Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 vir. 37 Er kannte sic wohl. Der eine von ihnen war der Fürsterzbischos von Wien, Kardinal Rauscher, der andere der päpstliche Nuntius Viale Prela. '? Die beiden Kirchenfürsten waren im eisrigsten Gespräche. Der geistreiche Kardinal schien den Gesandten von irgend einer Sache überzeugen zu wollen. Der Römer aber batte den Kops lächelnd abgewandt und die violett behandschuhte Hand abwchreud erhoben. Der Wagen war längst vorbei — aber Dr. David stand noch immer aus seinem Platze und folgte mit den Augen dem schwerfälligen Gefährte, das über den Stefansplatz der Burg zurollte. Mit der Behendigkeit seiner Race hatten die Gedanken des Redacteurs im Nu eine ganz andere Richtung genommen. In den letzten Tagen hatte das Gerücht in der Luft geschwirrt, der Kardinal. und der Nuntius könnten sich nicht über gewisse Punkte des Eoncord ates einigen, und die Verhandlungen seien so gut wie abgebrochen. Diese gemeinsame Fahrt der Prälaten ließ nicht daraus schließen. Der heißblütige, leidenschaftliche Kämpfer war sofort in David wieder erwacht. Wie auf alte, ausgediente Krieger der Klang der Trompete, wirkte auf den freisinnigen Redacteur ein priesterlich Gewand. Die Kirche schien ihm seit jeher die unerbittlichste Feindin des Fortschrittes. Aber Plötzlich erinnerte er sich wieder an Jsak. Jetzt, wo heiße Leidenschaft ihn erfüllte, war ihm das Beivnßtsein der Schmach noch unerträglicher! Nein — und tausendmal nein! Wer gegen eine so erhabene und mächtige Gegnerin streiten wollte — der musste rein und makellos dasteheu können! Dessen Schild durfte nicht nur keinen Makel an sich haben, sondern auch keinen verdecken. Als ehrlicher Mann war David Goldschild einen ehrlichen Lebenswandel dem Blatte, dem er diente, schuldig. Er musste fein Haus reinigen — er wollte es thun! Und er that cs! Noch au demselben Tage kam es zu einer fürchterlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden Goldschilds, die damit endigte, dass Jsak auf der Stelle die Wohnung verlassen musste. Frau Karoline Sanstmuth weinte ihm keine Tbräne nach. Ihr war der kleine Jude, der Sommer und Winter stets schwarze, gestrickte Pulswärmer trug, immer ein Dorn im Auge gewesen. Sie gicng sofort daran, das von ihm bisher bewohnte Zimmer einer gründlichen Säuberung zu unterziehen. Als Dr. David abends heimkehrte, fand er es als Studierstnbe eingerichtet, zu der es nach Karl-Raphaels Auszüge bestimmt worden war. Auch der kalte Imbiss erwartete ihn wie früher auf dem Tische des Wohngemaches. Die Hausfrau schien es ja für selbstverständlich zu halten, dass er von nun an wieder die Abende zuhause.Mhrächte. Und als sie ihn um die Erlaubnis bat, den Schreibtisch in die neu hergerichtete Stnbe schaffen zu dürfen, da musste er über ihre klügst vor neuer Einquartierung lächeln und erividerte, der Braven ans die rundliche Schulter klopfend: „Nur keine Sorge — Frau Sanftmut!) — in Zukunft bleiben wir allein!" III. Buch. I. Ein Jahr war seit dem endgiltigen Bruche zwischen David und Jsak Goldschild in das Land gezogen. Der heiße Sommer hatte einem kalten Winter und dieser wieder einem lauen Frühling weichen müssen. Mau schrieb das Jahr 1857. In den ersten Nachmittagsstundeu rollte ein hoher, mit drei scheckigen Pferden