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Die Welt · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Article
Bismarck als - Zionist
Date
1898-09-23
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Sk. 38 wollen wir sie dennoch hier wiedergeben, weil einerseits unseres Wissens bisher eine Berichtigung nicht erschienen ist, und weil andererseits Mr. White in der Einleitung zu seinem Artikel seine Leser versichert, dass die darin enthaltenen Aussagen von einem continentalen Staatsmann herrühren, der mit Bismarck's geheimen Plänen hinsichtlich der Entstehung und des Zweckes des Antisemitismus in Deutschland intim vertraut war. Der betreffende Staatsmann wollte jedoch aus leicht begreiflichen Gründen ungenannt bleiben. Dem fraglichen Artikel zufolge, soll Bismarck im Jahre 1880, als er den Gipfel seiner Popularität erreicht hatte, denselben Plan in Betreff der Absonderung der Juden verfolgt haben, den Napoleon I. gehabt hat, als er, ebenfalls siegestrunken, ein separates jüdisches Reich zu gründen beabsichtigte. „Als die Vereinigung Deutschlands zustande gekommen war", heißt es in diesem Artikel weiter, „trat die Judensrage als eine brennende Frage in den Vordergrund. Bismarck unternahm es nun, sie zu lösen, er entwarf mit seinem charakteristischen Scharfsinn seinen Plan, und fieng an, diesen auszuführen, während er zugleich bemüht war, alle vorausgesehenen Hindernisse nach und nach aus dem Wege zu räumen. Der „eiserne Kanzler", wie Bismarck mit Recht genannt wurde, ließ sich von den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht im geringsten zurückhalten, und hatte nur die Ausführung seines Planes in dieser Angelegenheit im Auge. £>atte er ja ein großes, aber in mehrere Theile getheiltes Deutschland vereinigt, und sollte er nicht auch imstande sein, die zerstreuten Juden zu vereinigen, dass sie einen neuen Staat, wenn auch nicht im gelobten Lande, bilden? Doch wollte er den Juden selbst die Wahl des Landes überlassen, wo seine Idee realisiert werden sollte." Die Realisierung dieser Idee, meint der Verfasser, sei nur durch den plötzlichen Fall Bismarcks verhindert worden. Wäre er weiter am Ruder des Staates geblieben, so würde die von ihm mit großem Eifer, aber heimlich in Scene gesetzte antisemitische Bewegung solche feste Wurzel innerhalb aller Elasten der europäischen Bevölkerung gefasst haben, dass all' die reichen und armen Juden auf dem Continente sich in großer Verzweiflung befunden hätten und endlich zur Einsicht gelangt wären, dass ihre weitere Existenz in Europa ernstlich gefährdet sei. Dann würde in diesem tragischen Falle, zum Erstaunen der ganzen Welt Bismarck wie ein IVns rx maehina erschienen sein, und eine Conserenz der Gesandten aller Großmächte Europas berufen haben, worauf die Vertreibung der Juden, selbst derjenigen, die sich inzwischen getauft haben, nach Verlauf von einer Periode von fünf Jahren beschlossen worden märe, obschon die englische Regierung wohl ihr Veto gegen diesen Beschluss eingelegt hätte. Dennoch würde es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein, die Juden aus dem Continente länger zu beschützen, und letztere würden dann wie aus einem tiefen Schlummer erwacht sein und eingesehen haben, dass nunmehr die Rothwendigkeit für sie eingetreten sei. einen separaten jüdischen Staat zu bilden. Des Verfassers eigene Worte hinsichtlich dieses Punktes lauten wie folgt: Sie fdie Juden) würden nun das Morgenroth einer neu einbrechenden Zeitepoche erblicken, einer Zeitepoche, die der Prophet Jefajah längst verkündet, und wovon Napoleon geträumt hat. Da erstere (die Juden) der barbarischen Politik Europas nichts als Hass zu verdanken haben, so werden sie selber aus eigenen Stücken ansangen, den Grund zu einem jüdischen National st a a t e zu legen. Der glückliche Erfolg würde nicht