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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-09-02
Page
30 (sequence 2)
Language
German
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Seite 30 Nr. 35 Nathans Sohn ließ sich freilich darüber keine grauen Haare wachsen. Der beständigen Moralpredigten des Vetters war er ohnedies schon längst überdrüssig geworden. Mit David dagegen hatte er sich wohl oder übel auseinandersetzen müssen. Noch in der auf diesen Auftritt folgenden Nacht hatte ihn dieser zur Rede gestellt. Harte Worte wären gefallen. Der Redacteur hatte sich die Mühe nicht verdrießen lassen, dem hoffnungsvollen Sprossen seines Hauses ein Privatissimum über das achte Gebot zu lesen. Da Jsak keine Einwendung mehr erhoben, sondern sein Unrecht demüthig eingestanden, schmeichelte sich der Doctor, seine warmen Worte hätten auf den klugen Jüngling Eindruck gemacht. In Wahrheit lag die Sache allerdings anders. Während Jsak der schönen Rede zerknirscht zu lauschen schien, hatte er ganz einfach die mannigfachen Vortheile seines guten Einvernehmens mit dem Vetter berechnet. Nicht nur das fteie Quartier und Abendessen fiel da in die Wagschale, sondern auch das geschulte Urtheil des Journalisten über die politische Lage, die ja auf Handel und Verkehr einen so großen Einfluss übt. Um sich so gewichtige Hilfstruppen zu sichern, war es gewiss klug, eine kleine Demüthigung auf sich zu nehmen. David seinerseits betrachtete es als eine Gewissensftage, den jungen Mann der letzten moralischen Stütze zu berauben, obgleich er, wie wir wissen, des fortgesetzten Verkehrs mit Jsak längst überdrüssig geworden. Aus so grundverschiedenen Beweggründen war zwischen beiden Vettern ein Waffenstillstand ermöglicht worden. Aber der Krieg sollte urplötzlich wieder ausbrechen. Kein Geringerer als Herr Isidor Gelb trug daran Schuld. Das erste Quartal des gemeinsamen Geschäftsbetriebes war abgeschlossen und man musste an die Abrechnung schreiten. Ein kleines Kaffeehaus der Leopoldstadt bildete den Schauplatz dieser denkwürdigen Begebenheit. Die enge Freundschaft, die den Agenten und den „Neffen" bisher verbunden, sollte dabei argen Schaden leiden. Den Grund des Zerwürfniffes bildeten jene kleinen Beträge, die Jsak für seine fingierten Botengänge von den Clienten des „Oheims" erhalten hatte. Herr Gelb beanspruchte die Hälfte dieser Summe für sich, während der junge Goldschild dem „Onkel" nur ein Drittel des durch ihn erzielten Reingewinnes zuerkennen wollte. Die viertausend Gulden hatten binnen drei Monaten 600 Gulden eingebracht. Mit 200 Gulden war nach Ansicht des zärtlichen Neffen der Agent für seine Mühe reichlich entschädigt. Herr Gelb protestierte gegen diese Auffassung so energisch, dass er in der Hitze der Debatte ein mit Wasser gefülltes Glas umwarf. Da Jsak die Caffe führte, war er in entschiedenem Vortheile. Man muss ihm jedoch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sich die größte Mühe gab, sein Gegenüber von der sittlichen Quelle seiner Ansprüche zu überzeugen. Eine volle Stunde saß er dem Agenten gegenüber, den Erregten durch fteundliches Streicheln mit den langfingerigen, mit schwarzen Pulswärmern trotz des Frühjahrs wohlversehenen Händen vorerst beruhigend und ihm dann unermüdlich wieder die Richtigkeit seiner Rechnung erklärend. Als aber Herr Isidor das Glas umwarf, hielt er den Augenblick für gekommen, einen großartigen Abgang in Scene zu setzen. Er sprang mit entrüsteter Miene auf — legte die zweihundert Gulden des Onkels auf den Tisch und rief mit großartiger Würde: „Wenn Sie sich so ungebildet benehmen — Herr Gelb — dann kann ich nicht in öffentlichen Localen mit Ihnen verkehren! Ich nicht!" Sprach's, griff nach seinem Hut und schritt an dem verblüfften Onkel und herbeigeeilten Kellner vorüber — dem Ausgange zu. Der Agent musste sich wohl oder übel fügen. Schließlich hatte er doch die zweihundert Gulden gewonnen, ohne etwas zu riskieren. Er trocknete die Noten, die der kluge Jsak in das ausgegossene Wasser gelegt, vorsichtig ab und barg sie dann in seine große Brieftasche. Mildere Gefühle zogen in sein Herz. Er war auf dem besten Wege dem bösen Neffen zu verzeihen. Es fiel nicht leicht, einen andern zu finden, der über so viel Bargeld verfügte. Herr Gelb nahm sich vor, den jungen Menschen noch an demselben Abend aufzusuchen und einen neuen Contract mit ihm abzuschließen. Dass er ihn über das Ohr gehauen, trug er ihm nicht nach. Der Agent winkte den Aufwärter herbei und legte ein Silberstück auf die Tischplatte. Da der Kellner ruhig stehen blieb und kein Geld herausgab, ftagte er ihn unwirsch, auf was er denn warte. Nun stellte es sich heraus, dass Jsak vergessen, seine Zeche zu begleichen und der gute Isidor für ihn zahlen müsse. E'nen Augenblick war Herr Gelb über diese Entdeckung sprachlos. Er war sicherlich ein fleißiger Mann, der keine Gelegenheit versäumte, das liebe Geld zu sammeln! Aber einem Freunde und obendrein einem Glaubensgenossen einen solch losen, kränkenden Streich zu spielen — das hätte er, Isidor Gelb, nie gethan! Dass Jsak in einer Cavalierlaune einen schwarzen Kaffee mit Schnaps getrunken, während er sich mit einem Zuckerwasser begnügt hatte, vermochte dem geknickten Manne nur mehr ein ergebenes, wehmüthiges Lächeln zu entlocken. Es geschah ihm ganz recht! Rheinwein und Burgunder hätte der Jüngling bestellen müssen, wenn Isidor Gelb die Zeche zu zahlen bestimmt war. Ja, ja — es geschah ihm ganz recht! Er war zu gut für diese Welt! Man gieng über ihn zur Tagesordnung über. Sich mit solchen traurigen Gedanken tragend, lehnte er am Flussufer und blickte wehmüthig in das rasch dahinfließende Waffer. Allmählig kehrte die Spannkraft seines Geistes wieder. Er fühlte die erlittene Uebervortheilung als eine brennende Schmach, die auf irgend eine Weise wertgemacht werden musste. Das Geld für die Zeche musste er wiedererhalten. In der Seele dieses merkwürdigen Menschen hatte jetzt kein anderer Gedanke, kein anderer Wunsch Platz. In fieberhafter Erregung arbeitete sein erfinderischer Geist auf dieses kleine, unbedeutende Ziel hin. Allerlei Möglichkeiten wurden erwogen, allerlei Pläne entworfen. Bon Jsak selbst war nichts zu hoffen. Vielleicht aber von seinen Verwandten — von David Goldschild! Der musste ganz anders geachtet sein als der verschlagene „Neffe", sonst hätte dieser dem Agenten nicht so ausdrücklich verboten, die Wohnung zu betreten. Ja — ohne Zweifel — das war der richtige Weg. Kurz entschlossen, suchte Herr Isidor Gelb den Doctor in der Redaction des „Freien Blattes" auf. (Fortsetzung folgt.)

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