Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-09-23
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 38 Jeder Mensch hat irgend einen Punkt, wo er sterblich ist. Wenn er in bestimmte Situationen geräth, zeigen sich an seinem Bilde dunkle Flecken. Auch die Völker haben ihren gefährlichen Punkt, — es ist der Judenpunkt. Da kam ein Schiff mit stolzen Segeln, auf den Wimpeln lasen wir die Jahreszahl 1789, sahen wir die leuchtende Trikolore; wie ein Schwan zog es dahin. Und nun näherte es sich dem tückischen Punkte, der Klippe. Man heißt sie die Teufelsinsel. Wird das Schiff den verfluchten Block passieren? Wir bangten, wir zagten; denn es ist ein trauriger Anblick, wenn stolze Schiffe sich am Riff tiefe Wunden stoßen. — — Und Frankreich ward zum Wracke. Jetzt wollen sie das Leck vernageln, jetzt wollen sie den geknickten Mast aufrichten und die zerfetzten Wimpel flicken. Revision! Aber wir haben das wüste Krachen gehört, die ganze Welt hat es gehört, und das vergisst sich nicht. Frankreich wird vielleicht den Dreyfus rehabilitieren, aber Frankreich wird nimmer Frankreich rehabilitieren. „Rehabilitieren" wollen sie ihn. Ist das nicht ein prächtiger Ausdruck? Sie werden ein Skelet, das jahrelang am wüsten Fels kauerte, auf den lärmenden Markt schleppen, und dort werden sie ihm mit der Geberde der Großmuth erklären, dass ihm eigentlich Unrecht geschehen, und dass nun alles wieder gut sei. Und wenn sie der Unglückselige scheu und halb verständnislos anblicken wird, werden sie sogar etwas gerührt werden: und sie werden ihm freundlich sagen, dass er sich nicht zu fürchten brauche, jetzt werde ihn niemand mehr anspeien, wie ehedem, alles sei nur ein kleiner Jrrthum gewesen, sozusagen ein Versehen. Aber jetzt dürfe er wieder nachhause gehen, denn er sei vollkommen rehabilitiert. Aber es ist gut so. Gerade Frankreich musste es sein. Frankreich, das war auch so ein Ideal, vor dem wir auf den Knien rutschten. War es uns nicht immer ein süßlicher Trost, mit dem wir uns in bösen Tagen einzulullen pflegten, wenn es an unserem Himmel schwarz heraufzog? Und dazu sangen wir uns ein Wiegenlied: Liberty — Eiapopeia — Egalite — Eiapopeia — Fraternite — Eiapopeia — Frankreich, Eldorado aller Bedrückten, einst werden alle Völker so sein, wie Duja, wir wurden wirklich ruhiger, wenn wir das in uns hineinsummten. Nun wissen wir, woran wir sind. Alles Lüge und Phrase. Jetzt klingt uns eine andere Melodie in den Ohren: „Nieder mit den Juden — Hoch Esterhazy — conspuez Zola." — Wir sind um eine kostbare Illusion ärmer und um eine kostbare Erfahrung reicher geworden. Misstrauen wird gemeiniglich nicht unter die Tugenden gerechnet. Aber gleichwohl: Wie stünde es um uns, ohne das Misstrauen? Mit großen, gläubigen Augen schauen die Kinder in die Welt. Sie tappen in jede reisigbedeckte Grube, sie haschen nach jeder Natter. Erst mit dem Misstrauen wächst ihnen der Verstand. Dann gehen sie im Bogen um die Gefahr, sie sind auf dem richtigen Wege. Wir werden reifer, d. i.: wir werden misstrauischer. Darum müssen wir der Affaire Dreyfus innig dankbar sein. Sie hat unser Misstrauen aufgeveitscht. Wir haben Frankreichs Tugend auf dem Lorrerpfad gesehen, welches Volk will uns jetzt von seiner Tugend, von seiner „Toleranz" etwas vorflunkern? — Wir sind ans dem richtigen Wege. Von dein französischen Fälscherterritorium zu den Spalten der Wiener /Arbeiter-Zeitung" — eine unwillkürliche Gedankenassociation. Uebrigens wollen wir den französischen Lumpen beileibe nicht nahetreten. Nein, die Erzeugniffe des Henry :c. sind keineswegs so kindisch und thöricht, wie die Lügenstückchen der „Arbeiter-Zeitnng". Die israelitisch infiltrierte