bespannter Omnibus schwerfällig durch eine jener steilen Straßen, die den Kernpunkt von Paris mit der Borstadt Montmartre verbinden. Der Tag hatte sich drückend heiß angelaffen. Gegen Mittag aber waren plötzlich graue Wolken aufgestiegen, die jetzt einen erquickenden Sprühregen auf die lebensfrohe Welthauptstadt hernieder sandten. Die Bäume und Blumen der Anlagen, die Droschkenkutscher und Gärtner waren dem Himmel sicherlich für die,eu plötzlichen Umschwung der Witterung dankbar. Aber auf dem Dache des Omnibusses fanden diese Dankgebete keinen Wiederhall. Die meisten Fahrgäste hatten auf den trügerischen, blauen Himmel des Morgens gebaut und saßen nun durchnässt und frierend auf der langen Bank. Mancher von ihnen blickte mit nnverholenem Neide nach dem Eckplatz, dicht neben dem Kutscher. Dort saß ein in einen langen, grauen Mantel gehüllter junger Mensch, der vorsichtiger und klüger als alle anderen gewesen war. Nicht nur, dass er den besten Platz irme hatte und seine Füße in glänzenden Galloschen steckten — nein — die langfingerige, aus eineul schwarzen Pulswärmer hervorragende Hand hielt auch einen Regenschirm von wahrhaft beneidenswertem Umfange fürsorglich! aufgespaunt. Wie man in die Nähe des Opernhauses kam, tippte Jsak Goldschild, denn der vorsichtige Jüngling war niemand geringerer als er. dem Rosselenker auf den Rücken und bedeutete ihm, auzuhalten. Ohne allzugroße Eile kletterte er dann die steile Treppe Die übrigen Paffagiere brummten etwas wie „Rücksichtslosigkeit und Arroganz" vor sich hin. Aber Jsak war nicht der Mann, dergleichen Dinge auf sich zu beziehen. Vorsichtig, um sein Beinkleid nicht zu beschmutzen, steuerte er der nie St. Honore zu. Vor einem großen, prächtigen Hause dieser Straße machte er Halt. Nachdem er in der Portierloge Schirm, Galloschcn und Mantel abgelegt, stieg er langsam die breite Stiege hinauf. Das polierte Messiugschild der Flurthüre des ersten Stockwerkes trug die Aufschrift: Bankhaus Moritz Ostcrheim Jsak warf noch einen letzten prüfenden Blick über seine Kleidung, zupfte die Pulswärmer zurecht und trat ein. (Fortsetzung folgt.) Da viele Journale und Vereine die Rede des Profeffor Mandelstamm nach den Berichten verschiedener Zeitungen wiedergeben und sogar als Broschüre drucken wollen, wird hiemit aufmerksam gemacht, dass der o f f i c i e l l festgestellte Wortlaut dieser Rede im stenographischen Protocoll des zweiten Congreffes gebracht wird. Die geehrten Vorstände sämmtlicher Frauen- und Mädchen- Vereine mit zionistischerundjüdischnatioualerTendenzwerdenhöflichst ersucht, zum Zwecke der Schaffung einer einheitlichen Organisation ihre Adressen an Frau Dr. Sidonie Kahn, Wien, II., Obere Donau st raße 47, mittheilen zu wollen. Den verehrten Führern unserer Bewegung, Dr. Herzl und Dr. Nordau, sowie allen Zionistinnen und Zionisten wünsche ich im Namen unserer Gruppe eine E"i"n3 zum neuen Jahre! Mit herzlichem Zionsgruß L. B Weißberg, H a l b e r st ad t. m-ce i::n irm irsmp Sd ns »!*nne nöT.mrcTD>" An unsere russische» Leser: Nr. 35 wurde im Paket rechtzeitig nach Lodz expediert, aber bisher von der Censur noch nicht erledigt. Die Administration. Herausgeber: Naschaurr Verantw. Red.: Dr. Siegm. Wrrurr. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VHJ, Schlösselg. 11)