Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Drumont und Zador Kahn
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 19 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr 36 jPkSWdr Seite 19 entstellt hätten. Er träumte in seiner Jugend nie davon, der Führer einer auch nur kleinen Gemeinde zu sein, und als das Amt eines Oberrabbiners von Frankreich ihm angeboten wurde, schreckte er vor der Menge des Guten zurück, das zu verrichten in seiner neuen Stellung er berufen war. Dennoch fügte er sich dem Willen der Vorsehung und trat seine Arbeit mit Freuden an; nur fürchtet er, dass noch sehr vieles zu leisten wäre. Iudenthnnr und Deutschthurrr. Von Max Aram. In den deutschen Ostseeländern wird Heuer viel bemerkt, wie zahlreich vermögende jüdische Curgäste eingetroffen aus Oesterreich, insonders aus Wien. Nun könnte man meinen, dass sie doch daheim der schönsten Badeorte genug hätten, und zumal die böhmischen doch in der ganzen Welt berühmt mären. Aber in Böhmen gibt es doch, wenn auch Shakespeare dort eine Flotte landen lässt, keine Seebäder. Und erfrischende, erquickende, salzige Seeluft mag es sein, was diese Kurgäste am meisten bedürfen, welche athmen müssen in der heißen erstickenden Staubluft eines „neuen Ghettos": ob es gleich scheinen mochte, dass diesen armen reichen Patienten nicht sowohl eine physische als eine seelische Abhärtung gut thun dürste. Und sie vergessen, dass sie diese Krankheit, gerade wenn sie sich so zahlreich in den reichsdeutschen Seebädern einfinden, eben dorthin tragen. Es hat auch in den deutschen Bädern niemals an Versuchen gefehlt, sie, wie der tenninus Uiclinicus der antisemitischen Blätter lautet, „judenrein" zu machen; und wenn es bisher auch nur kleinere Badeorte waren, die sich als „judenrein" empfahlen, und wo die Wohnungen „christlichen" Familien zur Miethe angeboten wurden, so dürfte doch verauszusehen fein, dass eine so starke, eigentlich unnatürliche, Invasion österreichischer Plutokraten auch in Heringsdorf, Misdroy oder Heiligendamm iu dieser Richtung eine unerfreuliche Wirkung thun konnte. Aber auch die österreichischen reichen Juden sehen nicht weiter als ihre Rase reicht, und selbst wenn diese schon recht lang ist, wird es gerade kein „weiter Blick". Dergestalt dünkt es ihnen bequemlicher als irgend wo anders selbst bei der pommerschen oder mecklenburgischen Bevölkerung in Deutschland zu wohnen. So ist es nicht immer gewesen; und man kann nicht gerade behaupten, dass Deutschland sich bei den auswärtigen Juden großer Sympathien zu erfreuen gehabt. So viel auch die Antisemiten zu fabeln pflegen von der Einwanderung russischer und galizischer Juden, es steht statistisch fest, dass sie immer mehr abnimmt. Bon Juden, die viel im Auslande gelebt, konnte man oft die härtesten und fanatischesten Aeußerungen vernehmen gegen das deutsche Volk; sie meinten, nur der Deutsche wäre kleinlich und unnobel genug, antisemitische Gesinnung zu hegen: sie spotteten über seine geistige Eingeschränktheit, seine Schwerfälligkeit im Vergleiche zu den Polen oder den Franzosen, wenn sie m Brüssel oder Genf lebten, schwärmten sie für die Franzosen, in Warschau für die Polen mit einer Leidenschaft, die freilich wohl nicht mehr war als Erbitterung gegen das deutsche Heimarsland. Es war ja auch (und ist vielleicht noch) unter den Juden die heitere Legende verbreitet, als .hätte die neueste große antisemitische Bewegung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ihre Ursache allein in der deutschen Bewegung der letzten Siebziger- und ersten Achtziger-Jahre, als hätte demgemäß Stöcker (einige meinen sogar Bismarck) den ganzen Antisemitismus hervorgerufen, und wenn Stöcker oder Bismarck nicht gelebt hätten, so wäre nimmer in Deutschland die Bewegung ausgebrochen und hätte sich auch über die