Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Generalstabsschmerzen
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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Sk. 36 Pkt?** Sette 17 versehen, damit sie durch fortwährenden Gebrauch nicht so schnell abgenützt werden. Leider gibt es auch schcinreiche Leute, die zu den Ueberzügen greisen, um ganz schundiae Garnituren damit zu verhüllen und auf diese Weise andere glauben zu machen, sie wären im Besitze kostbarer Möbelstücke. So ungefähr ist der schwache Punkt der Theorie des Selbstmörders vom Mont-Valerien. Der Fehltritt beraubte ihn nicht einer gewisien unbestreitbaren, sittlichen Auffassung. Und wirklich, es tritt dabei hervor, dass in den Augen des Obersten Henry der ganze Generalstab, Boisdefsre, Pellieux, Gonse und andere abscheuliche Baterlandsverräther waren, da er sie ja nicht für würdig hielt, in die Geheimnisie der Fabrication von „Ueberzügen" kür Documente, die das Licht der Sonne nicht sehen dürfen, Einblick zu nehmen. .Uebrigens, wenn er diese Handlung im guten Glauben begangen hat, warum wollte er nicht am Leben bleiben, um den gebärenden Lohn zu empfangen, warum gieng er in den Tod. Das Höchste, was er riskierte, waren nur 5 Jahre Gefängnis. Die Unhaltbarkeit dieser Version ist so augenscheinlich, dass Judet vom „Petit Journal“ seine Gefolgschaft bereits auskündigt hat und das Kind mit dem Bade ausschüttet. Er verlangt die Revision oder die unnachsichtliche Verfolgung des Syndicates; dabei weiß er ganz gut, dass allein die erste Lösung die einzig mögliche ist. Es verbleiben in der Bresche nur noch Drumont und Rochefort; dabei zeigte sich der letztere der Revision gegenüber gleichgiltig. Im Schoße des Ministeriums sind die Meinungen getheilt, aber kaum dass eine Einigkeit zugunsten Dreyfus' zustande kommen wird, dürfte es Demissionen regnen. Am Montag bereits bot Cavaignac seine Demission an, aber Brision bat ihn, zu bleiben. Außer dem Kriegsminister sind nur noch die Minister Trouillot, Viger und Maregvulds gegen die Revision. Auch diese werden wahrscheinlich bald anderen Sinnes werden. Sarrien ist indifferent und wird sich den Wünschen der Majorität des Ministeriums sicher fügen. In Wirklichkeit wartet man auf die Intervention Felix Faure's, welcher, wie cs den Anschein hat, nunmehr entschloffen ist, zugunsten Dreyfus' Stellung zu nehmen, wodurch er sich in diesem Augenblicke keine Blöße gibt. Unterdeffen wird die Kammer bald einberufen werden. Mehrere Deputierte, die sich von den Versicherungen Cavaignac's hinrcißen ließen, bedauern heute ihre Nachgiebigkeit und, sich auf die evidente Bedeutung der eben geschehenen Dinge stützend, wollen sie sich au dem Ministerium für ihre gestrige Feigheit rächen; dieses durch ewige Plackerei verdroffen, möchte ebenso gerne seine Demission geben. In dieser Hinsicht spricht man schon von einem Ministerium Constans, der sich bis nun neutral verhielt. Nun aber bedeutet ein Ministerium Constans nothwendigerweise Trarieux' Rückkehr zur Macht und daher auch die Revision, die mit allem Eifer geführt werden dürfte, den man von diesem erst vor kurzem auf dem Baseler Congreffe bejubelten Champion erwarten kann. Der nächste Schub von Angeklagten dürfte sich allem Anscheine nach schon jetzt vorbereiten. Man spricht bereits von der öffentlichen Enquete über das Verhalten des Commandanten Lauth, der den Obersten Piquart der Absicht bezichtigte, ein Document zu Ungunsten Esterhazys fälschen zu wollen, und des Archivars Gribelin, der im Proceffe Zola behauptete, Piquart hätte dem M. Leblois das geheime Doffier enthüllt. Diese ehrenwerten Officiere des Generalstabes — und ehrenwert sind sie