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Die Welt · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Article
Die Gallerie
Date
1898-09-09
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 36. jPi?$WdC Seite 5. die Gallerie alle Reden und Debatten im Saale. An dem Jubel im Saale nimmt sie redlichen Antheil, sie ist eins mit den Delegierten im Saale. Sogar zu energischen Missfallsäußerungen lässt sie sich Hinreißen. Wenn der Präsident dann milde mahnt, davon abzulassen, so neigen sich die Frauen vor, wehen mit den Tüchern, die Männer applaudieren, und alle wissen sie in diesem Moment nicht, dass sie sofort nach der Ermahnung wieder ein Gebot überschritten haben. Kann man es ihnen aber übel nehmen? Nicht nur das Herz, auch das Auge findet seine Rechnung, wenn man vom Saale die Gallerie beobachtet. An der einen Seite die Journalisten, die an den beiden langen Tischen im Saale keinen Platz mehr finden konnten. Eifrig über ihre Arbeit gebeugt, richten sie sich nur manchmal empor, wenn der stürmische Beifall des Publicums ihnen einige Zeit der Ruhe gönnt. Ihnen vis ä vis die Baseler- Zionisten, die so wacker an den Vorbereitungen des Congresses theilgenommen haben. Vorne gegenüber dem Präsidium und über demselben die meist von Damen in Hellen Toiletten dichtbesetzten amphiteatralisch gebauten Sitzreihen, die für das Auge einen wohlthuenden Ruhepunkt bilden. Hie und da wird es ein wenig leerer auf der Gallerie. Dann bilden sich Gruppen, die in lebhafter, wenn auch leise geführter Unterhaltung an der Brüstung stehen, sich hinabneigen, nach einem oder dem anderen der Delegierten ihre Gläser richten, bis sie die wieder hereinströmende Menge zwingt, ihre alten Plätze aufzusuchen. Dann nimmt die Gallerie wieder ihre frühere Physiognomie an und ans der Gallerie wie im Saale wird gearbeitet mit Ernst. Eifer und Ausdauer. Der Lunch der Journalisten. Das Presscomitö des zweiten Zionistencongrefies (I. de H aas. Jacques B a h ar, Rev. Stephen W i s e. Boris B a rb a s ch. Prof. Dr. R. Gottheil, Dr. M. R o s e n t h a l und Dr. S. Werner) hatte beschlossen, zu Ehren Doctor H e r z l s, Dr. N o r d a u s, Tr. G a st e r s und Bcrnard L a z a r e s einen Journalistenlunch zu veranstalten. Nach Schluss der Bormittagssitzung des dritten Cougresstages versammelte sich die Mehrzahl der beim Congresse befindlichen Journalisten im Hotel Braunschweig. Unter dem Vorsitze des Präsidenten des Presscomitös, Dr. Werner, tagte die fröhliche Tafelrunde. Während des Mahles begrüßte der Präsident des Presscomitös die Journalisten, deren eifrige Mitarbeit an den Verhandlungen des Congrefies dessen Erfolg erst recht verbreite. Die Ehrung, welche die Journalisten den Ehrengästen erweisen wollten, sei der Hauptzweck dieser Veranstaltung. Aus diese Gäste toastierend sagte er, dass er in ihnen nicht nur die Führer der Zionisten begrüße, sondern auch die Männer, die gezeigt hätten, wozu es Journalisten bringen, welche Stellung sie in der Avantgarde der Menschheit einnehmen können. Nach der Rede Dr. Werners ergriff Doctor H e r z l das Wort. Er sagte, er wolle eine glänzende Rede halten, wie er sie noch nie gesprochen. Sie laute: „Ich gebe das Wort an Dr. Nordau." Dr. Nordau, auf so listige Weise gefangen, konnte nun nicht mehr widerstehen. Er schilderte in einer glänzenden Rede die Thätigkeit des Journalisten. Viel bemerkt wurde der Paffus seiner Rede, in dem er es ablehnte, als Führer zu gelten. Es gebe nur einen Führer, dem auch er gerne und vertrauensvoll folge, und das sei der Führer aller Zionisten, der Präsident des Congreffes. Nun antwortete Dr. Herzl, der dankend auf die Ausführungen Nordaus erwiderte. Dr. Herzl definierte dann den Journalisten als den Mann, der heute schreibt, was morgen die Welt denken wird. Der Journalist genieße eine große Redefreiheit, er könne an der Töte der Gesellschaft marschieren, wenn sein Beruf ihn stets aneisere, den Puls der Menschkeit zu fühlen. M. Bernard L a z a r e und Dr. G a st e r dankten für die Ehre der Einladung. Einer der Journalisten dankte im Namen der beim Congresie anwesenden Vertreter Professor Mandelstamm hält die Programmrede. der Presse dem Pressbureau und seinem Präsidenten für die liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit welcher die Wünsche der Journalisten berücksichtigt wurden. Tie Versammelten ließen dann den Journalismus hochleben. B r a i n i n sprach hebräisch von Israels Wiedergeburt, wobei viel durch die hebräische Preffe geleistet worden sei. S o k o l o f s meinte, die hebräische Preffe sei a l s solche zionistisch, und erinnerte an Smolensky, den ersten Zionistenführer Russlands, der gleichzeitig ein großer Journalist gewesen. M. Jacques B a h a r, trug ein selbstverfasstes Gedicht vor. Da die nächste Congresssitzung bald begann, musste nach kurzem Zusammensein geschieden werden. Die kurze Erholungspause der Journalisten war vorüber, viel zu rasch, wie die Versammelten meinten. F. ß. Der Cornmers. Montag den 29. abends fand der von den Baseler zionistischen Studenten den Congressmitgliedern zu Ehren veranstaltete Commers in der Burgvogtei statt. Der riesige Saal war vollgedrängt, Delegierte und Stndercken saßen durcheinander. Von den Gallerien betrachteten die Baseler mit chren Angehörigen das bewegte Bild. Nachdem die meisten Delegierten erschienen waren, eröffnete Herr stud. Oskar Meyer die Versammlung und übergab Herrn stud. Alfred Beit den Vorsitz. Die Reihe der Darbietungen eröffnete die von Herrn Erwin Rosenberger verfasste Dichtung „Licht", die lebhaften Beifall fand. Der Delegierte aus Braila, Herr H. I. E l l m a n n, einer der unermüdlichsten Kämpfer für die Zionsidee, erzählte in humorvoller Weise die Geschichte seiner Jugenderziehung und unterbrach seine Erinnerungen aus der Schule seines Rabbi durch rücksichtsvolle Uebersetznngen hebräischer tmnini Tür die Gallerien. Hieraus erfreute Obercantor Drujan aus Basel die Commersgäste mit dem überaus gelungenen Vortrag eines hebräischen Liedes von Herrn Masel aus Manchester und des Liedes „Dort, wo die Ceder blüht". Stud. Piekarski („Kadimah"), der hieraus den Vorsitz übernahm, ermahnte die Studenten, den Congress als Manöverfeld zu berrachten, aus dem sie, die Cadetten des Zionismus,- für die Zukunft zu lernen hätten, und ertheilte Herrn Jacques B a h a r aus Paris das Wort zum Bortrage eines Gedichtes „Au das jüdische Weib", zu welchem der muthige Genosse Bernard Lazares sich wahrscheinlich durch den Anblick so vieler eifriger Eongressdamcu hatte begeistern lassen. Nach einem

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