Grenzen hinaus verbreiten können nach den anderen Ländern, die russischen Iudenaustreibungen hätten nicht stattgehabt, in Oesterreich hätte man nimmer etwas erfahren von einem Antisemitismus und selbst Drumont wird um seine Originalität gebracht und für einen Famulus „Stöckers" erklärt. Aber auch milde und gutmüthig gesinnte Deutsche meinten, dass die übrigen Volker es besser verstünden als sie, die unter ihnen wohnenden Juden auch völlig zu assimilieren und so für sich zu gewinnen. Es konnte erscheinen, als ob die Deutschen darum so schlecht fertig würden mit den Juden, weil beide einander zu ähnlich wären; was doch auch unter Individuen der Fall zu sein pflegt; zumal, wenn sie sich einander durchschaut haben, wie in der Heine'schen „Begegnung" der Wassermann und die Mixe fid) beibe „t'ennen gar zu gut und suchen sich zu vermeiden." Solange der Deutsche festhaftet an seiner Scholle, mag die Aehnlichkeit kaum bemerklich sein: aber sobald er in die Fremde zieht, was ja wohl zumeist die beweglicheren Elemente sein werden, zumal wenn sie nach Gewinn ausgehen, dann wird doch in der Zerstreuung Beider Lage immerhin ähnlich, und mancherlei Aehnlichkeiten der Anlage treten hervor. Ja, in Schweden werden die Juden und der Deutsche so sehr verwechselt, dass „Tust" «Deutscher» auch den „Juden" bezeichnet, zum großen Leidwesen der deutschen antisemitischen Blätter. Die sonderliche Bezeichnung für den Juden wird nur für die russischen angewandt, welche bisweilen in den Hafenstädten zu sehen sind in Kaftan und . Schmachtlocken, vielleicht auf der Auswanderung aus den Ostseeprovinzen begriffen; von europäisch gebildeten modernen Juden, auch wenn sie etwa eine Beschneidungsseier veranstalten und den Rabbiner zu sich ins Haus laden, will es eine schwedische Dienstmagd nicht glauben, dass sie Juden, so sehr sie es auch versichern, sie bleibt dabei, dass sie Tysk, also Deutsche wären. "Run muss aber gesagt werden, dass hier «.wie übrigens allerorten) beide, der Deutsche und der Jude, gleicherweise — unwillkommen und unbeliebt sind. Jegliches Neble wird ihnen nachgeredet; dass sie kleinlich, geizig und geldgierig wären; dass sie für Geld alles thäten; dass sie keinen Stolz besäßen. Und die Deutschen selber schelten — ganz so wie die Juden — auf ihr eigen Volk und suchen ihr Deutschthum möglichst zu verleugnen; bei nationalen Mischehen, zumal wenn der weibliche Theil der fremde, darf man es wohl als sicher annehmen, dass die Rachkommenschast der fremden Nation zufalle, auch innerhalb des deutschen Territoriums, etwa in den polnischen Provinzen. „Die Deutschen verstehen zu wenig ihr Land zu repräsentieren, deshalb können sie es auch nicht populär machen. Das Volk hat ein feines Gefühl dafür und ihm imponiert stets eine geschlossene, selbstbewusste Persönlichkeit mehr, als eine iveichliche, die keine Energie zeigt. Hätten die Deutschen im Auslande mehr Rückgrat, zeigten sie ein festes männliches Auftreten, statt ihre Nationalität nur allzuoft zu verleugnen, so würden sie auch mehr moralische Eroberungen machen. „Wenn seit dem großen Kriege, seitdem bereits 1S71 auf einem Leipziger Bankett ein Reudeutscher schnarrte, dass sie nicht mehr das Volk der Dichter und Denker sein, sondern dreister Weise alle ihre materiellen Rechte geltend machen wollten — wenn seitdem ein Theil der Deutschen wirklich ein anmaßendes, chauvinistisches und vorzüglich auch antisemitisches Wesen angenommen, so mag dies nur ein Aehnlichkeitsabzug mehr sein. Denn es dürfte auch dem Juden eigenthümlich sein, dass er aus einem gedrückten, befangenen Wesen gerne zu jenem anmaßlichen hiuüberschuelle, welches nun aber gerade auf das alte entgegengesetzte Extrem zurückdeutet. Und dergestalt mag gerade die anmaßliche, hochmüthige Art, welche der Deutsche bei entsprechenden Umständen mit dem