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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 29

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Die Poesie des Judenthums
Date
1898-09-02
Page
29 (sequence 2)
Language
German
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Ätr. 35 j*tym (Seite 29 poesievollen Gestalt gar nicht sahen, so trübten den Blick jüdischer Dichter vor dem Ghetto politische Empfindungen. Man sah in chm nur ein „Stück Mittelalter", und in täppischem, gleichsam Nikolaischen Aufklärungsdünkel und zugleich mit peinlichem Gefühle blickte man auf alles herab, was noch mit dem Ghetto zusammenhieng; wie der Jude überhaupt nicht gerne nach rückwärts schaute und ohne jegliches historische Gefühl immer den ausgesprochensten Typus des modernen Menschen zeigte. Dieser moderne Typus, der zugleich der des rein privaten, individuellen Menschen, ist der Poesie vorzüglich gemäß. Ter Literarhistoriker Scherer fragt mit Recht, wie denn die so poesievolle Erscheinung des jungen Goethe mit dem historischen Deutschen zusammenhänge. Goethe selber empfand es in seiner Abneigung gegen das deutsche Studentenleben, gegen das sein Freund Merk sogar einen charakteristisch leidenschaftlichen Hass empfunden hat. Goethes Milieu war doch eigentlich das des reichen Handelsstandes, wie es auch der Poesie von I. P. Jacobsen und zum Theil von Gerhard Hauptmann eigenthümlich ist. Und diese feine, zarte, künstlerische Atmosphäre ist gerade die Poesie, deren auch der moderne Jude in der peinlichen Zwangslage seiner halben Existenz noch leichter theilhaftig wird, als der erd- und schollengebnndene Deutsche. Es gibt Gestalten moderner deutscher Dichter, die, weil sie in diesem reichen Handelsstande leben, ein aufmerksamer Beobachter ohne weiteres für jüdische ansprechen möchte; unter anderen den jungen Kaufmann Adolf im „College Crampton" und in Hartlebens „Erziehung zur Ehe" der reiche Kaufmannssohn Hermann. Der moderne junge Jude, der künstlerischen und nicht politischen Interessen zugewandt ist, besitzt denn auch einen feinen, anmuthigen Reiz, wie kaum irgend ein anderer Jüngling; während freilich der wisfenschaftliche und politische junge Jude diesen poetischen Reiz gleichsam völlig dnrchrissen hat. Er ist der Erbe der Talmudiften; ein junger, sehr scharfsinniger, russischer Jude, kann ein Buch schreiben, „Goethes Charakter, eine Seelenschildernng", wo gerade Goethe keine Erscheinung anders als rund und voll in ihrer conercten d. i. poetischen Sinnlichkeit nehmen konnte und solch Buch über seinen „Charakter" gewisslich als das Unerfreulichste empfunden hätte. Die feinen, poetischen Juden hingegen mögen auch einen oemgemäßen Stammbaum haben, wie zum Beispiel Heine von Hofjuden abstammen soll und Anerbach erzählt, dass unter seinen Vorfahren ein leichtsinniger Geiger gewesen, der ihm viel von seinem Blute vererbt. Aber der moderne, jüdische Poesietypus zeigt doch auch noch eine andere Seite, und diese reicht über die Ghettoexistenz zurück, sogar bis zum alten Testament, den Büchern Hiob und Koheleth. Dies ist das Gedankenleben, wie sich das jüdische Volk ja auch nur als Gedankenvolk durch die Jahrtausende hat Hinschleppen können. Wenn für die anderen Völker zu der privaten Existenz noch das kriegerische Element hinzutritt, so mag für den Juden in seiner zarten, individuellen Existenz das Gedankenleben gleichsam das heroische Element Der Zionismus könnte für die Poesie des Judenthnms dieses heroische Element desgleichen darstellcn. Aber der Dichter braucht fertige Zustände, und wenn Franz Mehring, der Berliner Aesthetiker der Svcialdemokratie, den deutschen Staturallsten den Vorwurf machte, dass sie zwar die Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft und das leidende Proletariat darznstellen