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Die Welt · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Article
Der Commers
Date
1898-09-09
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 jpkgwr Nr. 36 Appell der Comtesse P io tr o w ska an die studierende Jugend gelangte ein Theaterstück „Der ewige Jude" zur Aufführung. Die Hauptrolle fand in Herrn Metzger („Jung Israel") einen verständnisvollen Interpreten. Bor der rührenden Leidenserzählung des ewigen Juden weichen seine Berflucher, ein Mann und ein Jüngling, in scheuer Ergriffenheit zurück — das ist der Inhalt des packenden Einakters. Nach dem ernsten Theil eine lustige Bluette. Es „stieg" eine „Schnitzelbank", eine Baseler Specialität, die sich von den gleichfalls ortsüblichen Leckerly durch ihre Bitterkeit wesentlich unterscheidet. An missliebigen Persönlichkeiten wird satirisch herum- und herabgeschnitzelt — daher wohl der Name. Die Schnitzelbank, vorgetragen „zu Dritte" von costümierten Sängern, fand den verdienten Beifall. Stürmisch applaudiert wurde der von Profeffor M a n d e l st a m m auf die zionistische Studentenschaft und die Stadt Basel gesprochene Toast. Eine Rede des Delegierten Taubes und ein Toast Dr. L ö w e s auf das jüdische Volk bildeten den Schluss der Feier. An dem Ehrentische hatten die Mitglieder des Actionscomitös, an ihrer Spitze die Herren Dr. H e r z l, Dr. N o r d a u, Dr. G a st e r und Prof. Mandel stamm, ferner der Präsident der Baseler Cultusgemeinde, Herr Dreyfus-Strauß sammt Frau und eine Anzahl der bedeutendsten Delegierten mit ihren Frauen Platz gefunden. Der Commers schloss in vorgerückter Nachtstunde. Rede des Chief-Rabbi Dr. Gafter. Meine Damen und Herren! Wir befinden uns jetzt auf einem ganz anderen Gebiete, als auf dem, auf welchem wir uns gestern, vorgestern und bis vor kurzem noch befanden. Wenigstens vor meinen Augen ist alles das verschwunden, womit wir uns bis jetzt beschäftigt haben. Man hat von Millionen Gold gesprochen, man hat bisher von irdischen Gütern gesprochen, von der Colonisations- und Bankfrage, lauter irdischen Gütern, die jedenfalls von Bedeutung für die unmittelbare Nothwendigkeit sind. Wir treten jetzt in das höchste, in das ideale Gebiet der Erziehung, des Wissens und Glaubens ein. Es soll nämlich hier betont werden, dass wir eine nationale Wiedergeburt gar nicht verstehen können und dürfen, welche sich auf materielle Elemente stützt und beschränkt. Es handelt sich nicht bloß um die politische Wiedergeburt oder nationale Einheit, es handelt sich uns und mir speciell darum, dass auch die alten theuren Güter uns nicht verloren gehen. Wir müssen dem Volke auch gleich das Bewusstsein beibringen, dass wir ein höheres und ideales Streben mit unserem Zionismus verbinden, und so innig verbinden, dass sie von einander nicht getrennt werden können und dürfen, wenn der Zionismus überhaupt lebenskräftig sein soll. Wenn große, kritische, schwere Tage an ein Volk herantreten, so ruft es gewöhnlich seine Todten wieder herauf, es beschwört die Vergangenheit aus der Gruft, sucht ihr neues Leben einzuhauchen. Man erinnert sich des großen Mannes, den man bisher verkannte, man liest seine Schriften, sucht seine Thätigkeit zu ergründen, errichtet ihm Statuen und Monumente und stellt der Jugend ein Bild der Vergangenheit auf. Meine Herren! Wenn Sie wollen, werde ich mir den Ausdruck gestatten: das ist arisch. Wir beschwören die Todten nicht herauf, weil wir nicht an die Vergangenheit allein glauben, wir glauben vielmehr an den Fortschritt der Zukunft. Wir sind bekannt als das Volk der Optimisten. Wenn uns jemand tritt oder wehe thut, wenn es uns schlecht geht, dann trösten wir uns: es wird schon besser werden! Denn wir glauben an den Fortschritt der Menschheit. Wir sehen nicht zurück auf eine goldene Zeit, die verschwunden ist, der ein ehernes oder eisernes Zeitalter folgte, wir sehen umgekehrt der Zukunft hoffnungsvoll oder hoffnungsfreudig entgegen, weil wir glauben, dass die Menschheit von den schlechten Tagen der Vergangenheit zu den besseren Tagen der Zukunft regelmäßig, wenn auch manchmal gehindert, aber doch unaufhaltsam fortschreitet. Das ist der Sinn unserer messianischen Hoffnung und unserer religiösen Tradition: darum können wir uns mit der Cultur der Völker, in deren Mitte wir leben, so vollständig identificieren; denn alles, was groß, alles was edel, alles was mächtig in seinergeistigen Erscheinung ist, ist für uns auch religiös. Damit hat sich das Judenthum stets vereinigt. Daran, meine Damen und Herren, dürfen wir nicht vergessen: Wir sind das einzige Volk, das kein Mittelalter kennt, wir haben keine Zeit der Verfinsterung mitgemacht: während die anderen Völker alle Güter von Hellas und Rom haben vergraben und verschütten lassen, haben wir aus dem Ghetto den Spaten in die Hand genommen und haben für die alten Völker die Güter von Hellas und Rom ausgegraben, poliert und erhalten. Darum sind große Männer in Israel gerade zu jener Zeit erschienen, wo die Dunkelheit und Finsternis, wo Aberglaube und Unwissenheit die Welt beherrschten; in unserer Mitte, wie in der alten Zeit in Aegypten, als dort Finsternis geherrscht hat, hat immer Licht geherrscht und soll herrschen. Wir wollen nicht gestatten, dass die Fackel des Wissens oderdie. Ueberzengungdes Glaubens einen Augenblick in unserer Mitte ansgelöscht werde. MH «O ■A Auf der Reise.

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