Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Article
- Nationale Cultur
- Date
- 1898-09-23
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 38 JP*$*r Sette 5 unserer Zeit leuchtet und sich stärker erweist, als das Dunkel. Es sind nicht nur die Bodenerhebungen nach doppeltem Maßstab zu messen; auch für die Zeitverhältnisse gilt ein Relatives und Absolutes; was der Meeresspiegel für die Erde, das bedeutet die Weltgeschichte für die Zeiten. Die Geschichte der Juden war seit lange schon eine Seiten-, eine Capitelgeschichte der Länder, in denen die Juden wohnen, der Parteien, in die sie bald da, bald dort zerfielen, und der einzelnen großen Individualitäten, die von Zeit zu Zeit aus dem Grund des jüdischen Volksthums hervorgehend, ob der unseligen Spaltungen innerhalb des Judenthums zu keiner wahrhaft nationalen Bedeutung gelangen konnten. Das Extensive unserer Bewegung, ihre Ausbreitung über das Judenthum fast aller Culturländer schafft darin unendlichen Wandel, dass die Geschichte unserer Bewegung zu einer wahrhaft nationalen wird, dass die disparate Chronik der Juden nun in eine wirkliche Geschichte des jüdischen Volkes übergeht. Und dies ist ohne Zweifel die bedeutsamste Wirkung der Bewegung. Wir glauben am Beginne einer Epoche zu stehen, die für die Zukunft verheißend ist, aber wir wollen nicht vergessen, dass wir — an ihrem Beginn stehen. Was wir vom Judenthum der letzten, nun sich schließenden Periode zu sagen haben? Bon den Modernen, von den. Orthodoxen — um bei den zwei einfachsten Bestandtheilen zuH bleiben. Diese Namen bezeichnen keine Gegensätze zu uns Zionisten. Modem, orthodox sind auch wir. In unserem Lager sind beide zu finden. Der Name, der einen Gegensatz zu uns bezeichnet, lautet nicht „modern", nicht „orthodox", er lautet: Gegner. Und allerdings haben wir moderne und orthodoxe Gegner. Unser Verhältnis zu beiden lässt sich sehr kurz characterisieren. Bor dem gegnerischen modernen Judenthum hat das zionistische das nationale Bewusstsein voraus, und vor dem gegnerischen orthodoxen die Cultur. Daraus erklärt sich die natürliche Führerschaft des zionistischen Judenthums. Wir sind weit entfernt, die Orthodoxen gering zu achten, ihrer Anschauungen, ihrer Welt zu spotten. Es ist eine Welt besonderer Art, der nur die Machtmittel des modernen Wiffens fehlen, dass sie imponierend dastehe; auch ist es zum Theil unsere Welt. Und wir unterschätzen die Leistungen der Modernen nicht; denn ihnen entlehnen wir die Formen, die Mittel, deren die Gegenwart zur Erreichung ihrer Ziele sich bedient. Aber wir halten es an der Zeit, das nationale Band, das Jahrhunderte lang geriffen war, wieder zu knüpfen. Wir sind zwar ein Volk auch auf fremdem Boden, aber wir wollen es auf eigenem Boden sein. Warum wir es wollen und wozu, ist ja bekannt. Gründe von außen und Gründe von innen bestimmen uns dazu. Auch sind wir es den Völkern des Abendlandes schuldig, dass wir, da sie uns mündig erklärt haben, unsere nationale Existenz aus eigener Kraft fortführen. Die Passivität der Staaten und Staatsmänner unserer Bewegung gegenüber ist gewiss kein ungünstiges Zeichen für uns. Wenn wir nur einig und ernst unser Werk fortsetzen, so werden wir vielleicht nicht nur ihre Sympathie, ihr gleichsam privates Wohlwollen gewinnen, sondern auch eine letzte, nothwendige und rechtskräftige Billigung von ihnen erlangen. Durch unsere Gegner aber innerhalb des Judenthums, durch unklare Begriffe und Absichten, sie mögen wo immer auftauchen, lassen wir uns durchaus nicht beirren. Nicht, wie man das Vorgehen der Zionisten benennt, Utopie, politischen Zionismus — nicht das ist die Frage, sondern wohin die Bewegung führt, und was sie bewirkt. Es sind sehr genaue Bedingungen vorhanden, damit gewisse Erscheinungen da sein können. Auch die geistigen haben ihre bestimmten Voraussetzungen. Wir betrachten als die erste Bedingung einer nationalen Cultur ein nationales Bewusstsein, ohne dieses kann sie weder werden noch bestehen. Will man einen einheitlichen Boden nicht