wüssten, aber die idealen Zukunftshoffnnngen nicht, die darüber schwebten, so mag er wahrlich Unbilliges gefordert und den Mangel an künstlerischem Verständnis erwiesen haben. Das Werdende, Chaotische einer Epoche, kann diese freilich zu einer poetisch höchst fruchtbaren machen, und man könnte sich in der Zeit des werdenden Zionismus gar wohl eine große Blüte jüdischer Poesie vorstellen. Aber sie könnte nicht mit dem Zionismus in die Zukunft weisen. Der jüdische Dichter vermag sich auch mit der wunderlichen, peinlichen Stellung seines Volks im gegenwärtigen Culturleben am ehesten auszusöhnen, ohne dass diese Aussöhnung eine vollkommene und dauernde sein könnte, worüber in einer ganz wunderbar übereinstimmenden Weise die herrlichen Worte sprechen, die Goethe über sein Verhältnis zur deutschen Station gesagt hat: „ . . . Ich habe oft einen bitteren Schmerz empfunden, bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit anderen Völkern erregt uns schmerzliche Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hinwegzukommen suche, und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber zu heben vermag: denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität, aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewusstsein nicht, einem großen, starken, geachteten und gefürchteten Volke anzngehören ... Uns einzelnen bleibt inzwischen nur übrig, einem jeden nach seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stellung, die Bildung des Volkes zu mehren, zu stärken und durch dasselbe zu verbreiten nach allen Seiten, und wie nach unten, so auch und vorzugsweise nach oben, damit es nicht zurückbleibe hinter den anderen Völkern, sondern wenigstens hierin voranstehe, damit der Geist nicht verkomme, sondern frisch und heiter bleibe, damit es nicht verzage, nicht kleinmüthig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher großer That, wenn der Tag des Ruhmes anbricht." Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (17. Fortsetzung.) Jsak zog es vor, ihnen langsam zu solgen, obgleich er von ihnen keineswegs Schmeicheleien zu hören bekam. Und er that recht daran. Denn es bedurfte zwar einer Weile, bis die beiden Holzer die nichtswürdigc Absicht durchschaut hatten. Dann aber brach der Sturm los. Die Adern an den Schläfen des Vaters schwollen mächtig an, während Georg in der ersten Wull) einen der Psähle aus dem Boden riss, als gälte es, durch die Kraft der Faust seine Erde zu vertheidigen. „So ein Windbeutel!" schrie der Vater. „Glaubt ehrlichen Leuten ihre Sach' abschwatzen zu können!" „Da müssen's aber früher aufstehen, Herr Jsak!" höhnte der Sohn, die Rebenstange wieder in die Erde stoßend. „So ein elendiger..." Zum Glücke murmelte er den Schluss des Satzes unverständlich zwischen den Zähnen. Selbst die gutmüthige Lisi war in Heller Entrüstung. ..Nein — so ein schlechter Mensch!" wandte sie sich mit fragendem Tone an ihren Gatten, als müsse es ihr erst dieser bestätigen, dass Gott derartige Geschöpfe erschaffen. Karl-Raphael hielt seinerseits seine Meinung nicht hinter den Bergen. Er schlug vor, eine Novene zum Heiligen Aloysius abzuhalten, um den gewissenlosen Vetter von der verderblichen, abschüssigen Bahn zu erretten. Nur Dr. David schwieg. Er fand für Jsaks Benehmen weder ein Wort des Tadels, noch der Entschuldigung. Aber sein Gesicht war erschreckend bleich geworden. VIII. Jsak Goldschild bewies viel Menschenkenntnis, wenn er sich nach jenem Vorgänge nicht mehr im Paramentengeschäfte der Mariahilferstraße sehen ließ. Karl-Raphael hätte ihm ohne Weiteres die Thüre gewiesen. Der fromme Handelsmann wollte zwar des verirrten Schafes im Gebete gedenken, aber bis dieses erhört, keine weitere Gemeinschaft mit dem Sünder haben.

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