Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Article
- Liederbuch für jüdische Vereine [Rezension]
- Date
- 1898-09-16
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 Commersgesang, der ihr jüdisches Empfinden oft me')v als fremd anmuthete, durch etwas Aehnliches, das ihnen ganz entsprechen konnte, zu ersetzen. So gewann sich das Werkchen viele Freunde und kann nun bereits in zweiter Auflage dem jüdischen Publicum in die Hand gegeben werden. Wir gestehen offen, dass wir das Liederbuch mehr des guten Zweckes als des darin Gebotenen wegen schätzen und gerne überall verbreitet wüssten. Das Liederbuch — es sind im ganzen 32 Lieder darin, den übrigen Raum nehmen Gedichte ein — ist förmlich dnrchtränkt vom Gedanken der Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Es gibt wohl keines von den Liedern, das diesen Gedanken nicht in aller Schärfe zum Ausdrucke brächte. Besonders deutlich tritt das in den Farben- und Bundesliedern der verschiedenen jüdischen akademischen Verbindungen hervor. Darin ist der eigentliche Werl der Sammlung zu juchen. Dichterisch geht nur selten eines von den Liedern über das Mittelmaß hinaus. Allerdings überragt die zweite Auflage in dieser Beziehung die erste bedeutend. Namentlich sind cs dre geradezu musterhaften Uebersetzungen von Liedern Jehuda Halevys und Gabirols, die hieherzuzählen sind. Voll warmer Empfindung und dichterischen Schwunges sind einzelne Lieder L o e v e s. Auch Levinsohn, Bodenheime r, I. L. Schalit und P e r l m a n n danken wir sangbare Lieder. Dagegen vermissen wir leider die Lieder mehrerer jüdischer Studentenverbindungen in Wien, welche in Ehren von jedem Kritiker hätten bestehen können. Daran ist allerdings nicht der Herausgeber Schuld, dem offenbar diese Lieder trotz wiederholter öffentlicher Aufforderung an alle jüdischen Vereine nicht zugesendet worden sind. Fast ausnahmslos zu loben sind die zum Vortrag bestimmten Gedichte, welche in das Liederbuch ausgenommen wurden. Einzelne Gedichte sind wahre Perlen dieser Sammlung und der jüdischen Dichtung überhaupt. Dass auch Lieder mit hebräischem Text in diesem Buche Aufnahme fanden, ist jedenfalls anzuerkennen und zur Nachahmung zu einpfehlen. Wir hoffen, dass das Liederbuch Loewes, an dessen Zustandekommen der Herausgeber wirklich einen Loewenantheil hat, sich unter den jüdischen Vereinen, namentlich den studentischen, viele Freunde erwerben wird, und wir würden cs dringend wünschen, dass es unter den zionistischen Vereinen k e i n e n gäbe, der dieses Büchlein nicht kennt. Dann wird es, wie der Herausgeber hofft, wirklich nicht nur ein klein wenig sondern sehr viel „zur Neubelebung des jüdischen Stammesbewusstseins und zukunftsfreudiger Lebenshoffnungen" beitragen können. — w — V Vücherrlnlauf. Jüd.sche Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Ctto Ludwig. Literarische Studien von S. Lublins k i. Verlag von Siegfried Cronbach. Berlin 1898. Capitä» Alfred DreyfuS' Briefe, aus der Gefangenschaft. Mit einer Einleitung, einem Nachtrag und Facsimilebriesen. Deutsche autorisierte Ausgabe des französischen Originals. Zweite Auflage. Berlin IS!)!». Verlag Siegfried Eronba ch. Socialistisch oder zionistifch? Lösung einer Jeitfrage der Juden von Samuel M e i s e l s. Przempsl. Verlag des Verfassers. Die Versöhnung des Jndcnthums mit dem Christenthum. Von Karl H i l l e l. Frankfurt am Main. Druck und Verlag von Gebrüder'Knauer. Die Haushaltung der Gesellschaft. Eine Abhandlung über den Bedarf und die Herstellung der Existenzmittel. Bon Israel Berlin. Bern. Verlag von F. Semminger. 