Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Judenthum und Deutschthum
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 20 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 20 Nr. 36 Juben gemein hat, ihm Antipathie und Hass cingeben gegen die Juden. Aber tief unter allen Antipathien und Sympathien, unter spinnwebfcinen psychologischen Stimmungen, mögen die beiden Völker verknüpft kein durch dunkle volle Bänder. Denn vielleicht nirgends gibt es ein so wunderliches Phäst nomen, als dies, dass die im Mittelalter aus Deutschlan,) vertriebenen Juden, welche nach dem Osten flohen und beiden Polen eine durchaus freundliche Aufnahme fanden, die deutsche Sprache, wie eine Tradition der Pietät, iu einer starren, durch nichts verschleifcnden Form bewahrten.*) Und nichts ist zu spüren von einem Einflüsse des flavischen Wohnlandes auf den jüdischen Umgangsjargon, obgleich gerade für die Sprache nicht die Ueberlieferung, ja vielleicht nicht einmal das Blut soviel bedeutet als das Geburtsland. Dieses erneuert in jeglichem seiner Kinder die unendlich bedeutsame Entwicklung der Sprache, und wie es seinen Natursinn bestimmt, seinen Blick umschränkt, umschränkt es auch seine Sprache, indem es die Gleichnisse gibt, auf denen ihr größter Theil beruht. Umso merkwürdiger ist es. dass, wie gesagt, von einem Einflüsse des flavischen Geburtslandes im jüdischen Jargon niemals etwas zu spüren und kaum ein einziges Wort aus dem Slavischen hinübergenommen ist. Wenn das Wort „Babe" (Großmutter) oft dagegen angeführt wir), so istob es gleich slavischen Ursprungs ist (baba, boba), doch auch bereits im Mittelhochdeutschen die Form „Babe" gegeben in der Bedeutung eines alten Weibes. Und dass dergestalt die Bezeichnung des jüdischen Jargons eben aus dem Mittelhochdeutschen übernommen worden, ist umso wahrscheinlicher, als auch die unter den Juden gebräuchliche Bedeutung für gewisse Kuchen sich in demselben Sinne in vielen deutschen Landstrichen findet, wie Grimm meint: „ . . nach der Gestalt, die man ihnen gab, oder weil ihn alte Weiber zu essen pflegten." — Hingegen haben die Juden in so weiter Ferne mit dem gleichsam luftigen, geheimnisvollen Bande der Erinnerung durch viele Jahrhunderte die deutsche Sprache bewahrt, und zwar oft genug die Worte von „alterthümeludem, edlen Klange," die sich selbst in dem deutschen Leben verloren und bestenfalls von der Dichtersprache gerettet wurden. Im Ghetto blieb das schöne Wort „Maid" (freilich mit der „Mundfaulheit", die Heine am jüdischen Jargon constatierte. in „Mad" corrumpiert), das bis ins zwölfte Jahrhundert zurückreicht und in Deutschland erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts von der Dichtersprache wieder ausgenommen wurde. Ein *) Freilich mag hierbei auch der geradezu seltene conservative Smn des Juventhums in Betracht kommen. Gerade aus der Sprache des Ghettos lassen sich auch für die zähe Bewahrung eigentlich jüdischer Redensarten, Sprichwörter und dergleichen viele interessante Beispiele anführen. Noch heute mag man im „Jargon" für eine stolze hochtrabende Person die Bezeichnung „Pinte von Amsterdam", „pintig" hören, ohne dass viele wissen werden, wieweit der Ursprung der wunderlichen Redensart zurückreicht. Im Ausgange des Mittelalters gehörten die Pintos zu den vornehmsten Familien innerhalb der Judenheit: sie zählten zu den Millionären von Amsterdam, und einer von ihnen hinterließ mehrere Millionen zu edlen Zwecken, wobei er die jüdische Gemeinde, den Staat, christliche Waisenhäuser, Geistliche, Küster und Glöckner bedachte; zwei „ebenso fromme wie reiche" Brüder Pinto (Abraham und David) legten den Grund zu der Gemeinde Rotterdam; und in der Judenheit mag ihre Autorität gar weit gereicht haben, denn in dem bekannten Rabbinenstreite zwischen Eibenschütz und Embdcn war die Parteinahme eines Pinto von beträchtlichem Gewicht, und zu denen, die mit ihrer Anhängerschaft den Abenteurer Sabbatai Zewi durch den Klang ihres Namens viel unterstützt haben sollen, gehörte auch ein Daniel Pinto. — Eine andere Redensart, welche die zähe Bewahrung der Tradition unter den Juden erweist, ist die vom „Ristoteleskopf." „Aristoteles," sagt Grätz in seiner „Geschichte der Juden", „die in der jüdischen Welt so heimische, dem jüdischen Geiste so verwandte philosophische Autorität, fand auch im jüdisch-polnischen Kreise Verehrer; erzog die Juden mächtig an."