Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Congress-Eindrücke
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 36 'Jiorbait auf der Siebncrtribiine. Anblick der über dem Gebäude wehenden jüdischen Nationalfahne so überrascht, dass er fragte: „Ja, träum' ich?" Als ihm, dem Glattrasierten, einer von den pittoresken russischen Rabbinern die Hand entgegenstrcckle mit dem altjüdischen r Jeja^clier koadi! * da ward er ganz bewegt und sagte; „Jetzt weiß ich, dass es eine jüdische Nation gibt!" Ich betrachte den Congress wie ein großes Kaleidoskop. Während ich dies schreibe, weiß ich noch nicht, was die Endresultate des Congresses sein werden. Aber ich erkenne in diesem Casino einen Mikrokosmos des Judenthums; aber ich begreifein der Fülle von Persönlichkeiten und Typen, die sich aus diesem Boden zusammendrängen, die Vielheit der Elemente, die in ihrer natürlichen Mischung den ewigen Juden ausmachen. All die verschiedenen Gesichter und Gestalten, die nuancierten Arten des Sichgehabens und der Bewegung, die ruhige Pose wie der lärmende Affect, die harten Gegnerschaften wie die begeisterten Zustimmungen — sie alle sagen mir: „Da hast Du die jüdische Nation!" Dieser spontane Eindruck beherrscht den Beschauer vom ersten Atomente an und bleibt frisch und lebendig bis zum Schlüsse: Israels Verbrüderung! Das ist einer der Haupterfolge des e r st e n Congresses gewesen, der zweite Congress hat ihn verbreitert und vertieft, zum Heile der ganzen Bewegung, für die er eine Mitchance des Gelingens bedeutet. . . In solche Gedanken versunken werde ich durch einen donnernden Applaus aufgeschreckt der den ganzen Saal erzittern macht. Was bedeutet er? Er bedeutet, dass die jüdische Nation sich soeben zu ihrem Entschlüsse beglückwünscht, fest auf der neugewonnenen köstlichen Stelle zu beharren, auf ihrer Stelle als Nation unter den Nationen! Assimilation! Sie hat ihr Ende erreicht. Israels Verbrüderung gibt ihr den Todesstoß. Hier haben wir orthodoxes, rabbinisch-conscrvalivcs Judenthum, hier haben wir culturelles, wissenschaftliches, reformiertes Judenthum; eine Stufe weiter — und wir finden das Freidenkerhurn vertreten. Wer denkt aber hier im Congresssaale an diese Gegensätze? Kein Mensch! Die Begeisterung trägt uns hoch über alle Grenzen empor, und wir haben wirklich keine Zeit für die feinen und sorglichen Unterscheidungen. Aber selbst, wenn wir die Zeit hätten, der Frage nachzugehen, warum diese verschiedenen Geltungen uns gleich gelten, warum sie uns gleichgiltig lassen, wir fänden nur die eine Antwort: dass dieser Congress in seinem höchsten Sinne, wie in seinen kleinsten Details nichts anderes ist, als eine friedlich versammelte Familie, eine große Nationalfamilie. Färwahr, von allen vier Enden der Erde sind die Brüder und Schwestern zusammengekommen. Bei diesem Rendezvous lernten sie einander kennen und schätzen und lieben. Nur noch gestern geschah es, dass hier und dort ein Fremder einem Fremden begegnete. Heute sind sie wirkliche Brüder und Schwestern. Wäre dies das einzige Resultat des Congresses, so müssten wir armen Verbannten und Hermatlosen ihn den großen und herrlichen nennen. Der ehrliche Handschlag, mit dem die Zionisten aus Nord und Süd, aus Ost und West einander begrüßen — er ist das Symbol dcr großartigsten Verbrüderung der Menschheit! J. de H. Die Rabbiner,. Gne starke Gruppe auf dem zweiten Congresse bilden die Rabbinen. Sie sind fast alle aus Russland und Galizien. Es sind Orthodoxe, Fromme der strengsten Observanz. Meist sind sie in dem langen schwarzen Seidenkastan erschienen, ein schwarzes Seiden- oder Sammtkäppchen auf dem Kopfe. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgen sie den Verhandlungen. Wird die Discussion lebhafter, hageln die Argumente eines Redners dicht auf den Gegner, den Vertreter eines anderen Antrages nieder, dann sieht man wohl den einen oder anderen seine würdevolle Ruhe aufgeben und plötzlich vortreten. Unwillkürlich hebt er die Hand, schüttelt mit dem Kopfe oder bewegt die Lippen, lautlos zwar aber doch merklich. Er arbeitet mit. Wenn aber ein Gegenstand kommt, in dem er sich eingeweiht weiß, dann nimmt er ruhig das Wort und expliciert von der Rednertribüne aus seine Ansicht in einer Weise, die das Erstaunen und die Bewunderung derjenigen hervorruft, die in dem Juden im Kaftan gerne ein inferiores Wesen sehen möchten. Es ist erstaunlich, in welch wunderbarer Weise die Uebereinstimmung zwischen diesen orthodoxen und den freisinnigen Juden, die den Verhandlungen beiwohnen, überall da zutage tritt, wo es gilt, Differenzen zu beseitigen, die durch allzuschroffe Hervorkehrung eines einseitigen Parteistandpunktes hervortreten könnten. Schon in den Vorconserenzen, die unter dem Präsidium des Chief - Rabbi Dr. Gaste r stattfanden, konnte man dieses besonnene Maßhallen, die Sympathie für die zionistischen Bestrebungen erkennen. Diese Männer, die mit der festen Absicht nach Basel kamen, gemeinsam mit ihren Brüdern an der Regeneration des jüdischen Volkes zu arbeiten, werden zweifellos den Modus finden, welcher ihnen nicht nur die kräftige Mitwirkung am zionistischen Werke gestattet, sondern auch ihren Standpunkt berücksichtigen wird. An Entgegenkommen hat es wahrlich nicht gefehlt. Der Rabbiner dürfte unter den Congressmitgliedern bald ebenso eine ständige Erscheinung werden, wie der Arzt, Advocat, Kaufmann und Journalist. Der Congress wird dadurch gewiss nur gewinnen. Die GlaÜerie. Das war ein Anblick am Tage der Eröffnung des Congresses. Die gewaltige Gallerie des großen Casinosaales bis aufs letzte Plätzchen gefüllt, trotzdem der Raum mit grausamer Oekonomie ausgenützt worden war. Dicht au die Mauer gepresst standen die Leute, die durch „Protection" noch ui den Saal gelangt waren, trotzdem die Thürhüter schließlich den Leuten geradezu verzweifelten Widerstand leisteten. Mit fieberhaftem Interesse verfolgt