189S. Evreii in literatura popuiara Romana. Studiu de Psychologie popuiara. Anex: Evreii in literatura popuiara universal a. M. Sch \v a r /.fei d. Bucuresti. Evreii in literatura lor popuiara sau cum se Judeca Evreii insusi. Studiu etnico - psychologic. M. S c li \v a r /. f e I d. Bucuresti 1898. Literarischer Palästina-Almauach für das Jahr '>6^9 (1898/99). Herausgegeben von A. M. Luncz. IV. Jahrgang. Jerusalem 1898. Verlag des Herausgebers. (Hebräisch.) Verlag „T u s ch i j a h", Warschau: „Hebräische Bibliothek" I—VI: _ I. Ghetto-Geschichten. Bon Zangwill. Uebersetzt von S. L. G o r d o n. II. Aristoteles* Leben. I. Ch. Tawjew. III. Maimonides' Leben. D. Ielin. IV. V. S. Frug's Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt von I. Kaplan. VI. Der letzte Tag des zum Tode Bcrurtheiltc». Von Victor Hugo- Uebersetzt von Safran. Kindcrbibliothek: Heft öü—6«). Jüdische Sagen: Heft 41—'>4. Die wichtigsten Bücher dieser Ausgaben werden in den nächsten Nummern besprochen werden. P F e v iU_t t o n. Die GoWschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (18. Fortsetzung.) Auf diese Weise erhielt David Einsicht in die Lebensführung seines Verwandten. Er hatte allerdings während der letzten Wochen den Vetter nur wenig zu Gesicht bekommen. Die Versammlung der sechsnndsechzig Bischöfe, die gerade in Wien tagte, und die erstaunliche Energie, mit der der Erzbischof Rauscher die Genehmigung des Concvrdates betrieb, hielt ihn bis spät in die Nacht hinein in der Redaction des Blattes gefeffelt. Seinem geraden, ehrlichen Sinn fiel es jedoch schwer, an so viel Verschlagenheit und monatelang durchgeführten Betrug zu glauben. Vielleicht lag ein Jrrthnm vor — eine unselige Namens - Verwechslung. Er beschloß, sich ans der Stelle Gewißheit zu verschaffen. Um diese zu erlangen, brauchte er ja nur im Weißwarengeschäfte Nachfrage zu halten. Was er dort erfuhr, bestätigte nur allzusehr die Angabe der Agenten. Niedergeschlagen verließ er den Laden. Langsam schritt er durch die belebten Straßen. Das eilige, geschäftige Drängen und Hasten um ihn her that ihm wohl. Ein ganz fremdes, bisher nie gekanntes Gefühl hatte ihn beschlichen. Es war peinigend und lähmend — es war die Scham. Zum erstenmale in seinem Leben schämte er sich, ein Jude zu sein. Tie Tage der blutigen Verfolgungen, die Rechtlosigkeit — sie hatten nur seinen Mnth gestärkt, sein Selbstbewusstsein gestählt. Wir wissen, dass es gerade die anfsteigenden drohenden Wolken waren, die ihn von dem Uebcrtritt znm Cbristenthume abgehalten hatten. Und nun musste er an seinem nächsten Verwandten gleichsam die Bestätigung aller jener Laster finden, deren die Feinde, die Böswilligen, seine Race ziehen. Aber gab es denn unter den Christen nicht ebenso viel verschlagene, geldgierige, gewissenloseWichte wie untcrJsrael? Weshalb fühlte sich der Christ nicht durch die verächtliche That eines Mitglänbigen geschändet? Das große Geheimnis lag in der geringen Zahl und im festen Zusammenhalt der Gemeinde. In Israel scheute man seit jeher nicht leicht von einem großen Opfer zurück, um ein Glied vor Strafe und Schmach zu erretten. Durch Jahrhunderte hindurch gicng das Bestreben dem Grundsätze „Einer für Alle, Alle für Einen" Geltung zu verschaffen. Manches Blatt in der jüdischen Geschichte gibt davon Zeugnis. Derartige historische Traditionen vererben sich in einer Race nicht minder fort als manche äußere Kennzeichen. Auch Doctor David vermochte sich nicht von diesen Banden ohneweiters zu befreien. Er verurtheilte Jsaks Handlungsweise unbedingt. Aber sein Herz barg gleichzeitig den heißen, leidenschaftlichen Wunsch, den Jüngling zu beffern, zu retten. Er wusste nur zu gut, dass dies vergeblich sei. Trotzdem fühlte er sich an ihn gekettet. Während in seiner Seele ein so harter Widerstreit rang, führte ihn der Zufall an den fürsterzbischöflichen Palast. In demselben Augenblicke fuhr eine große, altmodische Kutsche, von zwei prächtigen, reich geschirrten Rappen gezogen, ans der Thoreinfahrt. David kam direkt neben den Wagen zu stehen. Seine Angen fielen auf die Insassen.