__ Herausgeber: sk* Nafchsurr. Verantw. Red.: Dr. Sirgm. ®r anderes, nur im Ghetto erhaltenes Wort aus dem Mittelhochdeutschen „königen" in der Bedeutung „zum Könige machen" reicht gar bis ins Altnordische zurück. Der Worte, die aus dem Mittelhochdeutschen übernommen und mit so merkwürdiger Zähigkeit bewahrt worden, gibt es so viele, dass sie nicht allesammt aufgezählt werden könnten; es seien erwähnt „gel—gelb", „Söldner—Soldat", „entpleken—entblößen", von welch letzterem im gegenwärtigen Deutsch kaum noch das Wort „(die Zähne) bleken, blöken" geblieben ist. Von der geheimnisvollen, tiefen Beziehung zwischen den Deutschen und Juden spricht auch Heine in seinen Studien über „Shakespeares Mädchen und Frauen" bei der Charakteristik Jessikas. Nachdem er die Juden „als keusches, enthaltsames, ich möchte fast sagen: abstractes Volk" „den germanischen Stämmen am nächsten" gestellt und vor allem die Züchtigkeit der Jüdinnen und Germaninnen miteinander verglichen, fährt er fort: „Es ist in der That auffallend, welche innige Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen, herrscht. Diese Wahlverwandtschaft entstand nicht auf historischem Wege, weil etwa die große Familienchronik der Juden, die Bibel, der ganzen germanischen Welt als Erziehungsbuch diente, auch nicht, weil Juden und Germanen von früh an die unerbittlichsten Feinde der Römer und also natürliche Bundesgenossen waren; sie hat einen tieferen Grund, und beide Völker sind sich ursprünglich so ähnlich, dass man das ehemalige Palästina für ein orientalisches Deutschland und das heutige Deutschland für die Heimat des heiligen Volkes, für den Mutterboden des Prophetenthums, für die Burg der reinen Geistheit halten sollte. Vielleicht aber ist es nur ein natürlicher, gleichsam geometrischer Jrrthum des deutschen Juden, wenn er meint, dass sein Volk und das deutsche insonders nahe verwandt wären, und der Engländer oder der Amerikaner, ja sogar der Franzose hegte denselbigen Jrrthum? Alsdann würde es sich erweisen, wie sehr dem Juden gerade eine zionistische Gesinnung verträglich sei mit einer echten, gefühlsinnigen Liebe für das Land, in welchem er geboren wurde und all seine Eindrücke empfangen hat. Richtigstellung. Dr. Nordau ersucht uns, folgendes richtigzustellen: Seite 8. Spalte 1 soll es statt: „das sind ja die classischen Z ü n d e r" heißen: „die clasiischen Länder". Seite 11, Spalte 2 statt: „Ja, wenn die Freude an den Sabbath-G e d i ch t e n . ..", „au den Sabbath g erich te n". Dieselbe Spalte statt: „Was in der Verachtung wühlt, „Was in der Verachtung fühlt." Seite 12, Spalte 1 statt: „Ihr andern seid müßige Glieder", „seid einzelne Trümmer." Herr Schönwetter bittet zu constatieren, dass er nicht Doctor, sondern Kaufmann ist. Herr Rabbiner S e p h ersucht uns zu berichtigen, dass er nicht von Culturvereinen, sondern von Turnvereinen gesprochen habe. Alle seine Ausführungen seien darauf zu beziehen. An uusere Leser! Wir werde» vo» vielen Seite« um Zusendung der Cougressnummer angegangen. Wir find leider nicht in der Lage, diesen Wünsche» zu entspreche«. Die Zahl der neneintrctcuden Abonnenten ist eine so große, dass wir trotz unserer verdoppelte» Austage kaum ausreichcu können. Unsere Abonnenten, welche die letzte Nummer nicht rechtzeitig erhalten haben, bitten wir, diese Verzögerung mit der schwierigen Herstellung der Nummer z» entschuldige», welche die vollständigen CongrcsSverhaudluuge» enthalte» sollte und in einer Massenauflage gedruckt werden musste. _Die Administration. irr. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII, Schlösselg: 11)