ausbleiben, da sie alle jene Vorthcile in reichem Maße besitzen, die dazu nöthig -sind, — Rasse, Einheit, herrliche Traditionen, beträchtlichen Reichthun,, festen Charakter und vorzügliche Denkkrast. Und sobald sie die Rothwendigkeit zur eifrigen Thätigkeit eingesehen haben, werden sie rüstig an die Arbeit gehen. Eine provisorische Regierung würde bald hergestellt und vom gesammten Volke Israel mit der Ausgabe betraut worden sein, für dasselbe ein neues Vaterland auszusinden. Die jüdischen Staatsmänner würden diese Ausgabe nicht allzuschwer sinden, und sobald das betreffende Land ausgesucht und in Besitz genommen sein wird, würde alles übrige von selbst folgen. Die reichen Juden würden ihren Reichthum, und die Armen unter ihnen, ihre Arbeitskraft mitbringen. Allerhand Fähigkeiten und Talente würden den nöthigen Raum zur Ausdehnung und Entfaltung finden: und ein Volk würde eng vereinigt und verbunden werden, das bis dahin nur durch die Sprache getrennt war. Der neue Staat würde auch alles besitzen, was zu einem glänzenden Erfolg erforderlich ist." Dieser außerordentliche Plan, Meint der Verfasser zum Schlüsse, nimmt sich wie ein halbvollendetes Bild aus, und ist daher nicht ganz verständlich. Wäre Bismarck die leitende Kraft in Deutschland weiter geblieben, so würde er es in allen seinen Schattierungen ausgesührt und vollendet haben. — Eine ultra - assimilatorische Wochenschrift, die inzwischen das Zeitliche gesegnet hat, beschäftigte sich seinerzeit ebenfalls mit dem Artikel von Mr. White und meinte: „Wir fügen hinzu, dass wir als Juden der Vorsehung Dank wissen, dass das fragliche Bild nur eine Fratze geblieben ist — eine Fratze, die dem Künstler selbst wohl zuweilen als Schreckbild im Traume erscheint und ihm hohnlächelnd zuruft: „Der Mensch denkt, Gott lenkt." Dieser Bemerkung können wir unsereits hinzusügen, dass der betreffende Protestrabbiner, dem die Judenstaatsidee einen solchen Schrecken eingejagt hat, dass er die obigen Zeilen niederschrieb, vollkommen recht hat. Der Mensch denkt — Gott lenkt. Ein ehrwürdiger Protestrabbiner dachte, mit dem Falle Bismarcks auch den Untergang des Zionismus betrauern zu können, aber Gott lenkte anders . . . Und wir wissen der Vorsehung auch hiefür Dank — und auch a l s Juden. P Nationale Liiltur. Von B. Sopher. Wenn ein Geschichtschreiber des Judenthums einmal in späteren Zeiten das Gesammtbild unseres Volkes entwerfen sollte, ein Geschichtschreiber, der die Ereignisse unserer Tage nicht miterlcbt hat, so wird er. angelangt beim Judenthume des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, mit einer Lust bei ihm verweilen, die kaum zu sagen ist. Epochen geistigen Aufschwunges hat die Geschichte des Judenthums auch nach der Vernichtung seiner Selbständigkeit gar manche zu verzeichnen; nationale Regungen, nationale Strömungen sind ebenfalls keine seltene Erscheinung bei uns. Aber die Bewegung, an der wir theilnehmen, weist so besonders charakteristische Momente auf, dass sie sich in sehr wesentlichen Stücken von allen früheren unterscheidet. Da ist zunächst der zeit- und culturgeschichtliche Hintergrund zu beachten. Die zionistische Bewegung geht vor sich gleichsam unter den Augen der civilisierten Völker. Das ist ein Symptom der Zeit, ja ein Symptom der menschlichen Cultur überhaupt. So wunderbar sind die Wege des vorwärts schreitenden Menschengeschlechtes, so unaufhaltsam seine geistige Entwicklung, dass sogar in und neben dem Rückschritt einer Zeit, in welcher Form er sich äußere, doch auch zugleich der allgemeine Fortschritt der Zeiten sich kundgibt. Dass ein Congress des jüdischen Volkes auch nur möglich geworden, dass wir unsere Sache aus dem Forum der Völker Vorbringen können, diese einfache Thatsache zeugt doch auch für das Licht, das in

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