Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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In dem Feuilleton einer großen und angesehenenliberalen Berliner Zeitung erschien jüngst ein Aufsatz: „Der Schutzpatron", welcher in mehr als einer Beziehung von erheblichem Interesse sein mag für eine zionistische Betrachtungsweise. Er gibt sich als einen „Festprolog" zu den Krönungsfeierlichkeiten, die gegenwärtig mit Umzügen, Banketten, Festprologen und' militärischen Revuen in Holland statthaben; aber indem er an eine Rembrandtausstellung anknüpst, die aus diesem Anlass veranstaltet wird und zu der man mehrere hundert Bilder und mehr als zweihundert Handzeichnungen des Meisters vereinigt hat, gelangt der Feuilletonist über die Jodenbreetstraße, in der a Rembrandt wohnte, zu dem ewig neuen Thema der „Judenfrage". Er hat in einer der schmalen Seitengassen in dem „jüdischen Viertel", von dem die Judenbreitstraße noch immer die Hauptstraße ist, einer Zankscene zwischen zwei Nachbarinnen beigewohnt, die, beleibt, ohne Corset, asthmatisch, mit zoddelig um den Kopf hängendem schwarzen Haar, sich gegenseitig mit ihren Armen bedrohen, bis sich ein Herr, welcher kein Bewohner dieses Viertels ist, ins Mittel legt, nach allen Seiten gut zuredet, und so die streitenden Frauen auseinanderbringt. „Dies kleine Zankduett hat an und für sich nichts Besonderes", fährt er nun reflectierend fort, „und doch ist mir etwas dabei ausgefallen. Eine Menge Menschen stand dabei, welche nicht zu der eigentlichen Bewohnerschaft dieser jüdischen Straßen .gehörten: Schiffer von den benachbarten Canälen, zufällige Passanten. Man denke sich die gleiche Scene anderswo — es ist klar, dass für die Zuschauer diese zwei zankenden Frauen nicht nur zwei zankende Frauen wie andere wären — die Scene hätte noch einen besonderen Beigeschmack — ich brauche nicht zu sagen welchen. Hier nichts dergleichen. „Man kann Aehnliches in Haag, in Rotterdam, in anderen holländischen Städten beobachten, wo die Nachkommen der aus Spanien und Portugal Vertriebenen sehrzahlreich hausen. In allen diesen Städten gibt es eine starke Bevölkerung von Hafenarbeitern, _ von Schiffern, von kleinem Volk. Dass keinerlei Feindseliges zwischen diesen und jenen besteht, will ich nicht einmal hervorheben. Aber im Verkehr zwischen all diesen Elementen herrscht nichts Gezwungenes, nichts Fremdes, alles geht seinen natürlichen Gang. Jeder hat seine Eigenthümlichkeit und Jeder scheint es für selbstverständlich zu halten, dass der Andere auch seine Eigenthümlichkeit hat. „Das alles beweist nicht nur, dass zwischen zwei verschiedenen Bevölkerungsschichten, zwischen zwei aus verschieden gearteter Vergangenheil her-vorgegangenen Theilen desselben Volkes ein gutes Einvernehmen besteht, es beweist weit mehr. Es beweist, dass der gesunde, mit einer guten Portion Selbstvertrauen begabte Holländer sich jene Achtung. vor der individuellen Freiheit erhalten hat, welche nichts anderes ist als das wahre Kennzeichen einer civilisierten Nation und das wahre Freiheitsgesühl. Hier herrscht nicht jene „Toleranz", welche immer einen fatalen Beigeschmack hat, sondern Gleichberechtigung. Die Holländer sind bis heute ihrer großen Vergangenheit nicht untreu geworden, und käme der Meister Rembrandt noch einmal für einen Tag in die Welt zurück, er würde sich vielleicht nicht allzufremd fühlen. „Er stünde wieder in der Jodenbreetstraße, wo noch immer fleißig gehandelt wird, und die Bewohner des Viertels fchaarten sich um ihn, wie er sie auf seinem herrlichen, noch in den Jugendjahren gemalten Bilde „Simeon im Tempel", welches die kleine, aber reiche Gallerie in Haag besitzt, um den alten Simeon geschaart hat. Das Barret keck zur Seite geschoben, dass der Wind, der von den Canälen kommt, die breite Stirn kühlen und die Locken zurückwehen kann, geht er weiter. An der nächsten Ecke trifft er den gelehrten Rabbi Menasseh-ben Israel, und sie plaudern davon, dass die alte Lea gestorben ist, aber dass Joseph noch immer von seinen Brüdern verkauft wird, und dass die Pest der Inquisition wieder einmal ausgebrochen ist — in irgendeinem Culturlande — ich weiß nicht in welchem grade. lind Rembrandt, der alle Kalenderheiligen auswiege, erscheint ihm auf eine schöne Weise als Schutzpatron für die Königsseste. Er ist ihm nicht nur das künstlerische Genie, er hat seinen Platz in der ersten Reihe der großen Lehrer der Reformation. „Man sehe seine Portraits, besonders seine Selbstportraits mit der starken, gleichsam die Leinwand zersprengenden Stirn — es gibt keine machtvolleren Hymnen auf die individuelle Freiheit. Und alles in ihm ist Liebe zum Leben, Liebe zur Natur, und alles ist Menschlichkeit und Toleranz. Das warme Licht aus seinen Bildern umfängt mit gleicher Liebe alle, die da