Redaction des genannten Blattes fühlt nämlich seit letzter Zeit den seltsamen Drang in sich. Arm in Arm mit unserem antizionistischen Protestrabbinerthum auf dem geschlängelten Wege der Verleumdung zu lustwandeln. Wir wagen nicht, zu entscheiden, welcher Theil da die beffere Hälfte des famosen Pärchens ist, wir gestatten uns nur die angenehme Beschäftigung, in dem — sit venia verbo — Charakter der beiden Gesponsen ein wenig herumzurühren. Beide Hälften, sowohl die Israeliten der „Arbeiter-Zeitung" als auch die Israeliten im Protesttalare befassen sich mit der Fabrication von Falsificaten, die das Programm des Zionismus darstellen sollen. Aber in der Technik des beiderseitigen Schaffens zeigt sich ein bemerkenswerter Unterschied. Die Antizionisten mit dem Rabbinerbarett sind über den Zionismus sehr wohl informiert, und wenn sie einen verzerrte» Abklatsch Herstellen, so fälschen sie einfach das Original, welches ihnen vorliegt, in bewusster, böswilliger Absicht. Bei den israelitischen Socialdemokraten ist der Fälschungsvorgang etwas anders. Die Kalabreserjuden haben nämlich vom Zionismus nicht einen blauen Dunst, sie wissen gar nicht, was der Zionismus ist, aber da sie trotzdem die Dreistigkeit besitzen, über Zionismus zu schreiben, so muss naturgemäß ein Falsificat, ein Phantasiestück, herauskommen. Sie werden aus Unwissenheit, aus Dummheit zu Fälschern. Das ist ein Milderungsgrund gegenüber dem fälschendeu Clerus, aber keine Entschuldigung. Denn wer heißt sie, den Schnabel in ein unbekanntes Gebiet hineinstecken? Menschen, welche auf einer niedrigen Stufe der Cultur und Gesittung stehen, wilde Völkerstämme, stellen den unbekannten Teufel, vor dem ihnen bangt, den sie aber nie gesehen haben, als Fratze dar. Dieselbe psychologische Erscheinung äußert sich bei den socialdemokratischen Orientalen. Der Zionismus ist ihnen eine Art Gottseibeiuns, sie bekreuzen sich vor ihm, so gut es ihnen ihre Confession gestattet, und weil sie ihn nicht kennen, stellen sie ihn als Zerrbild dar. Es wäre übrigens eine nutzlose Arbeit, die Collegen der Protestrabbiner über den Zionismus aufzuklären. Denn was käme dabei heraus? Sie würden dann einen Gegenstand fälschen, über den sie wohl informiert sind — nach Art der Protestrabbiner. Die Differenz in der Technik des Schaffens wäre verwischt, wir hätten nur eine Gruppe antizionistischer Fälscher. Denn protestlerisches Rabbinerbarett und israelitischer Kalabreserbut decken ein und dieselbe Gehirnsorte. E. R. G Dir Jubeit in Vöhntrn. Von Rudolf Kohn (Prag.) Die böhmischen Juden haben vor ihren Stammesgenossen in anderen Ländern mannigfache Besonderheiten voraus, sie sind hier nicht wie anderwärts zudringliche, unwillkommene Eingewanderte, nein, sie sind sogar früher dagewesen als die Tschechen und Deutschböhmen. Die tschechischen und deutschen Geschichtsschreiber dieses Landes stimmen darin überein, dass die Juden schon mit den Markomannen nach Böhmen gekommen sind, also jedenfalls früher als die Slaven und viel früher als die jetzigen Deutschböhmen, die als Colonisten von den slavischen Königen gerufen wurden. Die Juden erfreuten sich alter verbriefter Vorrechte, und sie haben der Landeshauptstadt Prag seit altersher den Stempel anfgedrückt. Das Jahrtausende alte jüdische Leben im Prager Ghetto, dem ältesten nach dem Wormser und sicherlich dem größten in Mittel-Europa, hat am meisten Sehenswürdigkeiten für die Besucher Prags hinterlassen, mehr und interessantere sogar als das alte Königsschloss am Hradschin. Vom Mittelalter bis auf den heutigen Tag war Prag den heimatlosen Juden eine Sammelstätte und hat ihnen das verlorene Zion ersetzen müffen. Mit seinen zahllosen