblasener Thierdärme, selbst ein Stand ist in der Nähe, dessen einziger Verkaussgegenstand in verschlissenen Handbesen besteht — Funde aus den Kerichtabfällcn deren Borsten fast ganz abgenutzt find. Wir haben bis jetzt die engsten und ärmlichsten Gassen des Judenviertels durchstreift und wenden uns nun den brcitern zu, wo wohlhabendere Israeliten wohnen. Hier gibt es große und stattliche Häuser, hübsche und saubere Läden und ordentlich ge kleidete Menschen. Tenn noch etwas anderes findet sich im Amsterdamer Judenviertel, das eines Weltrufes sich erfreut. Tao Diamantschleisergewerbe, das in zahlreichen großen Fabriken betrieben wird, und bei dem Besitzer und Arbeiter meist Juden sind, hat hier seinen Hauptsitz. Mitten aus dem Lärm und Schmutz der Gassen blickt man durch große Fenster in geräumige Säle, wo vor der schnell kreisenden, durch Maschinenkrast getriebenen und mit Diamantstaub bestreuten Stahlscheibe die Arbeiter fitzen und die an Holzgriffen in Blei eingegosscnen Dia manten schleifen. So werden die gefeiertsten Edelsteine und Brillanten der Welt gerade in dem^Stadttheile Amsterdams zu ihrem Glanz und ihrer begehrten Schönheit gestaltet, wo verfremde Besucher einzig die Armut mit all ihren Schrecken und in ihrer ganzen Blöße zu erblicken glaubt. Allein diese Auffaffung der Lebensverhältnisse im Judenviertel trifft nicht immer zu. Unter äußerer Dürftigkeit verbirgt sich bei manchem der Bewohner eine gesicherte Erislenz, zuweilen sogar förmlicher Reichthum. Man hat Fälle, wo für arm gehaltene Männer mit schäbigen.Kleidern bei Verkäufen und Geschästsabschlüsseu in die Taschen greisen, ganze Päcke von Banknoten hervorholen und mit barem Gelde bedeutende Summen bezahlen. Die Juden Amsterdams zerfallen nach Abstammung und religiöser Gemeinschaft in portugiesische und hochdeutsche. Zu den ersteren gehören die ehemals aus Spanien und Portugal vertriebenen, zu den letzteren vornehmlich die ursprünglich aus den slavischen Ländern stammenden. In höherem Ansehen stehen durchweg die portugiesischen Juden. Unter ihnen gibt es viele alte und angesehene Familien, zum Theil mit romanisch klingenden Namen und im Besitze bedeutender Vermögen. Dass auch unter _ den andern vornehmer Sinn und Wohlhabenheit vielfach nicht fehlen, ist selbstverständlich. Der Mbriistungsvorl'chlag des (Lzsren. Der S t. Petersburger Timeseorrespondent gibt aus vertraueuswerter Quelle folgende Darstellung der dankenswerten A u - r e g u n g, aus welche der russische A b r ü st u u g s v o r - s ch l a g zurückzuführen ist: Bor etwa drei Monaten vollendete der bekannte jüdische Bang ui er M. B. den letzten Band eines ausführlichen Werkes über den Krieg der Zukunft, seine Conseguenzen und die Mittel, wie er zu verhindern wäre. Der Minister des Innern, M. G o r y - mikin, konnte sich nicht entschließen, die Erlaubnis zur Veröffentlichung des Buches zu geben. Glücklicherweise unterhält aber Herr M. B., welcher bereits mehrere Schriften über russische Finanzsragen pnblieiert hat, Beziehungen zum Finanzminister, und durch diesen erlangte er eine Audienz beim Kaiser. Die Audienz dauerte länger als eine Stunde. Es gelang Herrn M. B., den Kai'er durch seine Schilderung des öconomischen Elends und der financiellen Ueberbürdnng, unter welcher die modernen Völker infolge der riesenhaften Rüstungen zu leiden haben, außerordentlich zu interessieren. Der Czar stellte eine Menge Fragen über alle Details des Gegenstandes, und das Resultat der Audienz war der Abrüstungsvorschlag, von welchem die Welt so viel Gutes erwartet. Metier die franpftldTcn Juden schreibt der „Hann. Cour.": „Unter den 11 -—12000 israelitischen Familien in Paris gibt es 5---000, eher weniger, die sehr reich sind und in der Bank- und Börsenwelt eine hervorragende Stellung einnehmen. Hierin besteht die Macht des hiesigen Judenthums, die in dem ans mehrere Milliarden geschätzten Hause Rothschild gipfelt. Sieben ihr wären noch (Fnrtado-) Heine, Fould, Dreyfus, Hirsch, Erlanger, Königswarter, Camondo, Ephrussi, Haber, Schnapper, Günzbnrg u. a. zu nennen. Alle diese Bank Herren machen auch große Geschäfte im Anslande, bis nach Russland und Südamerika. Sie geben viel Geld ans und besitzen Paläste, Landgüter, Rennställe u. s. w. Rothschild ist, mit 150.000 oder sogar 180.000 Hektaren Landgüter und großem Hausbesitze in Paris der größte Grund- und Weingutsbesitzer Frankreichs. Die weiteren 2000 bis 3000 israelitischen Familien, die sich eines größeren Wohlstandes erfreuen, beschäftigen sich zum guten Theil mit gewerblichen Unternehmungen jeder Art, auch mit Buchhandel und Presse. Der Handel mit Diamanten, alten und neuen (Gegenständen der Kunst und des Kunsthandwerkes befindet sich zum großen Theil in jüdischen Händen. Drei bis vierhundert Inden sind Officiere und Beamte, viele sind Aerzte, Ingenieure, Gelehrte, Professoren, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler. Von den oben angeführten 500 bis 000 reichsten Judeusamilieu gibt cs nur wenige, die keine Christen unter ihren Mitgliedern zählen. Vier oder fünf Fräulein Rothschild sind getauft und mit Christen verheiratet, die Fürstin von Monaco, verwittwete Herzogin Richelieu ist eine geborene Heine (aus New Pork), eine andere Heine ist Herzogin von Clchingcu: in mindestens dreißig, vierzig Familien sind alle Töchter getauft und mit Christen verheiratet. Mehrere dieser reichsten Familien (Baron Oppenheim, Gras d'Anvers) sind ganz christlich geworden. Der französische Adel und das vornehme Bürgerthum sind daher schon stark mit semitichscn Familien verschwägert. Aehnlich verhält es sich

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