geradezu als eine nothwendige Bedingung einer nationalen Cultur anerkennen, so wird man doch zugeben, dass diese, falls ein solcher vorhanden ist, ganz besonders gefördert wird. Und man bedenke, dass wir durch Wiedergewinnung desselben auch das wichtigste aller Culturmittel — die Sprache unsere nationale Sprache wiedergewinnen. Denn wie rasch würde sie aufleben auf diesem Boden, wo bei jedem Schritt historische Erinnerungen sich regen und den Geist der Sprache athmen, welche die Erinnerungen als lebendige Thaten tvirken sah. Das Alte erneuern, weil es der Erneuerung wert ist, und das Neue in Formen ausdrücken, die haltbar und würdig genug sind, um ein hohes Alter zu erreichen — und das ist es ja, was den Inhalt macht und das Wesen dessen, was wir Cultur nennen — wo ließe sichs denn besser gestalten als auf heimisch-heimatlichem Boden? Vielleicht auch erwächst uns eine nationale Cultur, wenn auch gar sehr unterschieden von der, die gleichmäßiger, harmonischer auf unserem eigenen Boden uns erblühen könnte, hier schon, während wir noch getrennt unter verschiedenen Völkern leben. Tie Wirkungen der zionistischen Bewegung werden sich ja immer mehr und immer nachhaltiger äußern. Manches Gebiet des öffentlichen nnd geistigen Lebens ist ja schon von ihr berührt worden. Wir wollen auf einzelnes nicht eingehen, aber eine bedeutsame Thatsache hervorheben, die ans dem Congress selber und in entschiedener Weise betont worden iss. Nach der Erklärung des Präsidenten des Cougresses ist das unmittelbar nächste Ziel des Zionismus — die Eroberung der Cultusgemeinden. Wird dieses Ziel erreicht, so sind die Consequenzen davon ungewöhnlich wichtige. Die eine davon wird eine vollständige Reorganisierung des Unterrichtsnnd Erziehungswesens der jüdischen Jugend sein. Dass die Missstände gerade auf diesem Gebiete groß sind, wiffen wir, wissen die Eltern, die Lehrer, die Gemeinden selber. Die Thätigkeit der Cultusgemeinden ist jetzt eine geringe, und ihre Verdienste sind nicht allzugroße. Unvergleichlich fruchtbarer werden sie wirken, sobald sie der nationale Gedanke durchdringen wird, und das verblassende Ideal des kosmopolitischen Ubi bene, ibi patriu in die geschichtliche Rumpelkammer wird ausgenommen sein. Denn es ist Zeit, dass wir aus zahl- und zusammenhanglosen Cultusgemeinden zu einer einigen Volks- und Culturgemeinschaft werden. So stellt sich das Verhältnis der zionistischen Bewegung zur nationalen Cultur einfach genug dar. Die Wiedergewinnung des heimatlichen Bodens erscheint heute als der oberste Zweck des Zionismus, und sogar die Cultur, in jedweder Form, ist nur Mittel zu diesem Zweck. Wenn einmal der Boden unser ist, dann wird, was heute Zweck ist, zu einer Bedingung des nationalen Lebens, jedes Mittel aber, soferne es einen Culturwert darstellt, wird Selbstzweck. Haben wir erst Cultur in ihrer einfachen, ursprünglichen Bedeutung, nämlich wirklichen Grund, den wir anbauen, auf dem wir pflanzen können, dann wird uns wohl auch Cultur auf dem geistigen Boden unseres Volkes erwachsen, als die edelste Frucht, deren wir Menschen uns erfreuen dürfen. P Referat von Leo Mozkin über Palästina. (Schluss.) Ich komme nun zum Schulwesen in Palästina. Es kommt hiebei darauf an, welchen Maßstab man an das Schulwesen in Palästina anlegt. Wenn es sich darum handelt, die jüdischen Schulen mit den Mittelschulen irgend eines anderen Landes zu vergleichen, so unterliegt es gar keinem Zweifel, dass selbst die schlechteren Schulen in anderen Ländern den Vorzug verdienen. Allerdings haben wir das Recht zu fordern, dass die Schulen in Palästina, die doch den Haupttheil der jüdischen Bevölkerung hebräisch und culturfähig machen sollen, mustergiltig seien. Ich muss aber zu meinen Bedauern constatieren, dass sie zum allergeringsten Theile mustergiltig sind. In Jerusalem ist eine ziemlich gute Schule, die Laemel-Schule und zwei andere, von denen die eine die Schule der Alliance für Mädchen, ziemlich schlecht und die andere auch nicht viel besser ist. Die Schule in Rischon-