alle, alle — wären für falsche Zeugenaussagen zu verfolgen. Mit dem Sturze Cavaignacs werden du Paty de Clam und mit ihm Esterhazy sicher verhaftet werden. Ich bin überzeugt, dass, wenn in dieser Sache das volle Licht geschaffen wird, und alle Schuldigen ins Gefängnis wandern sollten, die Erzeuger von Rasiermessern sich ein Vermögen machen werden. Die Experten Variuard, Belhomme und Couard, die behauptet hatten, das Borderean rühre nicht von der Hand Esterhazys her, und die in heftigster Weise von Zvla angegriffen wurden, erhielten vom Apellations-Gerichtshofe jeder 10.600 Francs als Schadenersatz zugesprochen. Aber die Sache wurde weiter im Cassationswege verfolgt, und was darüberin letzter Zeit verlautet, erweckt die Hoffnung, dass den Herren bei der Sache eine Blamage sicher ist. Unterdeffen wollte dieser Tage Barinard in einen Familie - zwist versöhnend eingreifen, was ihm thatsächlich soweit gelang, dass die beiden Ehegesponsen über ihn Hersielen und ihn windelweich durchprügelten. Das Resultat der Prügelei war ein gebrochenes Stirnbein und Nasenbein des Herrn Experten. Diese ehelich-dreysusardische Kundgebung, fürchte ich, wird der einzige Trost sein für den Misserfolg beim Cassationshofe. Eine wenig bekannte Behauptung dürfte sein, dass Oberst Henry, der sich in derselben Zelle entleibte, die kurz vorher dem seinetwegen eingesperrten Obersten Piqnart diente, gegen den letzteren Grund zur Eifersucht hatte. Vor fünf Jahren schloss Henry eine Liebesheirat; seine Frau ist gegenwärtig 24 Jahre alt. Henry war hässlich, was man von Piquart auch jetzt noch nicht sagen kann. Die beiden Officiere besuchten sich sehr häufig, denn sie waren seinerzeit Freunde, bevor sie begannen, sich gegenseitig herzlich zu Haffen. In Frankreich kommt selten Licht in eine Sache, solange man nicht.... das Weib entdeckt hat. In der Affaire Dreyfus fehlte eine Frau bis jetzt so sehr, dass ein Mann sich hergeben musste, um sie zu ersetzen — die verschleierte Dame. Die jüdische Colouialbank. (Mittheilungen des Bankcomitüs.) Nachdem der Eongress in der Sache der Bankgründuug die bekannten Beschlüsse gefasst hat, wird mit größter Beschleunigung ans Werk gegangen. Der Einlaus der letzten Wochen war jedoch ein so großer, und die Eongressarbeiten haben die Bankcommission derart in Anspruch genommen, dass Herr D. W o l f f s o h n, der Obmann der Commission, die Einsender, die sich an ihn gewandt haben, ersucht, sich eine kleine Weile mit der Erledigung zu gedulden. In etwa vierzehn Tagen dürfte alles aufgearbeitet sein. Bis zur vollendeten Gründung der Bank in London, die binnen kurzer Zeit erfolgen soll, bleibt Köln die Centralstelle, und zwar leitet Herr D. W o l f f s o h n dieselbe. Anmeldungen und Zuschriften in der Banksache wolle jedoch das Publicum in den einzelnen Ländern an folgende Adressen richten: Für Russland: Landau & Comp, in Lodz. Für Holland, Belgien, F r a n k r e i ch, E n g l a u d : I. Kan n. Waagenstraat 8, Haag (Holland). Für Rumänien und alle B a l k a n st a a t e n : S. P ineles, Galatz. Für Oe st erreich- Ungarn: Tr. Leopold Kahn, Wien, II., Obere Donaustraße 47. Für Deutschland (zugleich Centrale): D. Wolsfsohu, Köln a. Rh., Karolingerring 27. Das vom Congress eingesetzte Bankcomite wird anfangs October in London seine erste Zusammenkunft abhalten, um die Gründung ins Werk zu setzen. Schritte zur Gewinnung einer tüchtigen Kraft für den Posten eines Dircctors der jüdischen Colouialbank wurden bereits eingeleitet. Tic Bewerber, um diesen Posten werden sich dem Bankcomite in London vorznstellen haben. Im Schoße des Comites ist der Vorschlag aufgetancht, nur die bis zum 1. October d. I. gezeichneten Shares den